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Ein Mann macht sich Sorgen

Die Galionsfiguren von Amerikas Rechten, die US-Präsident Barack Obama bei den Zwischenwahlen ­eine krachende Wahlniederlage zufügten, sind keine Politiker im eigentlichen Sinne: Sie sind TV‑Stars.

Von Volker Kühn

Es gibt ihn mit geballter Arbeiterfaust, mit Osamas Turban auf dem Kopf und mit Hitlerbärtchen. Sie haben ihn in chinesische Propagandaplakate montiert und „Oba-mao“ daruntergeschrieben. Sie haben sein Wahlkampflogo mit Nazi-Adler und Hakenkreuz versehen, und sie haben ihm das dämonische Grinsen des Jokers ins Gesicht gemalt. Dazu pinnen sie sich kleine Buttons an die Brust, „Buck Ofama“ steht darauf, oder sie tragen Pappschilder, auf denen sie ihn zurück in seine Heimat wünschen, nach Kenia, da kommt er schließlich her. Sie nennen ihn einen Verräter, einen Rassisten, einen Moslem. Überhaupt: Merkt denn niemand, dass sein zweiter Vorname Hussein ist? Hussein?
Wo immer die Tea Party, Amerikas ultrarechte Erweckungsbewegung, dieser Tage gegen den US-Präsidenten auf die Straße zieht, herrscht die Atmosphäre einer mittelalterlichen Hexenverbrennung. Zornige Erzkonservative verdammen alles, was nach Obama riecht, nach Washingtoner Establishment oder nach Wall Street. Auch die republikanische Parteielite ist vor ihren Prozessionen nicht sicher. Den vorläufigen Höhepunkt fand diese Hatz jetzt vor den Zwischenwahlen.
Die Tea Party gibt sich den Anschein einer Graswurzelbewegung, eines patriotischen Aufbegehrens aus der Mitte des Volkes. Doch sie hat auch eine Führerfigur, einen Hohepriester, der ihrem Protest Richtung und Munition gibt: Glenn Beck, 46, Amerikas erfolgreichster Fernseh- und Radiomoderator, der unangefochtene Quotenkönig des konservativen Nachrichtensenders Fox News.
Beck, der Obama schon mal vor laufender Kamera einen Rassisten nennt und ihm einen „tiefsitzenden Hass auf Weiße und weiße Kultur“ attestiert, moderiert auf Fox News seit knapp zwei Jahren die „Glenn Beck Show“. Bis zu drei Millionen Zuschauer sitzen täglich vor dem Fernseher, wenn sich Beck an den politischen Ereignissen des Tages abarbeitet – und dabei vor allem erklärt, wie ein aufrechter Amerikaner sie einzuordnen hat. Mehr als 300 Lokalsender strahlen daneben seine dreistündige Radioshow „The Glenn Beck Program“ aus. So bringt es der Moderator mit dem ungetrübten Sendungsbewusstsein nicht nur auf eine beträchtliche Reichweite, sondern auch auf ein imposantes Salär: Über Jahreseinkünfte von mehr als 30 Millionen Dollar spekulieren Medienbeobachter.
Dank Beck und anderer konservativer Moderatoren wie Sean Hannity, Bill O’Reilly oder auch dank der Show von Ex-Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin hat Fox die Rivalen CNN und MSNBC nach Einschaltquoten abgehängt. Während der lange führende Newssender CNN mit differenzierter Information Zuschauer verliert und bisweilen hinter MSNBC auf Platz drei zurückfällt, festigt Fox die Spitzenposition mit Schwarzweiß-Malerei.
Das Erfolgsrezept ist dabei ein mitunter kruder Mix aus Emotionalisierung und Kommentierung. Die Folgen der umkämpften Gesundheitsreform etwa verglich Glenn Beck in seiner Show mit dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor – „mit der Attacke einer fremden Macht auf Amerika“. Über den Bildschirm flimmerten dazu Aufnahmen japanischer Weltkriegsbomber. Unterschwellige Botschaft: Unter Obama müsst ihr früher sterben.
„Wir leben in einem Land, das sich auf dem Weg Richtung Sozialismus und Totalitarismus befindet“ – das ist ein Satz, der bei Beck immer wieder auftaucht, wahlweise auch mit den Schlagworten Faschismus, Marxismus oder Kommunismus. Mit der Beharrlichkeit eines Predigers beschwört er einen krakenhaften Staat herauf, der immer tiefer ins Leben der Bürger dringt. Durch Becks Sätze schimmert das düstere Szenario einer Regierung Obama, die dem kleinen Mann mit horrenden Steuern und unkontrollierter Regulierungswut die Atemluft raubt.

Die Angst im Oval Office ist groß

Belege für seine Thesen liefert Beck selten. Belege muss er nach seinem Selbstverständnis auch gar nicht liefern – schließlich ist er kein Journalist, sondern „nur ein Mann, der sich Sorgen um sein Land macht“, wie er seinem Publikum mit stockender Stimme und tränenfeuchten Augen bekannte. Es geht ihm nicht um Fakten, sondern um einen Wertekanon, um eine religiös-patriotische Grundhaltung. Was nicht in sein Glaubenskonzept passt, wird ausgeblendet. Und in diesem Konzept sind Obama und die etablierte Politik die größte nur vorstellbare Gefahr.
Immer wieder schürt der zum Mormonentum konvertierte Beck Zweifel an Obamas Religion. Nicht, indem er ihn direkt zum Muslim erklärt, sondern indem er seine vermeintliche Nähe zum Islam herausstellt – etwa in Obamas schwankender Haltung zur Moschee am Ground Zero. „Ist Obama ein Muslim oder nicht? Ich frage nur.“
Passend dazu bringt Fox Beiträge, die das Emblem von Obamas Abrüstungsgipfel mit Motiven auf den Flaggen muslimischer Staaten vergleichen. Kann so viel Ähnlichkeit Zufall sein?
„George W. Bush wurde von Linken zwar auch heftig kritisiert, aber sie haben nicht derart gelogen“, sagt der angesehene Autor Jonathan Alter vom liberalen Nachrichtenmagazin „Newsweek“. „Sie kamen in aller Regel nicht mit Geschichten, die nachweislich falsch waren“, so Alter gegenüber der ARD. „Wenn Sie etwas wieder und wieder behaupten, wird eine wachsende Zahl von Menschen es glauben, auch wenn es falsch ist.“
Wie groß die Angst im Oval Office vor der rechten Meinungsmacht ist, belegt der Fall Shirley Sherrod: Im Sommer zeigte Bill O’Reilly auf Fox News ein Video, in dem Sherrod, eine schwarze Mitarbeiterin des Landwirtschaftsministeriums, erklärt, sie habe einem Weißen aufgrund seiner Hautfarbe Zuschüsse verweigert. Anschließend forderte O’Reilly den Rücktritt Sherrods. Da hatte das Ministerium in Kenntnis der nahenden Ausstrahlung Sherrod allerdings schon gefeuert – wie es heißt, auf Druck des Weißen Hauses.
Wenig später stellte sich jedoch heraus, dass das Video nur ein verzerrender Ausschnitt einer Rede war, in der Sherrod allen Rassismus explizit geißelt und zum fairen Miteinander der Hautfarben aufruft. Was folgte, waren ein neues Job­angebot im Ministerium und ein Telefonanruf, in dem Obama Sherrod sein Bedauern ausdrückte.
Fox News weist alle Vorwürfe einseitiger Berichterstattung zurück. Die Meinungsprogramme seien klar als solche zu erkennen, und die Nachrichten zwischen 9 und 16 Uhr sowie zwischen 18 und 20 Uhr objektiv – ganz im Gegensatz zur linkslastigen Konkurrenz.

Zu viel Islamkritik wäre unklug

Mitunter schafft sich der Sender seine Nachrichten sogar selbst.  Für den 28. August, den Jahrestag der „I-have-a-dream“-Rede von Martin Luther King, hatte Beck zu einer Demonstration in Washington aufgerufen, zur „Wiederherstellung der Ehre Amerikas“ wie es hieß. Tatsächlich folgten Zehntausende dem Aufruf. Es war die größte Demo in Washington seit Jahren – und Fox News berichtete entsprechend.
„Heute beginnt Amerika damit, sich Gott zuzuwenden“, begrüßte Beck die Demonstranten. Ein politisches Programm hatte er nicht zu bieten, wie er unumwunden zugab: „Ich wusste gar nicht, was ich hier sagen sollte. Da ging ich auf die Knie und betete, ich sei nicht klug genug. Da sagte mir Gott: Du hast alles, nun füge es zusammen.“ Was er und die spätere Rednerin Palin dann zusammenfügten, blieb vage, von der Beschwörung amerikanischer Stärke mal abgesehen. Auf Angriffe gegen Obama oder anti-islamische Hetze verzichteten sie diesmal.
Womöglich ein geschickter Schachzug: Denn von einer derart großen Bühne hätten ihre Worte leicht bis in die von einer restriktiven Spielart des Islam beherrschten Regionen dringen können. Nicht etwa zu Osama bin Laden, sondern zu Prinz al-Waleed Bin Tala. Dieser ist nicht nur der reichste Mann Arabiens, der das auf Fox verteufelte New Yorker Moschee-Projekt unterstützt. Nein, der Prinz hält auch sieben Prozent an dem Medienunternehmen News Corp – an dem Konzern, dem Fox News gehört. Gewissermaßen der Arbeitgeber von Beck und Palin.

Volker Kühn

ist Journalist und Politikwissenschaftler. Er arbeitet in Hamburg.