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Foto: Picture Alliance/Leigh Vogel/Newscom
Politik

Ein Leben als Feind

Das Verhältnis zwischen US-Präsidenten und Medien war schon immer von Spannungen geprägt. Doch kein Präsident in der Geschichte der USA hat die Presse so attackiert wie Donald Trump. Seit seiner Amtsübernahme befindet sich das Weiße Haus im Kampf gegen die Medien. Ein Buchauszug.

von Jan Philipp Burgard

Als "Feinde des amerikanischen Volks", hat Donald Trump Medien bezeichnet, die kritisch über ihn berichten. So muss auch ich mich als Feind fühlen, wenn ich das Weiße Haus betrete. Besonders heftige Wort­gefechte liefern sich der Präsident und sein Presseteam dort immer wieder mit CNN. Studien zeigen, dass die Spaltung des Landes auch an der Wahrnehmung von CNN deutlich wird. Bei einer Umfrage unter Wählern der Republikaner gaben 89 Prozent an, Trump mehr zu vertrauen als CNN. Dagegen sagten 91 Prozent der Wähler der Demokraten, dass sie CNN umgekehrt mehr vertrauen würden als dem Präsidenten.

Die Polarisierung des Landes manifestiert sich in den Fernseh­gewohnheiten der Amerikaner. Fast jeder geht nur noch in seine Echokammer, um sich in seinen politischen Meinungen bestätigt zu fühlen. Eher liberale Amerikaner schalten CNN oder MSNBC ein, eher konservative neigen zu Fox News. Und die politische Berichterstattung funktioniert immer mehr nach der Logik der Unterhaltungsindustrie: Personen sind wichtiger als Parteiprogramme, Konflikt ist spannender als Konsens, Kommentar verkauft sich besser als Analyse.

Hier zeigt sich ein großer Unterschied zur deutschen Medienlandschaft. In Amerika ist der Rundfunk fast ausschließlich werbefinanziert. Die Sender leben von Werbeeinnahmen, die von Quoten abhängen. Und die steigen nachweislich, je meinungsfreudiger das Programm ist. CNN steuerte im Jahr 2017 einer Rekordquote entgegen. Ein duales Rundfunksystem wie in Deutschland gibt es in Amerika nicht. Nur das mit Steuern und Spenden finanzierte National Public Radio (NPR) und die nicht kommerzielle Senderkette Public Broadcasting Service (PBS) stehen für ein unabhängiges Programm. Beide führen aller­dings nur ein Nischendasein. 

In Anbetracht vieler zu "Krawallkanälen" verkommener US-"Nachrichten"-Sender erscheint mir der Wert des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland umso höher. Trotz mancher berechtigter Kritik schätzt unser Publikum grundsätzlich unsere Unabhängigkeit und vertraut unserer Berichterstattung. Daran ändert auch manches "Lügenpresse"-Geschrei nichts. Laut einer Umfrage von Infratest Dimap zur Glaubwürdigkeit der Medien in Deutschland halten 71 Prozent der Befragten das öffentlich-rechtliche Fernsehen für glaubwürdig. In den USA dagegen vertrauen je nach Umfrage nur noch etwa 30 Prozent der Amerikaner der politischen Berichterstattung konventioneller Medien.

Ist die Pressefreiheit in den USA in Gefahr?

Sieht Jim Acosta, Chefkorrespondent von CNN für das Weiße Haus, die Pressefreiheit in den USA in Gefahr? Nun überlegt der Schnellsprecher doch eine Weile, um dann mit einem klaren "Ja" zu antworten. Und damit meine er nicht nur die direkten Angriffe auf Journalisten und ihre Glaubwürdigkeit. Trump habe sich zum Beispiel auch gegen die Übernahme des Konzerns Time Warner durch AT&T ausgesprochen. CNN gehört zu Time Warner. Jim Acosta sieht die Möglichkeit, dass Trump auf diese Weise versuchte, indirekten Druck auszuüben.
Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe von Konventio­nen, mit denen Trumps Presseteam gebrochen hat.

Viele Jahre lang hatte im Presseraum des Weißen Hauses stets der Korrespondent der Nachrichtenagentur Associated Press das ungeschriebene Recht, die erste Frage stellen zu dürfen. Nun ruft die Pressesprecherin für die erste Frage mit Vorliebe Medien wie Fox News oder das rechts­gerichtete Online­portal Breitbart News auf, die ihrem Präsidenten eher wohlwollend gegenüberstehen. Wegen solcher offensichtlicher Bevorzugungen kam es schon zum Eklat, als zu einem Hintergrundgespräch nur Breitbart News und die Trump ebenfalls treu ergebene "Washington Times" eingeladen wurden. Den Journalisten von CNN, "Politico" und "New York Times" war die Tür demonstrativ vor der Nase zugeschlagen worden.

Und das war erst der Anfang. Besonders bestürzt reagierten die etablierten Korrespondenten, als Trumps Team einer ganzen Reihe von sogenannten Trollen offizielle Presseakkreditierungen für das Weiße Hause gewährte. Ein Troll ist laut Definition des Dudens jemand, der fortgesetzt beleidigende und diskriminierende Kommentare ins Internet stellt. Den bekanntesten von Trumps Trollen lerne ich kennen, während wir gemeinsam im Weißen Haus auf den Beginn des Briefings warten. Lucian Wintrich fällt mir zunächst durch sein freundliches Auftreten auf.

Ein prominenter Troll

Er fragt mich mit offenbar ehrlichem Interesse, was in Deutschland gerade politisch los sei. Seine strahlend blauen Augen werden von einer großen schwarzen Brille hervorgehoben. Win­trich trägt ein eng sitzendes graues Sakko und kommt insgesamt so akkurat daher wie der frisch­gebackene Absolvent einer Elite-Uni. Tatsächlich hat er das renommierte Bard College in New York besucht, in den vierziger Jahren ein Zufluchtsort für Emigranten aus Europa wie Hannah Arendt. Wintrich ist 28 Jahre alt und bezeichnet sich selbst gerne als "jüngsten, schwulsten Korres­pondenten in der Geschichte des Weißen Hauses". Eigentlich könnte er noch das Attribut "rechtesten" hinzufügen. Denn er schreibt für das Internet­portal "Gateway Pundit". Eine journalistische Ausbildung hat er nicht.

Aber das ist auch nicht nötig, um im Netz bösartige Gerüchte zu streuen. Das Medium, für das er schreibt, war etwa während des Präsidentschaftswahlkampfs mit Überschriften wie "Zahnexperte: Hillary Clinton leidet unter ernsthafter Zahnfleischinfektion und Immunkrankheit" aufgefallen. So sollten Zweifel an der körperlichen Eignung Clintons für das Präsidentenamt im Netz verbreitet werden. "Lucian, was ist deine Mission als neuer Korres­pondent im Weißen Haus?", frage ich neutral, während die TV-Teams um uns herum noch in Ruhe ihre Kameras aufbauen.

"Ich möchte der Verbreitung der rein linken Sicht­weisen etwas entgegenhalten. Die Linken haben die amerikanische Kultur infiltriert. Ich bin hier, um etwas dagegen zu unternehmen", sagt Wintrich mit großem Ernst.

Wie er so rechts geworden sei? "An meinem College wurde uns gesagt, was wir zu denken und zu sagen hatten, alles nur in einem linken Meinungsspektrum. Das fand ich antiintellektuell und frustrierend."

Stimmung machen mit erfundenen Geschichten

Seine geistige Heimat fand er, als er während der Ernennung von Donald Trump zum Präsidentschafts­kandidaten am Rande des Republikanischen Parteitags eine Party der Gruppe "Homosexuelle für Trump" besuchte. Dort lernte er Jim Hoft kennen, den Gründer von Gateway Pundit. Hoft wiederum hat einen heißen Draht zu Stephen Bannon, dem damaligen Chefstrategen von Präsident Trump. Bannon führte jahrelang Breitbart News, die er als "Plattform für die Alternative Rechte" bezeichnete. Gegenüber dem Magazin "The New Yorker" erklärte Jim Hoft, "Trumps Leute" selbst hätten ihn ermutigt, sich beim Weißen Haus um die Akkreditierung eines Schreibers seiner Wahl zu bemühen. So wurde Lucian Wintrich "Korrespondent" im Weißen Haus.

Trolle wie er haben für Trump nicht nur den Vorteil, dass sie seine Sicht der Dinge im Internet verbreiten und oft mit Verschwörungstheorien und erfundenen Geschichten Stimmung gegen die Gegner des Präsidenten machen. Auch während der Pressekonferenzen selbst leisten sie tatkräftige Unterstützung – mit harmlosen Fragen. Je mehr Fragen Trumps Pressesprecher die Trolle stellen lässt, desto weniger Zeit des in der Regel rund eine Stunde dauernden Briefings bleibt für die "echten" Journalisten. Diese Strategie führt dazu, dass den konventio­nellen Medienvertretern regelmäßig der Kragen platzt.

Sogar Jon Decker, Radio-Korrespondent des Trump eher wohlgesinnten Senders Fox News und Vorstandsmitglied der White House Correspondents’ Association, war die Akkreditierung von Gateway Pundit zu viel. Aufsehen­erregend konfrontierte er Lucian Wintrich vor den versammelten Kollegen im Saal mit dem Vorwurf, sein Online­medium hasse Schwarze, Juden und hispanische Amerikaner. Wintrich behauptete daraufhin in seinem Blog, Decker habe ihn durch den Raum verfolgt und tätlich angegriffen. Doch kein Augenzeuge im Raum bestätigte die Behauptung. Vielmehr gratulierten verschiedene Journalisten Jon Decker zu seiner Aktion. Als ich Lucian Win­trich auf seine Sonderrolle im Briefing Room anspreche, tut er so, als könne er die ganze Aufregung gar nicht verstehen. "Ich bringe doch nur etwas Vielfalt in den Raum", sagt er und grinst maliziös.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Ausgeträumt, Amerika? Unterwegs in einem gespaltenen Land", das im März 2018 im Rowohlt Verlag erschienen ist.

Jan Philipp Burgard

studierte Politik, Neuere Geschichte und Öffentliches Recht in Bonn und Paris. Als Producer im ARD-Studio Wa­shington erlebte er 2008 den Aufstieg von Barack Obama und promovierte 2011 über dessen "Jahrhundert­wahlkampf". Nach Stationen bei den ARD-Tagesthemen, als Reporter für den NDR und das ZDF sowie als Referent des WDR-Intendanten wechselte Burgard 2016 in die Tagesschau-­Redaktion. 2017 wurde er Korrespondent und stell­vertretender Leiter des ARD-­Studios in Washington. (Foto: Dirk Anschütz)