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Ein Blick auf die Sterne

Die Parteien in Deutschland setzen wieder auf ihren politischen Nachwuchs. Doch der Weg nach oben ist für die
„Rising Stars“ oft steinig.

Von Johannes Altmeyer

So schnell können sich die Dinge in Berlin ändern. Am 25. November war Kristina Köhler in Hamburg Gast der Körber-Stiftung, um als CDU-Bundestagsabgeordnete über die deutsche Gesellschaftspolitik zu diskutieren. 48 Stunden später ist die 32-Jährige designierte Bundesfamilienminister und kann die soziale Ausrichtung Deutschlands in Zukunft mitbestimmen. Der plötzliche Rücktritt von Franz Josef Jung und Ursula von der Leyens Wechsel ins Arbeits- und Sozialministerium hatten zu Köhlers Aufstieg geführt. Nach dem 38-jährigen CSU-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und dem 36-jährigen Gesundheitsminister Philipp Rösler, beide hatte p&k 2003 und 2006 als „Rising Stars“ ausgezeichnet, bekommt die schwarz-gelbe Regierung mit Köhler einen neuen Shootingstar. Die drei jungen Kabinettsmitglieder zeigen, dass politische Nachwuchshoffnungen mittlerweile über Nacht aufsteigen können. Wichtigste Voraussetzungen: ein souveräner Umgang mit den Medien – und die direkte Kommunikation mit dem Wähler.
Dass es in Berlin nach dem jüngsten Wirtschaftsminister und Gesundheitsminister aller Zeiten nun auch die jüngste Familienministerin aller Zeiten gibt, macht klar, dass sich in der deutschen Politik etwas verändert hat. Grund dafür ist wieder einmal eine Krise: eine Vertrauenskrise. In dieser nämlich stecken die deutschen Parteien seit einigen Jahren. Die sinkenden Mitgliederzahlen, die fallende Wahlbeteiligung und das niedrige Ansehen der Politiker verdeutlichen, dass es den Politikern immer weniger gelingt, das Interesse der Bevölkerung zu wecken, sie „mitzunehmen“. Umso einfacher ist es für junge Politiker, mit eigenen Ideen aufzufallen. Köhler, zu Guttenberg und Rösler sind zwar die prominentesten Vertreter einer neuen Generation, aber nicht die einzigen. Nach der Bundestagswahl konnte vor allem bei CDU und FDP eine Reihe junger Politiker ins Parlament einziehen. Das schwache Abschneiden der SPD führte dazu, dass bei den Christdemokraten einige Nachwuchshoffnungen ihren Wahlkreis direkt gewinnen konnten. Bei der FDP bedeutet der Stimmenzuwachs, dass auch hintere Plätze auf der Landesliste für den Wechsel nach Berlin reichten. Davon konnte auch Johannes Vogel profitieren.

Nachwuchssorgen bei der SPD

Der Vorsitzende der Jungen Liberalen (Julis) zog auf dem 16. Platz der nord-rhein-westfälischen Landesliste in den Bundestag ein. Vor vier Jahren zog die Liste nur bis Platz 13. Für den 27-jährigen Juli-Chef ist klar, wie ein Jungpolitiker heute punkten kann. „Er muss kommunikationsoffen sein, und zwar auf allen Kanälen. Wer seinen Wählern nicht anbietet, ihm auf allen Netzwerken zu folgen, der verpasst den Anschluss.“ Vogel musste sich an den Online-Wahlkampf nicht erst gewöhnen. Ein Profil in dem Sozialen Netzwerk Facebook hatte er bereits; er begann vor der Bundestagswahl lediglich damit, politische Botschaften zu senden. Auch Kristina Köhler sucht über Twitter den direkten Kontakt zu ihren Wählern. Am 29. November schrieb die Jungpolitikerin: „Wundere mich über Diskussion, ob ich weiter twittere – selbstverständlich! Ich verzichte doch auch nichts aufs Briefeschreiben!“
Doch auch mit den neuen Nachwuchspolitikern, die den Sprung in den Bundestag geschafft haben, sind in der neuen Legislaturperiode weiterhin ältere Parlamentarier in der Überzahl. Von den 622 Abgeordneten sind lediglich 2,3 Prozent unter 30 Jahren. Besonders deutlich zeigen sich die Nachwuchsprobleme bei der SPD-Fraktion. Dort ist Daniela Kolbe, 29 Jahre, die jüngste Abgeordnete und die einzige unter 30. Mit einem energischen Auftritt in der ersten Fraktionssitzung machte sie auch außerhalb des Reichstags von sich reden, jedoch wird sie es in der neuen Legislaturperiode nicht leicht haben. Die wenigen Führungsposten, die es gibt, sind mit etablierten Politikern besetzt. Für Kolbe heißt das: kämpfen. Und zwar allein. Denn bei der SPD gibt es, im Unterschied zu den meisten anderen Fraktionen, kein Mentorenprogramm, bei dem jüngere Abgeordnete einen erfahrenen Kollegen an die Seite bekommen.
Auch deswegen haben sich bei der SPD die jungen Bundestagsabgeordneten zu den „Youngsters“ zusammengeschlossen. Bei der CDU existiert die Junge Gruppe. Dort können die Nachwuchshoffnungen ihre Interessen besser vertreten – und Netzwerke für spätere Aufgaben knüpfen. Fest steht: Wer Teil einer solchen Gruppe ist, wem der Sprung in den Bundestag gelungen ist, der hat den härtesten Teil des Aufstiegs bereits hinter sich. Was also müssen die Jungen tun, um den Sprung nach Berlin zu schaffen?
„Bei der politischen Karriere ist es oft so, dass der Zeitadel belohnt wird“, sagt der Politikwissenschaftler und Parteienforscher Karl-Rudolf Korte. Nur wer regelmäßig an Sitzungen teilnehme, könne damit rechnen, bei der Ämtervergabe berücksichtigt zu werden. Doch die berühmte „Ochsentour“ können Nachwuchspolitiker – wenn nicht ganz – zumindest teilweise umgehen. Korte: „Für sie kommt es deshalb umso mehr darauf an, auf Netzwerke zu setzen, auf die Gemeinschaft. Gleichzeitig müssen sie aber auch über prozeduales Wissen und Medienkompetenz verfügen.“

Ein TV-Auftritt reichte aus

In den vergangenen Wochen zeigte sich wieder einmal, wo Jungpolitiker diese Fähigkeiten am besten lernen können: auf Länderebene. In Sachsen ist seit November der 35-jährige Martin Dulig neuer SPD-Chef. In Brandenburg setzen die Grünen mit Annalena Baerbock, 28 Jahre, und Benjamin Raschke, 26 Jahre, auf den Nachwuchs. Und im diesjährigen Landtagswahlkampf in Brandenburg trat die 28-jährige FDP-Politikerin Linda Teuteberg bei Maybritt Illner so selbstbewusst auf, dass nicht nur FDP-Chef Guido Westerwelle beeindruckt war, sondern auch die Wähler. Wenige Wochen später schaffte Teuteberg den Einzug ins Potsdamer Parlament. Die Entscheidungsträger hoffen, dass diese Newcomer die Zukunft der immer älter werdenden Parteien sind. Manch einer stellt das in Frage.
Der SWR-Chefreporter Thomas Leif  hat sich in seinem jüngsten Buch „Angepasst & ausgebrannt“ mit der „Nachwuchsfalle“ beschäftigt, in der sich die Parteien seiner Meinung nach befinden. Darin fordert Leif auch eine Jugendquote, mit der die Parteien ihren Nachwuchspolitikern vor allem auf Wahllisten einen sicheren Platz geben sollen. Auf Nachfrage sagt er: „Damit würde es eine objektive Regelung geben, mit der junge Leute gesetzt wären. Auch ohne die ‚Ochsentour‘ durch die Kreisverbände. Sie könnten so Schritt für Schritt am Prozess teilnehmen und das Handwerk der Politik lernen.“ Für Leif hat die Jugendquote vor allem ein Ziel: Sie soll dazu führen, dass die Parteien ihre Nachwuchsarbeit professionalisieren und das lange verschwiegene Thema ins Zentrum rücken. „Da gilt immer noch das Wolfsrudelgesetz: Jeder muss alleine kämpfen oder im Schlepptau der mächtigen Regionalfürsten auf ein Mandat warten“, sagt er.

Keine Jugendquote

Doch in der Politik stößt Leif mit seiner Forderung auf taube Ohren. Selbst bei den Jungpolitikern. So lehnt nicht nur Johannes Vogel die Quote ab, auch Philipp Mißfelder, Chef der Jungen Union (JU) und frisch wiedergewählter Bundestagsabgeordneter, hält nicht viel davon. Zwar wünsche auch er sich mehr Jungpolitiker im Parlament, doch müssten das die Parteien und die Wähler entscheiden.
„Es war jahrzehntelang so, dass kaum JU-Mitglieder im Parlament saßen“, sagt Mißfelder. Mittlerweile hätte sich das  geändert. Vor allem 2002, als Edmund Stoiber als Kanzlerkandidat antrat, hätten viele junge Unionsabgeordnete den Sprung geschafft. Fragt man den JU-Chef nach jungen Führungskräften in der SPD, muss er erst einmal überlegen. „Vielleicht Andrea Nahles“, sagt er nach einer kurzen Pause. Aber wirklich jung sei sie ja auch nicht mehr. Auf den Namen Daniela Kolbe kommt Mißfelder nicht. Vielleicht ändert sich das bald. Denn in der Opposition, wo viel gefordert werden kann, aber nichts umgesetzt werden muss, lässt sich das Politikgeschäft einfacher lernen als in der Regierung.
Ob Bundestag oder Landtag, ob Regierungsbank oder Opposition: Die neuen Nachwuchs-Stars konnten in der Politik bereits erste Erfolge erzielen – doch ihr eigentlicher Aufstieg beginnt erst jetzt.