Foto: Getty Images/the_burtons
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Corona-Virus

Eine andere Welt

Das Verhältnis von Markt und Staat wird sich durch die Corona-Krise dauerhaft verändern, meint Joschka Fischer. Teil eins unserer Reihe zur Welt nach Corona

von Joschka Fischer

Das Unerwartete ist eingetreten – ein hochinfektiöses, leicht von Mensch zu Mensch übertragbares Virus – Covid-19 – hat eine globale Pandemie ausgelöst und die Weltwirtschaft zu einer bisher nicht gekannten Vollbremsung gezwungen. Die Welt steht vor einer Rezession, die unseren Alltag tiefgreifend treffen wird. In der Zeit nach dem Virus wird vieles anders sein, manches sogar radikal anders. Das wird auch und gerade für viele Märkte gelten. Bedarfe und Verbraucher werden sich grundsätzlich wandeln, und genau darauf werden sich Unternehmen einstellen müssen. Je schneller, je kreativer und vorausschauender umso besser. Das bietet auch eine große Chance zum Neuaufbau, Überkommenes und Verbrauchtes hinter sich zu lassen. Es ist Zeit, längst notwendige Veränderungen struktureller und technologischer Art energisch anzupacken.

Mit der Covid-19-Krise endet eine ganze Epoche, die unter Thatcher und Reagan in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts begonnen hatte und die den Keynesianismus der Nachkriegszeit in Gestalt des Neoliberalismus ablösen sollte. Dieser war durch den Vorrang der Märkte gegenüber dem Staat, durch weitgehende Privatisierungen und einen radikalen Individualismus gekennzeichnet. Aber jetzt, in der globalen Corona-Krise, wird es mit ihm wohl endgültig vorbei sein, denn der Staat als "Notstands- und Vorsorgestaat" ist zurück, um Menschenleben und die globale Wirtschaft zu retten.

Staat und Politik werden strategische Imperative setzen

Das Gesundheitssystem wird zunehmend der Privatisierung und dem Marktgeschehen entzogen und als wesentliches Element der Daseinsvorsorge begriffen werden. Auch die Pharmaindustrie wird zukünftig ihre Wertschöpfungsketten nicht mehr allein der Kostenkalkulation folgend globalisieren dürfen, weil die Staaten auf einem strategischen Anteil an Produktionsstandorten in ihrem eigenen Souveränitätsbereich bestehen werden. Im Falle Europas ist das die EU. Das gilt auch für die Rückkehr zu einer strategischen Vorratshaltung, wie sie Westeuropa in den Jahrzehnten des Kalten Krieges gewöhnt war.

Das Verhältnis von Markt und Staat wird sich dauerhaft verändern. Die Erfahrung mangelnder Vorsorge wird das Leben und die zukünftige Wertehierarchie mehrerer Generationen prägen. Darauf wird sich die Wirtschaft einzustellen haben, auch auf die strategischen Imperative, die Staat und Politik setzen werden. Ebenso darauf, dass ihr Verhältnis zu Staat und Politik in Zukunft ein anderes, sehr viel mehr durch Abhängigkeit vom staatlich-politischen Sektor geprägtes sein wird.

Deshalb wird die Marktwirtschaft nicht verschwinden, aber die Gewichte werden zwischen Staat und Markt neu und anders justiert werden. In einer Übergangsphase wird absolute Priorität haben, Infektionen zu begrenzen und den völligen Zusammenbruch der Wirtschaft zu verhindern.

Fahrrad und elektrifizierte Automobile erlangen eine neue Bedeutung und Legitimität

Alles, was den persönlichen Kontakt reduziert, wird sich für die Zeit nach der Krise als Chance erweisen und sehr viel davon wird auch für längere Zeit wohl bleiben. Das gilt auch für die Mobilität. Die Krise hat deutlich gemacht, dass in der Moderne Wirtschaft und Gesellschaft entscheidend von Mobilität abhängen und je isolierter diese sich im Personenverkehr gegenwärtig organisieren lässt, desto besser. Insofern wird die Pandemie alle Formen des Massentransports, bei dem viele Menschen auf engstem Raum zusammen sein müssen, infrage stellen. Solange die Infektionsrisiken nicht besser kontrolliert werden können – auch an Flughäfen, Bahnhöfen und Haltestellen in Ballungsgebieten – werden viele Menschen und vor allem Risikogruppen sich von den zuvor geschätzten Verkehrsträgern fernzuhalten versuchen. Die Fluggesellschaften und der Massentourismus werden davon schwer getroffen werden, und völlig neue Hygienevorschriften und Mechanismen erfordern, um das Infektionsrisiko zu verringern. Der Massentransport im Nah- und Fernverkehr, unverzichtbar in einer modernen Gesellschaft, wird sich unter dem Gesichtspunkt der Abwehr von Infektionsrisiken neu erfinden müssen.

In den großstädtischen Ballungsgebieten werden Fahrrad und Automobil eine neue Bedeutung und Legitimität erlangen. Vor allem für Risikogruppen (Alte und Vorerkrankte) werden neue individualisierte Transportmöglichkeiten geschaffen werden müssen, da genau diese Gruppe im hohen Maße auf den ÖPNV angewiesen war. Hier bietet sich eine Chance für neue Mobilitätsanbieter.

Das Automobil wird in den Ballungsgebieten durch die Krise seine zweite Chance erhalten, zugleich aber hat die Krise auch gezeigt, dass Großstädte mit geringerer Schadstoffbelastung möglich sind. Die Diskussion um von den Verbrennungsmotoren herrührenden Luftschadstoffen wird nach der Krise nicht mehr nur eine theoretische sein, sondern Wuhan und Norditalien werden als konkrete Beispiele gelten. Die Corona-Krise ist auch die Gelegenheit, altbekannte Gräben zwischen Automobilindustrie und Umweltschützern hinter sich zu lassen. Dass die Industrie in dieser Krise zuerst mit der existierenden Technologie wieder Geld verdienen muss, ist das eine. Zugleich bietet diese Krise eine unverhoffte, große Chance, Deutschland und Europa definitiv zu elektrifizieren, und so den automobilen Markt und die Luftqualität in den Ballungsgebieten zu erneuern. Es wäre seitens der Industrie extrem kurzsichtig, diese Chance nicht zu nutzen.

Gefahr für Dienstleistungen und Kultur – die Zukunft der Innenstädte wird sich ändern

Die Maßnahmen gegen Covid-19 greifen tief in das selbstverständliche, menschliche Alltagsverhalten ein, mit vielleicht dauerhaften soziologischen und psychologischen Konsequenzen. Menschen sind soziale Wesen, sie hängen von Kommunikation mit anderen Menschen und dem intergenerativen Zusammenleben ab. Genau diese zutiefst menschliche Verhaltensweise, auf der auch wichtige Wirtschaftszweige, wie Handel und Gastronomie und zahlreiche andere Dienstleistungen gründen, gilt nun in den Zeiten des Virus als das größte Ansteckungsrisiko. Der gesamte, auf zwischenmenschliches Beisammensein ausgerichtete Dienstleistungssektor, unter Einschluss der Kultur, wird am stärksten und längsten unter der Corona-Krise leiden. Die Frage nach der Zukunft der Innenstädte wird sich in diesem Zusammenhang stellen. Auch die volkswirtschaftliche und alltagskulturelle Bedeutung kleiner und kleinster Dienstleister darf nicht unterschätzt werden. Ebenso wenig wie die Mietenproblematik bei einem Zusammenbruch der Nachfrage.

Jetzt die Wirtschaft nachhaltig und resilient machen

Der erzwungene Kontaktverzicht bietet für Europa auch die große Chance, seine Defizite bei der Digitalisierung aufzuholen, sowohl im Bildungssystem als auch bei der Generation der Alten, deren Kontakte mehr und mehr digital stattfinden. In Deutschland wird die Corona-Krise auch den Abschied vom Bargeld und den Übergang zum digitalen Zahlungsverkehr einleiten und diese Veränderung dürfte sich als dauerhaft erweisen. Elektrifizierung der Mobilität und Digitalisierung sehr vieler Dienstleistungen und des Bildungssystems und auch neuer Arbeitsformen wie Homeoffice werden die Nachfrage im Energiesektor stimulieren. 

Es wäre ein großer Irrtum und eine vertane historische Chance, wenn man die Viruskrise als Gelegenheit sehen würde, das lästige Thema Klimaschutz und Nachhaltigkeit scheinbar loszuwerden und auf eine industriepolitische Restauration zu setzen. Das gerade Gegenteil ist notwendig, denn die drohende Überlastung des Weltklimas mit seinen konkreten Konsequenzen wird nicht verschwinden. Ganz im Gegenteil hat doch gerade die Covid-19-Krise uns allen quasi im Zeitraffer vor Augen geführt, dass sich eine Menschheit von knapp acht Milliarden Menschen, die von einer globalisierten Wirtschaft abhängt, den Luxus infantiler Verdrängung unerwünschter Tatsachen einfach nicht mehr erlauben kann und darf.

Zum Begriff der "ökologischen Nachhaltigkeit" wird vielmehr untrennbar die Dimension der "Gesundheit" gehören. Eine Debatte, die in der Post-Corona-Zeit nicht nur das Handeln der entwickeltsten Staaten, sondern auch das wichtiger privater Investoren bestimmen wird. Eine resiliente, nachhaltige Wirtschaft und Gesellschaft wird mehr denn je das Ziel sein müssen.

Joschka Fischer

ist ehemaliger Vizekanzler und Außenminister der Bundesrepublik Deutschland (1998 – 2005). Er ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der politischen Strategieberatung Joschka Fischer & Company (JF&C).