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Politik der weißen Weste: Wahlkampf in der Wäscherei, Foto: Sebastian Lange

Ein bisschen Obama

Im Vorwahlkampf der New Yorker Demokraten will ein Ex-Model, Ex‑Feuerwehrmann, gelernter Elektriker und Jurist einen altgedienten Abgeordneten schlagen – er versucht es zum dritten Mal.

Von Sebastian Lange

Es ist ein schwüler Abend in der Bronx, Gewitterwolken ziehen herauf. In der Wohngegend um die Irvin-Avenue stehen Hochhäuser aus Backstein, in dieser Ecke der Bronx lebt der Mittelstand. Auf dem Bürgersteig vor dem Benjamin-Franklin-Club hat sich eine Menschentraube gebildet, rund 60 Anhänger der demokratischen Partei betreten nach und nach den Clubraum. Der Club ist so etwas wie ein Ortsverein, und die Mitglieder freuen sich auf ein kleines Barbecue: Grillen wollen sie die Bewerber, die sich um die Kandidatur der Partei bei den Kongresswahlen im November bewerben. Das Mandat für das Repräsentantenhaus wird alle zwei Jahre neu vergeben; die Bewerber sprechen vor, weil sie auf eine Wahlempfehlung des Clubs für die parteiinternen Vorwahlen hoffen.
In früheren Jahren waren die Vorwahlen der Demokraten im 15. Wahlbezirk von New York eine bloße Formalie, denn seit 40 Jahren wählen sie wieder und wieder Charles B. Rangel zu ihrem Kandidaten. Und weil Republikaner hier keine Schnitte machen, entscheidet faktisch schon die Vorwahl über den Einzug ins Repräsentantenhaus in Washington. Rangel ist dort der Abgeordnete mit der drittlängsten Amtszeit, viele Menschen im Wahlkreis haben nie einen anderen Volksvertreter erlebt. Doch nun hat die Konkurrenz Blut geleckt, und die Herausforderer haben allesamt Potenzial: Da ist der aus der Dominikanischen Republik stammende Adriano Espaillat, ein Vertreter der Hispanics, die inzwischen die Mehrheit der Bevölkerung im Wahlbezirk stellen; Espaillat sitzt im Senat des Staates New York. Clyde Williams tritt an, der früher im Weißen Haus für Bill Clinton gearbeitet hat. Und auch Craig Schley ist unter den Kandidaten, ein ehemaliger Elektriker und Feuerwehrmann.

Underdog vs. Clinton-Buddy

Schley ist wie Williams und Rangel Afroamerikaner, doch unterscheidet er sich von seinen Konkurrenten: Er ist kein Vertreter des Polit-Establishments, und deswegen sehen Beobachter ihn als Außenseiter. Die „New York Times“ befasst sich wenig mit Schley, doch die lokalen Nachrichtenportale in Harlem und der Bronx berichten gerne. Und Amerika wäre nicht Amerika, hätte nicht auch der Außenseiter eine Chance. Gerade in den Zeiten von Occupy und Tea-Party, in Zeiten des Protests gegen das Establishment, können Außenseiter-Chancen größer sein, als der Begriff es eigentlich vorsieht.
Im Versammlungsraum herrscht ein Kommen und Gehen, die Vorsitzende des Clubs ist mangels Mikrofon kaum zu verstehen. Die Kandidaten bemühen sich, sämtliche Hände zu schütteln und jeden hier mit einem „Hi, wie geht‘s?“ zu bedenken. Als die Vorsitzende aber den ersten Bewerber nach vorne ruft, wird es still: Er ist tatsächlich gekommen, der inzwischen 81-Jährige „Charlie“ Rangel aus Harlem, Koreakriegs-Veteran und alter Buddy von Ex-Präsident Bill Clinton. Er zeigt sich nicht mehr oft bei solchen Gelegenheiten. All die Jahre war Rangel unangefochten, doch hat er inzwischen gesundheitliche Probleme und geht am Stock. Was ihm aber am meisten zu schaffen macht: Er musste in der laufenden Legislaturperiode den Vorsitz des wichtigen Haushaltsausschusses im Repräsentantenhaus abgeben, weil er sich Verstöße gegen den Ethik-Kodex geleistet hatte: Rangel flog auf Kosten von Unternehmern in die Dominikanische Republik, und seine Wahlkampfzentrale brachte er in einem staatlich geförderten Wohngebäude unter.
Der Verlust des wichtigen Amts ist nicht das einzige Anzeichen für ein Bröckeln der Macht des alten Strippenziehers: Zum ersten Mal seit langem gibt Ex-Präsident Clinton in diesem Jahr keine Wahlempfehlung für ihn ab. Noch 2010 hat Clinton eine Audio-Botschaft aufgenommen, die Rangel bei seinen „Robocalls“ abspielen ließ, den automatisierten Anrufen im Wahlkampf. Offiziell begründet Clinton seine Enthaltung damit, dass er zu mehreren Kandidaten persönliche Beziehungen habe. Und so triumphierte Clyde Williams, als sein ehemaliger Chef dies erklärte, er schrieb gleich in großen Lettern auf seine Webseite: „Sorry Charlie, Bubba wird keine Empfehlung für Dich abgeben.“ Was Williams vielleicht übersah: Für ihn gab es von Clinton, Spitzname Bubba, ebenfalls kein „Endorsement“.

Punchline Mondlandung

Charlie Rangel hält es in seiner kurzen Rede recht allgemein, man müsse im Kongress den Präsidenten unterstützen. Dann die Frage aus dem Publikum: Warum er wieder kandidieren wolle? „Ich glaube, dass dieses Land in großen Schwierigkeiten steckt“, sagt Rangel, „und in einer solchen Situation kann ich meine Erfahrung einbringen.“ Was er für die örtliche Gemeinschaft tun könne? Rangel, der Netzwerker, antwortet: „Wenn Sie ein Problem haben, kann ich mich mit sämtlichen Amtsträgern im Bezirk kurzschließen, um dieses Problem zu lösen.“
Die Amerikaner lieben Sport, sie lieben Wettkampf, und so sind Kampagnen hier ganz auf Personen zugeschnitten, die ihre Kräfte messen. Wer kann besser reden, wer hat die besten Ideen? Wer berührt die Menschen emotional? Auch Adriano Espaillat spricht, er betont, er sei der Kandidat, den die hispanische Mehrheit im Bezirk wählen würde. An ihn richten die Leute so manche Frage. Es redet ferner eine eher dröge Kandidatin, von der kaum jemand etwas wissen möchte, Clinton-Mann Williams fehlt – und dann ist Craig Schley an der Reihe. Er ist 48 Jahre alt, sieht aber ziemlich jugendlich aus. „Ich repräsentiere, was diesen Bezirk ausmacht“, sagt er, „ich bin ein Handwerker, der studiert hat“. Und dann landet Schley, der in seiner Freizeit boxt, den ersten Treffer: „Der aktuelle Mandatsinhaber hat sich bei den vorigen Vorwahlen gegen Obama ausgesprochen“, sagt er und erinnert so daran, dass Rangel sich 2008 für Hillary Clinton stark gemacht hat, die damals Bundes-Senatorin für den Staat New York war. Rangel, der Mann des Establishments. Schley traut sich nun aus der Deckung: „Bei allem Respekt, Charles Rangel ist nun Abgeordneter seit den Zeiten, in denen Menschen auf dem Mond spaziert sind.“ Gelächter im Saal, und auch Espaillat kriegt sein Fett weg: „Er redet immer von der hispanischen Mehrheit im Bezirk, ich frage mich aber, warum wir Menschen nicht einfach als Menschen sehen!“ Nun gibt es zum ersten Mal Szenenapplaus, ein Zuhörer sagt vernehmlich zu seiner Frau: „Der Typ ist gut!“ Und dann schlägt Schley den Bogen zum Präsidenten: „Sie haben Obama eine Chance gegeben. Geben Sie auch mir eine Chance.“ Beifall.
Der Verein kehrt zur Tagesordnung zurück. Es folgt die Aussprache, in deren Verlauf nach und nach Mitglieder des Benjamin-Franklin-Clubs nach vorne treten und sich erklären: „Ich bin für Espaillat“. Auch der Bezirksverordnete im New Yorker Stadtrat, ein Mann von gravitätischem Auftreten, äußert sich: „Benjamin Franklin, der sich sehr um den Erhalt der Demokratie sorgte, hätte gelächelt, wenn er diese lebendige Diskussion verfolgt hätte. Ich beobachte Adriano Espaillat schon seit langem. Er ist ein guter Kandidat.“ Und so gibt der Club schließlich eine Empfehlung für den Mann ab, der der erste Kongressabgeordnete dominikanischer Herkunft werden will. Bei den ethnischen Mehrheitsverhältnissen im Bezirk wäre Espaillat jedenfalls eine sichere Bank, um das Mandat gegen die Republikaner zu verteidigen. Und Sicherheit zählt viel in diesen Tagen einer unsicheren politischen und wirtschaftlichen Lage. Craig Schley gratuliert Espaillat, der gezwungen lächelt; Rangel gratuliert nicht, er ist längst verschwunden. Als die Gesellschaft den Club verlässt, gießt es in Strömen. Schley zieht mit zwei Wahlhelfern von dannen – enttäuscht, aber nicht überrascht. Vom Regen durchnässt fährt er mit der U-Bahn nachhause.