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Lebhafte Diskussion um Mettbrötchen: Frühstück in einem Café in Witten mit CDU-Kommunalpolitikern und Mitgliedern von Moscheevereinen, Foto: Thomas Seuthe

Eine Muslimin für Merkel

Cemile Giousouf ist türkischstämmig, muslimisch – und will für die CDU in den Bundestag. Dritter Teil der Serie über Bundestagskandidaten.
 

von Nicole Tepasse

Das hat Cemile Giousouf in letzter Zeit nicht oft erlebt. Als sie sich an diesem Samstagmorgen im Mai im Hagener Bürgeramt anmelden will, Dokumente ausfüllt, Unterschriften leistet und dem Sachbearbeiter auf die Frage nach ihrer Religionszugehörigkeit „Ich bin Muslimin“ antwortet, beachtet das ihr Gegenüber gar nicht weiter: „Für die Statistik wird nur erfasst, wer evangelisch oder römisch-katholisch ist.“ Dass ihre Religion keine Rolle spielt – eine neue Erfahrung für die Frau mit der Ponyfrisur. In den vergangenen Monaten haben sich viele Menschen vor allem deshalb für sie interessiert, weil sie als erste türkischstämmige Muslimin für die CDU in den Bundestag einziehen will.


Was für die Christdemokraten eine Premiere ist, bedeutet für Cemile Giousouf, 1978 in Leverkusen geboren, vor allem, dass sie jetzt in Hagen zuhause ist und ständig neue Attribute über sich liest: „Wunderwaffe“, „Türöffnerin“, „Merkels Migrantin“. Ihre Kandidatur sei ein Meilenstein, eine strategische Pilotmission. Endlich! – so lauteten viele Kommentare in ihrem Facebook-Account, sagt Giousouf.


Aber es gibt auch andere Stimmen. Parteiinterne Kritiker monieren, sie habe sich noch nicht wirklich verdient gemacht um die Partei, und mache lediglich aufgrund ihrer Herkunft – ihre Eltern stammen aus Griechenland und gehören der dortigen türkischen Minderheit an – und ihrer Religion Karriere. „Vetternwirtschaft“ lautet ein weiterer Vorwurf, auch in Richtung des CDU-Landesvorsitzenden in Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet. Giousouf lächelt das weg: „Natürlich habe ich Mentoren.“ Und zu ihnen gehöre neben dem Vorsitzenden des Deutsch-Türkischen Forums Bülent Arslan eben auch Laschet. „Er hat meinen Weg immer unterstützt.“


Ihr Weg geht so: 2004 wird die damalige Studentin der Politik- und Islamwissenschaften Mitglied im Deutsch-Türkischen Forum (DTF), einer Unterorganisation der CDU in NRW, dessen stellvertretende Vorsitzende sie seit 2008 ist. Im gleichen Jahr wird sie Referentin im nord­rhein-westfälischen Integrationsministerium, für das bis 2010 Armin Laschet als Minister zuständig ist. Der 52-Jährige ist schon lange davon überzeugt, dass seine Partei sich nicht nur mehr um die Interessen von Migranten und Zuwanderern kümmern muss. Sie müsse ihnen auch verantwortliche Positionen übertragen, damit sie sichtbar werden.


Nicht nur, aber auch deshalb befürwortet er Giousoufs Kandidatur: „Eine Kandidatin mit Zuwanderungsgeschichte und türkischen und griechischen Wurzeln würde der wichtigen Gruppe der Zuwanderer eine Stimme geben. Und als Muslimin, die sich zu den Grundwerten der CDU bekennt, symbolisiert sie, dass die CDU offen ist für jeden, der sich zur Politik aus dem christlichen Menschenbild bekennt, auch wenn er einer anderen Religion angehört.“ – „Das fehlt uns – vor allem in den Parlamenten“, ist auch Giousouf überzeugt. Für sie ist klar, dass die Partei die geschätzten 5,6 Millionen Wähler mit Migrationshintergrund anders ansprechen muss, wenn sie sie für sich gewinnen will.


Auf Platz 25 der Landesliste


Das hat auch die Parteispitze erkannt. Auf dem Parteitag Ende 2012 in Hannover hat Generalsekretär Hermann Gröhe das CDU-Bundesnetzwerk Integration ins Leben gerufen, um eine Strategie für die anstehende Wahl vorzubereiten und Parteimitglieder mit Migrationsgeschichte, die kandidieren wollen, zu unterstützen.


So kam eines zum anderen und Giousouf nach Hagen: Denn als in der Ruhrgebietsstadt – knapp 190.000 Einwohner, davon 70.000 mit Migrationshintergrund – zunächst niemand als CDU-Kandidat in den Bundestagswahlkampf ziehen wollte, machte sich eine Kommission auf die Suche – und fand Giousouf.


Und sie setzte sich durch. Zunächst gegen einen überraschenden Gegenkandidaten in Hagen, dann im März 2013 bei der Landesdelegiertenkonferenz in Münster. Bei der Bewerbung um den sicheren Platz 25 der Landesliste warf kurzfristig Sylvia Pantel ihren Hut in den Ring. Leistung und Erfahrung in der Partei müssten sich lohnen, argumentierte die Politikerin und unterstellte, Giousouf werde aufgrund ihrer Religion bevorzugt. „Ich kann das menschlich ein Stück weit verstehen“, sagt Giousouf zu Pantels Kritik. Aber es stimme eben nicht, dass sie keine Erfahrung habe.


Kein böses Wort


Und auch Pantel müsste es besser wissen. Denn Giousouf engagiert sich nicht nur im Deutsch-Türkischen-Forum. Sie ist seit Jahren kommunalpolitisch in Aachen verankert, hat dort ihre „politischen Lehrjahre absolviert“, wie sie es nennt, und ist unter anderem Mitglied im Vorstand der Frauen Union Aachen. In der Frauen Union NRW hat sie auch Pantel kennengelernt. Kollegial sei die Zusammenarbeit mit ihr und die Gegenkandidatur eben Teil eines Wettkampfes, eines „fairen Wettkampfes“, ergänzt Giousouf, die kein böses Wort über ihre Konkurrentin verliert: „Auch wenn diese Abstimmungen Kraft gekostet haben: So schrecklich, wie es dargestellt wurde, war es auch wieder nicht.“


Im Gegenteil. Sie erfahre viel Unterstützung in der Partei – allein aufgrund der Tatsache, „dass ich Türkin und Muslimin bin“. Die Frage, weshalb sie als Muslimin ausgerechnet für die CDU kandidiert, hat Giousouf schon oft beantworten müssen. Sie kann die Irritation verstehen. Doch für sie gab es nie eine Alternative zur CDU. Nicht nur wegen der Familien-, Bildungs- und Wirtschaftspolitik der Konservativen: „Mir war immer klar, dass ich mich als gläubiger Mensch nur in einer religiös-werteorientierten Partei wirklich wohlfühlen würde.“


Und die Erfahrungen, die sie gemacht hat, bestärken sie in ihrer Entscheidung. „In der CDU wurde ich als Muslimin nicht trotz, sondern wegen meines Glaubens immer mit offenen Armen empfangen. Die Religion, der Glaube ist das Vereinende. Es verbindet mich eher mit meinen Parteifreunden, als dass es uns trennt.“ Dass nicht alle in der CDU das so sehen, weiß sie. Aber sie hat viel zu viel vor, um sich davon aus der Ruhe bringen zu lassen.


Allein an diesem Samstag stehen nach der Anmeldung im Bürgeramt noch drei Termine an. 11 Uhr – Frühstück in einem Café in der Nachbarstadt Witten. Am Tisch sitzen CDU-Kommunalpolitiker, die Integrationsbeauftragte der Stadt Witten, Mitglieder des Integrationsrates und von Moschee-Vereinen. Auf dem Tisch stehen Teller mit Brötchen, die mit Käse, Hähnchen und Salami belegt oder mit Mett bestrichen sind – und die Diskussion wie von selbst in Gang bringen. „Integration heißt auch“, so ein Herr muslimischen Glaubens, „dass das Essen, das bei so einem Treffen serviert wird, zu den Gästen passt“. Dies sei doch kein Affront, keine Beleidigung von Muslimen, entgegnet Giousouf. Schließlich säßen auch Menschen am Tisch, die Schweinefleisch äßen. „Die Bereitschaft zur Integration müssen beide Seiten mitbringen.“


Auf dem Weg zum nächsten Termin spricht sie schon über ein anderes Anliegen: Menschen dürften nicht aufgrund ihres Migrationshintergrunds auf der Strecke bleiben. „Es kann nicht sein, dass sich Migranten achtmal häufiger bewerben müssen, um einen Ausbildungsplatz oder einen Job zu bekommen“, empört sich Giousouf.


Jetzt geht es erst einmal rein in die alte Fabrikhalle, zur Messe „Schau mal über den Tellerrand“. Jeder, der sich in Witten mit Integration beschäftigt, ist da. Giousouf ist gekommen, weil die örtliche CDU sie eingeladen hat. Aber sie nutzt die kurzen Gesprächen auch für ihre eigentliche Message: „Ich will politisches Bewusstsein wecken und klar machen, dass jeder die Geschicke seiner Stadt, seines Landes mitbestimmen kann.“


Zeit für alle


Gerade Kindern von Migranten wolle sie zeigen, was sie erreichen können. Denn nach wie vor passiere vielen das, was sie selbst erlebt hat: Dass sie trotz guter Noten keine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen. Obwohl die kleine Cemile den Vorlesewettbewerb an ihrer Schule gewann, blieb sie zunächst Förderschülerin. Den Wechsel auf ein Gymnasium haben ihre Eltern erkämpft. „Ich will Vorbild sein, Impulse geben“, so Giousouf. Welche Bedeutung allein ihre Kandidatur für viele Menschen hat, zeigt die Reaktion einer Frau, die ein hellblaues, enggebundenes Kopftuch trägt: „Durch Sie weiß ich, dass wir nicht außen vor sind, sondern dass wir dazugehören.“


Weiter geht’s nach Hagen-Hohenlimburg: Ein Freund von Giousouf hat diverse Treffen mit deutsch-türkischen Geschäftsleuten organisiert. Beim Friseur, im Handy- und im Lebensmittelladen, überall sagt die 35-Jährige: „Hallo, ich bin Cemile Giousouf und ich möchte mich vorstellen. Ich bin die CDU-Kandidatin in Hagen für die Bundestagswahl.“ Dann geht es auf Türkisch weiter. Sie nimmt sich Zeit für alle.


Es ist schon Abend, als Giousouf eine Pommesbude betritt. Am Spieß dreht sich der Döner, eine Frau bestellt eine Currywurst. Cemile Giousouf stellt sich zum letzten Mal an diesem Tag vor und noch ehe der Inhaber etwas sagen kann, ruft die Frau: „Hohenlimburg und CDUUU? Das ist hier SPD und das bleibt es auch, jawoll.“ – „Das werden wir nach der Wahl sehen“, kontert Cemile Giousouf und lächelt: „Haben Sie denn schon von mir gehört?“ Die Frau schüttelt den Kopf, überlegt kurz und fragt dann: „Oder sind Sie etwa die, die extra nach Hagen gezogen ist?“