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„Ein enormes Wutpotenzial“

Sieben Jahre lang war Thomas Steg stellvertretender Sprecher der Bundesregierung.
p&k sprach mit ihm über politische Skandale, öffentliche Wut und wertende Journalisten.

Interview: Johannes Altmeyer

p&k: Herr Steg, als Sie 2002 Vize-Regierungssprecher wurden, beherrschte die damalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin mit ihrem Bush-Hitler-Vergleich die Schlagzeilen. Hätten Sie sich einen ruhigeren Start gewünscht?
Thomas Steg: Ich habe lebhafte Erinnerungen an diesen Vorgang. In den letzten Tagen vor der Bundestagswahl war das das herausragende Thema, neben der Elbeflut und dem bevorstehenden Irak-Krieg. Herta Däubler-Gmelin hatte die Reaktionen auf ihre Äußerungen damals falsch eingeschätzt. Das Thema verselbstständigte sich, führte zu einer intensiven Berichterstattung und hatte am Ende bekanntermaßen diplomatisch-politische Reaktionen zur Folge.

Was sind die wichtigsten Regeln in einer solchen Krisensituation?
Der Umgang mit Skandalen ist eine besondere Form der Krisenkommunikation. Die wichtigste Regel ist, dass man die Situation erst einmal analysiert, sich einen Überblick verschafft. Die größte Gefahr besteht darin, den Beginn eines Skandals, die allererste Berichterstattung, nicht ernst zu nehmen und zu verharmlosen. Dadurch wird die Skandalberichterstattung, die sich am Anfang erst noch entwickeln muss, erleichtert, manchmal sogar befördert.

Gibt es Möglichkeiten, sich auf Skandale vorzubereiten?
Ich glaube, dass alle Personen, die mit Kommunikation zu tun haben, in der täglichen Arbeit ein Gespür dafür besitzen, auf was sie achten müssen und was sich zu einem Skandal auswachsen könnte.

Trotzdem gibt es immer wieder negative Überraschungen.
Und deshalb würde ich jedem Kommunikationsberater empfehlen, keinen Vertrag zu unterschreiben, in dem er versprechen soll, einen Skandal oder eine Skandalberichterstattung zu verhindern. Auch präventive Arbeit stößt an Grenzen. Man kann keinen Skandal ausschließen, man kann nur die Wahrscheinlichkeit minimieren. Außerdem kann man versprechen, professionell mit Meldungen umzugehen, die das Potenzial haben, zu einem Skandalthema zu werden. Aber Sie können nicht alle Anlässe ausschalten. Insofern sind Skandale – auch ganz begriffslogisch – an sich nicht vermeidbar, zumal wir nicht wissen, was in zwei Jahren ein Skandal sein könnte. Sehr wohl jedoch lässt sich der konkrete Verlauf einer Skandalberichterstattung und dadurch die Wahrnehmung eines Skandals beeinflussen und abmildern.

Ein Verstoß gegen gesellschaftliche Regeln ist Voraussetzung für einen Skandal.
Das stimmt, jedoch gibt es unterschiedliche Abstufungen. Zunächst ist „Skandal“ ein moralischer Begriff aus dem Alltagsleben. Man verhält sich den Normen und dem guten Geschmack entsprechend – oder eben nicht. Dann gibt es Skandale, bei denen es um gesetzwidriges Verhalten geht. Das ist eine Straftat oder Ordnungswidrigkeit, wird aber auch als Skandal definiert. Und es gibt den politischen Skandal, eigentlich der Sonderfall. Der ist nicht eindeutig definiert, und das macht ihn so schwierig für Betroffene.

Haben Skandale eigentlich ausschließlich negative Folgen für eine Gesellschaft?
In der heutigen Zeit sind Skandale auf jeden Fall negativ konnotiert. Eine Gesellschaft ohne Skandale wäre in dieser Logik eine bessere. Aber es ist kein menschliches Zusammenleben vorstellbar ohne Skandale. In den 50er Jahren war es in Deutschland ein riesiger Skandal, dass sich Hildegard Knef im Film „Die Sünderin“ halbnackt  gezeigt hat. Darüber würden wir heute lachen, damals war es ein Verstoß gegen die guten Sitten.

Skandale können so auch mit veralteten Normvorstellungen aufräumen...
... oder sie korrigieren. Die Gesellschaft unterhält sich darüber, was an- und unangemessen ist. 50 Jahre nach dem Skandal über „Die Sünderin“ ist die Situation eingetreten, dass Sexualität und Pornografie unseren Alltag zwar nicht beherrschen, man aber überall entsprechenden Darstellungen begegnet. Da hat eine Normalisierung stattgefunden. Vorstellbar ist das nur, weil sich die Gesellschaft anfangs mit einem Skandal auseinandergesetzt hat. Insofern sind Skandale doch positiv für eine Gesellschaft, weil sie daraus lernt und neu festlegt, was ein Normenverstoß ist.

Bauschen die Medien mittlerweile jeden Fehler zu einem Skandal auf? Während der Berichterstattung über Guido Westerwelles Auslandsreisen fiel oft dieser Begriff.
Für Journalisten sind solche politischen Regelverstöße stets potenzielle Skandale. Sie sind nicht bereit zu differenzieren und zu sagen: “Das ist ein gravierender und das nur ein vermeintlicher Skandal.“ Medien gehen nach meinem Geschmack zu undifferenziert, zu beliebig mit der Etikette Skandal um. Aber solange eine Berichterstattung funktioniert, ein Medium sich verkauft, die Einschaltquoten stimmen, ist es aus Sicht der Medien nur rational, von Skandalen zu sprechen. Dann ist Aufmerksamkeit gesichert.

Werten Journalisten heute stärker?
Journalisten haben immer ge- und bewertet. Vielleicht beanspruchen sie vehementer und umfassender als früher die Definitionshoheit darüber, was ein Skandal ist, was ein eher lässliches Fehlverhalten, oder was eine Petitesse ist. Der Trend weist eindeutig in Richtung Skandalisierung und Sensationalisierung. Medienwandel und Medienkonkurrenz spielen da eine wichtige Rolle. Zum einen ist das Fernsehen in den vergangenen Jahrzehnten zum wichtigsten Medium geworden. Emotionen und Empörung spielen dort eine wichtige Rolle. Das hat letztlich auch die anderen Medien beeinflusst. Gleichzeitig gehört dazu, dass bestimmte Nachrichten – Stichwort Skandale –, die zur Empörung Anlass geben, von Teilen der Bevölkerung ganz begierig aufgenommen werden. In der Gesellschaft gibt es, und das hat die Finanzkrise wieder einmal bewiesen, ein enormes Wut- und Empörungspotenzial. Es muss also, was die gesellschaftliche Stimmung angeht, so etwas wie ein Nährboden da sein, damit Skandalthemen wirken können.

Welche Folgen hat diese generelle Skandalgefahr für die Betroffenen?
Diese Personen dürfen nicht annehmen, dass sie – wie beispielsweise ein Wissenschaftler – den Skandal differenziert betrachten und sagen können: „Das ist subjektiv wie objektiv auf gar keinen Fall ein Skandal.“ Es ist eine Illusion zu glauben, man könne einen Skandal begrifflich aus der Welt befördern. Die Mechanismen sind andere und deswegen ist das, was Journalisten in einem solchen Fall vorgeben, erst einmal maßgeblich. Die Betroffenen müssen stets von einem Worst-Case-Szenario ausgehen. Wenn es einen Missstand gibt, sollten sie davon ausgehen, dass daraus ein Skandal werden könnte. Sie sollten froh sein, wenn es nicht so kommt. Aber vorher zu sagen, das ist doch nur eine Nichtigkeit, das muss mich nicht kümmern, ist naiv.

Die öffentliche Wut würde durch so etwas nur steigen.
Ja, denn wir leben in einer „Skandalgesellschaft“. Es gibt ja viele Begriffe, die versuchen, solche Phänomene auf den Punkt zu bringen. Da gibt es zum Beispiel die „erregte Gesellschaft“, die so etwas Ähnliches ausdrückt. Ich bin jedoch vorsichtig mit solchen Zuschreibungen. Skandale hat es immer gegeben. Das gehört – gerade durch die Alltagsmedien – mit zum menschlichen Dasein.

Sind die Deutschen besonders sensibel bei Skandalen?
Natürlich ist das, was in Deutschland ein Skandal ist, nicht unbedingt auch in Frankreich oder Italien ein Skandal. All das, was beispielsweise in Deutschland mit Macht und der Repräsentation von Macht zu tun hat, wird in anderen Ländern zum Teil ganz anders gesehen – großzügiger, undramatischer.

Die deutsche Gründlichkeit als Schutz vor politischem Missbrauch.
Die Art und Weise Dienstwagen abzurechnen, ist in anderen Ländern so nicht bekannt – obwohl es auch da Vorschriften gibt. Bei der Frage „Was verstößt gegen eine Norm?“ mögen andere europäische Länder großzügiger oder bloß gleichgültiger sein, während die Deutschen penibler und bürokratischer sind.

Vermissen Sie die Arbeit als Regierungssprecher? Der Druck, potenzielle Skandale im Vorfeld zu entkräften, war enorm.
Das frühere Leben war nicht nur beschwerlich. Es war zwar anstrengend, aber es hat auch viel Freude bereitet. Nachdem ich ausgeschieden bin, musste ich lernen, ein ganz anderes Leben zu führen und aus einem bestimmten Verhalten herauszuwachsen. Dafür habe ich ein paar Monate gebraucht.

Das heißt, morgens wachen Sie mittlerweile entspannter auf?
Mein Alltag verläuft nun ganz anders. Wenn ich morgens aufwache, muss ich mir nicht mehr sofort einen Überblick darüber verschaffen, wo etwas passiert sein könnte, was mir den Tag verdirbt. Ich kann auch in Termine und Gespräche gehen, ohne mir vorher eine Pressemappe durchgelesen zu haben. Das ist in der Tat wesentlich entspannter.

Thomas Steg

ist promovierter Sozialwissenschaftler. Der ehemalige Redakteur der „Braunschweiger Zeitung“ war von 2002 bis 2009 Vize-Regierungssprecher. Während des Bundestagswahlkampfs 2009 arbeitete Steg für drei Monate als Medienberater für den SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier. Nach der der Wahl wurde der 49-Jährige freier Autor und Lehrbeauftragter für politische Kommunikation an der FU Berlin. Steg ist verheiratet und hat zwei Kinder.