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„Ein Mittel gegen die Krise“

Auch nach Ende seiner Zeit als Chef des UN-Umweltprogramms ist Klaus Töpfer weltweit als Trommler für Nachhaltigkeit unterwegs. Jetzt erhielt er den Politikaward für sein Lebenswerk.  

Interview: Sebastian Lange

p&k: Herr Töpfer, Sie haben den Politik­award für ihr Lebenswerk erhalten. Was denken Sie selbst: An welcher Stelle konnten Sie politisch etwas bewirken?
Klaus Töpfer: Ich bin mir sicher, dass das Andere wesentlich besser beurteilen können als ich. Was ich auch im Nachhinein für sinnvoll und richtig ansehe, ist, dass man sich einem bestimmten Bereich der Politik verschrieben hat. Umweltpolitik habe ich zunächst aus Ländersicht als Staatssekretär und Minister in Rheinland-Pfalz, dann in Bonn als Bundesminister betrieben. Und dann kam, in Erkenntnis der Tatsache, dass die Herausforderungen unserer Zeit nur im globalen Maßstab gelöst werden müssen, meine Tätigkeit bei der Uno. Ich glaube, dass das der richtige Weg war.

Sie sind also vom Regionalen zum Globalen gekommen. Umgekehrt fordern Sie aber auch, dass man Umweltprobleme mit einem regionalen Ansatz lösen muss.
Dass die entscheidenden Probleme unserer Zeit nur global bewältigt werden können, bedeutet keineswegs, national und regional untätig zu bleiben, solange ein global abgestimmtes Aktionsprogramm nicht akzeptiert wird. Ein solches Versteckspiel ist unverantwortlich. Im Gegenteil: Man muss seinen Aufgaben im regionalen und nationalen Bereich voll und ganz gerecht werden, wenn man globale Lösungen erreichen will.
Wir können uns nicht einfach mit dem Hinweis zurückziehen, dass es 1,3 Milliarden Chinesen oder 1,2 Milliarden Inder gibt, und sagen, auf uns komme es folglich nicht an. Nein, umgekehrt: Genau auf uns kommt es etwa bei der Technologieentwicklung und in unserem Konsumverhalten an, damit auch Milliarden Chinesen und Inder die Herausforderung einer nachhaltigen Entwicklung nicht außer Acht lassen. Wir können die regionale und nationale Verantwortung nicht an der Globalisierungstheke abgeben.

Sie haben gewarnt, dass wir in der Finanzkrise den Klimawandel nicht aus den Augen verlieren dürfen. Zeigt die Krise nicht wieder nur, dass in unserer Gesellschaft lange schon das Primat der Wirtschaft gilt?
Keine Frage: Das ist eine ernstzunehmende Besorgnis. Wer die Umweltpolitik in den letzten zwanzig Jahren mitverfolgt und mitgestaltet hat, der weiß nur zu genau, wie schnell Prioritäten sich abwechseln, wie schnell langfristige Notwendigkeiten und Vorhaben durch kurzfristige Probleme in Frage gestellt werden. Dies ist eine der ganz großen Gefahren.
Ich wäre der Bundesregierung und vor allem der Bundeskanzlerin dankbar, wenn sie belegt, dass es 2007 nicht nur darum ging, anfordernde Ziele für die Klimapolitik zu fixieren, sondern diese dann auch über die Wirtschaftskrise hinweg mit einem konkreten Handlungsprogramm zu verfolgen. Unmissverständlich deutlich zu machen, dass eine ökologisch begründete Politik, die das Naturkapital wirklich in seinem Wert beachtet, auch ein Mittel zur Überwindung einer Krise ist.

Christian Wulff und Hubertus Schmoldt haben jetzt davor gewarnt, dass Deutschland Standortnachteile erleiden könnte, wenn die Klimaziele der EU wie geplant umgesetzt würden. Wie sehen Sie das?
So lange ich Umweltpolitik mache, ist uns immer wieder gesagt worden, dass wir uns mit Umweltpolitik enorme Standortnachteile einhandeln. Heute wissen wir: Das Gegenteil ist richtig – und Obama beweist dies erneut! Es war richtig, eine Kreislaufwirtschaft gesetzlich einzufordern, wenn die Rohstoffe knapp werden. Das ist ökonomisch eine Notwendigkeit.
Dasselbe gilt für die Entwicklung der erneuerbaren Energien. Jeder, der sich damit beschäftigt, weiß, dass wir drei energiepolitische Ziele haben: die Wettbewerbsfähigkeit, die Versorgungssicherheit sowie die ökologische und soziale Verträglichkeit. Letztere waren lange Zeit so etwas wie ein kleiner, belächelter Appendix. Jetzt weiß wirklich jeder bis hin zu den Chinesen, dass es eine massive Notwendigkeit ist, erneuerbare Energien zu entwickeln. Also: Mit diesem Hinweis, man würde Standortnachteile erleiden, blendet man eigentlich den größten Standortvorteil den Deutschland hat aus, nämlich kreativ auf neue Knappheiten zu reagieren.

Haben unsere Politiker genug Mut, das ­Klimaproblem entschlossen anzugehen?
Wissen Sie, ich habe es nicht mit dem Begriff Mut. Mir geht’s weniger um Mut, es geht um die Durchsetzung des Notwendigen. Ganz einfach. Wir müssen alles daran setzen, den Klimaanstieg innerhalb der Leitplanke von zwei Grad Celsius zu halten. Die EU-Staaten haben das Problem eindeutig und unzweifelhaft anerkannt. Da kann niemand hinterher etwas anderes sagen. Der Klimawandel macht keine Pause, weil irgendwo Banken Pleite gehen und Spekulanten die globale Wirtschaft ruinierten. Der Klimawandel geht dummerweise weiter, und wir können später nicht hingehen und sagen: „Wissen Sie, wir hatten jetzt andere Prioritäten, Banken gingen pleite“.

Sie stammen aus Schlesien, haben im Saarland gelebt und in Nairobi, Sie leben derzeit in Höxter, haben aber eine Wohnung in Berlin. Sie lehren an einer Universität in Shanghai. Wo ist ihr Zuhause?
In Höxter habe ich meine sehr prägenden Jugendjahre verbracht. Da habe ich Abitur gemacht und meine Frau kennengelernt. Da sind auch unsere Kinder geboren. Hier sind wir zuhause, auch wenn wir eine Wohnung in Berlin haben. Das war für uns eigentlich immer kennzeichnend, dass wir mehrere Möglichkeiten behielten. Das war so, als ich im Saarland war, und das war die ganze Zeit auch in Afrika so. Also, wir fühlen uns schon sehr zuhause hier im Ost-Westfälischen, aber wir haben gegenwärtig mehr als nur einen Koffer in Berlin.

Als Sie Leiter des UN-Umweltprogramms in Nairobi waren, sagten Sie in einem Interview, sie seien in Deutschland ein „Politoholic“ gewesen, abhängig von Politik. Können Politiker der Gefahr entkommen, von der Politik abhängig zu werden?
Ich möchte nicht darüber sprechen, was Kollegen empfinden. Ich habe es nur selbst durchlitten, einfach von einem Tag auf den anderen aus dem Politikbetrieb in Deutschland auszuscheiden und mich zwei Tage später mitten in Afrika wiederzufinden. Da funktionierte das Telefon nicht, es gab keine Zeitung, kein deutsches Fernsehen. Dann hast du Entzugserscheinungen. Und da ist mir sehr schnell klar geworden, dass ich politiksüchtig geworden war. Ich hoffe, dass ich darüber hinweggekommen bin. Aber wie es bei allen ist, die Entzugskuren hinter sich haben: Die Gefahr, dass man rückfällig wird, ist immer gegeben. Aber ich glaube, jetzt führen vor allem das Alter und die damit verbundene Weisheit dazu, dass die Rückfallwahrscheinlichkeit langsam gegen Null geht.

Trotz des Alters und der Erdung in Höxter sind Sie aber immer noch Kosmopolit.
Das ist sicher richtig. Ich bin ja nicht zufällig acht Jahre lang global tätig gewesen. Das hat Spuren hinterlassen. Und für dieses Jahr steht noch im Programm, dass ich nach Petersburg fahre. Dass ich noch vor Weihnachten nach Ägypten zu den arabischen Staaten und ihrer Ministerkonferenz eingeladen bin. Bald werde ich auch wieder in China sein, werde wieder nach Indien fliegen, um dort in Delhi an der Konferenz über nachhaltige Entwicklung teilzunehmen. Ich möchte diese veränderte globale Blickweise auch nie wieder aufgeben.

Klaus Töpfer

Klaus Töpfer wurde 1938 im schlesischen Waldenburg geboren. Von 1987 bis 1998 war er Bundesumweltminister, dann Bauminister, anschließend bis 2006 Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Ein Bild von Klaus Töpfer hat sich eingeprägt: Mit Ganzkörperbadeanzug und roter Badekappe sprang er 1988 als Bundesumweltminister von einem Polizeischiff in den Rhein. Er wollte damit zeigen, dass das Wasser des Flusses wieder sauber ist.