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Illustration: www.pro-quote.de
Interview

"Einfach mal den Spiegel putzen"

Der Verein ProQuote engagiert sich seit zweieinhalb Jahren für mehr Frauen in leitenden Positionen der Medien. Vorstandsmitglied Melanie Ahlemeier zieht im Interview eine Zwischenbilanz: Das Thema sei in den Köpfen angekommen.

von Luisa Pischtschan und Martin Koch

p&k: Frau Ahlemeier, seit 2012 gibt es den Verein ProQuote. Bis 2017 wollen Sie erreichen, dass mindestens 30 Prozent der Führungspositionen in den Medien mit Frauen besetzt sind. Schaffen Sie das?

Melanie Ahlemeier: Die Chancen stehen gut. Man merkt, dass sich seit der Vereinsgründung recht viel getan hat. Ziel ist es, dass wir den Verein 2017 auflösen, weil er sich bis dahin selbst überflüssig gemacht hat. So was gab es noch nicht. Dass sich ein Verein ein Ziel vorgenommen hat, bei dessen Erreichen er aufgelöst wird. Ich finde diese Vorstellung sehr charmant.

Woran machen Sie fest, dass sich in Sachen ProQuote viel getan hat?

Daran, dass unser Anliegen in der Medienbranche wahrgenommen und weiterverbreitet wird. Mitte August haben wir auf einer Klausurtagung des Vereinsvorstandes gerade über dieses Thema diskutiert. Es ist schon toll, dass viele Medienverantwortliche unsere ProQuote-Reaktion vorwegnehmen, zum Beispiel im Newsletter des Online-Mediendienstes turi2. Da heißt es dann zum Beispiel, wenn ein Chefposten mit einer Frau besetzt wurde: "Punkt für ProQuote". Das ist genau das, was wir wollen: in die Köpfe hineinkommen. Und das klappt ganz gut.

Wenn man sich allerdings die Chefredaktionen der Tageszeitungen anschaut, stellt man fest, dass sie nach wie vor sehr männlich geprägt sind.

Das stimmt. Es ist natürlich ein beharrlicher Weg, den wir gehen, der auch etwas Zeit benötigt. Die eigentliche Frage ist doch: Warum brauchen wir so etwas wie ProQuote überhaupt? Es gibt viele Frauen im Medienbereich, auch hochqualifizierte. Dennoch ist es nach wie vor eine Männerdomäne. Darauf müssen wir als Verein beständig und nadelstichartig hinweisen. Nicht mehr im alten feministischen Kampfstil, sondern eher mit einem Augenzwinkern. Das gelingt ProQuote ganz gut. Natürlich findet nicht jedes Mitglied jede Aktion gleich toll, aber das muss der Verein aushalten. Das Ziel ist entscheidend.

In einem von Ihrem Verein unterzeichneten Offenen Brief an die "Medientage München" wurde Mitte August kritisiert, dass in den Panels des diesjährigen Kongresses kaum Frauen sitzen würden. Die Veranstalter erwiderten daraufhin, dass die Medientage "ein Spiegelbild der Branche" seien. Was würden Sie dem entgegnen?

Vielleicht müssen sie in München einfach mal den Spiegel putzen, damit der Staub runterkommt, denn das ist doch ein sehr altes Bild. Immerhin haben die Organisatoren auf den Brief reagiert und eine Einladung ausgesprochen. Zudem war er in den Medien ein großes Thema. Er wurde viel kommentiert, vor allem in den sozialen Netzwerken. An diesen Reaktionen hat man gesehen, dass die Medientage mit ihrer Einschätzung völlig falsch lagen. Gerade als moderner Medienmacher sollte man Frauen auf dem Radar haben. Natürlich gab es Ines Pohl und Miriam Meckel, die vor einigen Jahren in der Eröffnungsrunde des Kongresses saßen – aber das reicht nicht. Die Medienwelt ist doch weiblicher geprägt, als es viele Männer wahrhaben wollen.

Ihre Initiative ist eng mit dem personellen Wandel in der Medienbranche verknüpft. Diese steckt gerade in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation, Redaktionen werden kleiner. Damit fallen natürlich auch Führungspositionen weg. Sind die Forderungen von ProQuote in solch einer angespannten Lage überhaupt umsetzbar?

Ich glaube nicht, dass die wirtschaftliche Situation der Medien unseren Forderungen entgegensteht. Die Redaktionen werden ja auch nicht generell kleiner. In manchen Verlagen werden die Print- und Online-Redaktionen zusammengelegt, parallel gibt es durchaus auch neue Funktionen. Gerade im Online-Bereich existieren gute Beispiele, dass Frauen relativ rasch aufsteigen können – etwa die Kollegin Juliane Leopold von "Zeit Online", die jetzt Chefredakteurin von "BuzzFeed Deutschland" wird.

Wenn Sie sagen, dass die Frauen ihre Chance vielleicht eher in den Neuen Medien suchen müssen, ist das nicht auch ein Stück weit Resignation vor den etablierten Strukturen in den Redaktionen?

Um Gottes willen, nein! Das ist keine Resignation. Ich sage ja nicht, dass Frauen in den traditionellen Medien keine Chancen haben und deshalb auf Social Media umschwenken sollten. Ich glaube einfach, dass Frauen sich nicht ausschließlich nur auf traditionelle Medien fokussieren sollten. Sie müssen sich breiter aufstellen. Das gilt aber für Männer gleichermaßen.

Blicken wir ins Jahr 2017: Wenn sich in Sachen Frauenanteil in den Führungspositionen bis dahin nichts geändert hat, braucht die Medienbranche dann eine politische Lösung wie die angedachte Frauenquote für Unternehmensvorstände?

Wir als Verein ProQuote machen keine Parteipolitik. Es gibt natürlich Kolleginnen im Verein, die eine Quote für Aufsichtsrätinnen gut finden. Ich meine, dass es der Wirtschaft gut tun würde, wenn dort mehr Frauen gefördert würden und in verantwortungsvolle Positionen kämen. Generell gilt ja: Die Frauenquote müsste in vielen gesellschaftlichen Bereichen gestärkt werden. Da müssten auch Politik und Wirtschaftselite viel aktiver werden. Aber wir sind eben in Deutschland. Hier geht manches eher langsam über die Bühne.
 

Melanie Ahlemeier

ist Wirtschaftsredakteurin der "Süddeutschen Zeitung". Nach ihrem Volontariat bei der "Deutschen Presse-Agentur" arbeitete sie für die "Financial Times Deutschland" und leitete unter anderem das Nachrichtenressort bei der "Bild"-Zeitung. Ahlemeier ist Mitglied des ProQuote-Vorstandes und lebt derzeit in München. (Foto: Clemens Bilan)