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Praxis

Drei Fehler beim Redenschreiben

Redenschreiben ist keine exakte Wissenschaft, sondern oft Versuch und Irrtum. Am besten lernen Sie aus Fehlern – aus Eigenen oder aus denen anderer.

von Marc Peters

Ein weißes Blatt Papier mit sinnvollen Gedanken, schlüssigen Argumenten und witzigen Pointen füllen, so lautet die Aufgabe. Wie das geht? Das müssen Sie schon selbst herausfinden. Übung macht den Meister. Und ja, das bedeutet auch: Sie müssen ab und zu Fehler machen und daraus lernen. Genauso gut können Sie aus Fehlern anderer lernen. Aus diesen hier zum Beispiel.

Zitate

Zitate sind nicht grundsätzlich verkehrt. Die Frage ist: Was wollen Sie damit bezwecken? Ein Beispiel:

"Meine Damen und Herren, zum Schluss noch ein Gedanke, den ich Ihnen allen mit auf den Weg geben möchte. Schon Schopenhauer hat gesagt 'Wir denken selten an das, was wir haben, aber immer an das, was uns fehlt'. In diesem Sinne: Ihnen allen ein frohes neues Jahr!"

Wie finden Sie das? Klingt klug, oder? Ach, Sie wissen nicht, wer Schopenhauer war? Dann haben Sie Pech gehabt. Lächeln Sie einfach, merkt schon keiner.

Im Ernst, so ruinieren Sie alles: das Zitat, den Redner, die Stimmung. Zumal sich das Internet hier nicht sicher ist, ob Arthur Schopenhauer, der übrigens ein deutscher Philosoph war, dahintersteckt oder der englische Dramatiker William Shakespeare.

Wenn Sie es besser machen wollen, dann erklären Sie, wen Sie zitieren. Und zwar bitte mit Vor- und Nachnamen. "Der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer...", "Die Schauspielerin Sophia Loren...", "Der Mitbegründer von Apple, Steve Jobs, ...". Selbst, wenn Sie sicher sind, dass alle Zuhörer wissen müssten, wer gemeint ist. Sie wollen schließlich nicht, dass sich die beiden Menschen im Raum, die es nicht wissen, dumm fühlen.

Was ebenfalls nicht optimal ist: Zitate einfach so im Raum stehen lassen. Ich gebe zu, das ist am einfachsten. Manche Zitate sprechen für sich. Aber es wirkt erstens klüger und zweitens charmanter, selbst solche Zitate zu hinterfragen, ihren Sinn zu ergründen. Stimmt es überhaupt, was dieser kluge Mensch da gesagt hat? Warum hat er es gesagt? Was steckt dahinter?

Noch besser als Worte aus Zitate-Datenbanken wirkt das, was normale Menschen von sich geben. An solche Worte kommen Sie einfacher als Sie glauben.

Müssen Sie zum Beispiel eine Laudatio für eine Preisverleihung schreiben, dann sprechen Sie mit Menschen aus dem direkten Umfeld des Preisträgers. Fragen Sie beim Veranstalter nach, er kann Ihnen die richtigen Kontakte vermitteln. Und dann sprechen Sie völlig ungezwungen mit Menschen, die Ahnung vom Thema haben. Die bereit sind, aus dem Nähkästchen zu plaudern und die eine oder andere Anekdote zum Besten geben.

Wenn Sie dann diesen Menschen in der Rede zitieren, ihn sogar namentlich erwähnen, zeugt das von echtem Interesse am Thema und wirkt authentischer als weise Worte längst verstorbener Dichter und Denker.

Zahlen, Daten, Fakten

46,5 Millionen gemeldete Pkw in Deutschland. 343,6 Milliarden Euro Ausgaben des Bundes im Jahr 2018. 15.637 Getötete durch Schusswaffen in den USA.

Können Sie mit diesen Zahlen etwas anfangen? Wahrscheinlich nicht, denn Ihnen fehlt der Kontext. Der Vergleich zu Vorjahren zum Beispiel. Und selbst dann fällt es schwer, solche Zahlen zu begreifen, sich vorzustellen, was das jetzt bedeuten soll. Erst Recht, wenn wir nicht die Chance haben, sie mehrmals zu lesen, sondern sie in einer Rede nur ein einziges Mal hören können.

Zahlen in Reden unterzubringen ist schwierig. Je weniger, desto besser. Auch hier stellt sich die Frage nach dem Sinn. Geht es darum, anzugeben und Eindruck zu schinden? Dann hört sich das Wörtchen "Million" beeindruckend an. Im falschen Kontext kann diese "Million" wieder verschwindend gering ausfallen.

Besser als absolute Zahlen sind Verhältniszahlen. Je nachdem, welchen Kontext Sie hier auswählen, erzielen Sie völlig unterschiedliche Effekte. Ein Beispiel: "Der Bund gibt 400 Millionen Euro für Kindertagesbetreuung aus ...". Das klingt sehr beeindruckend. "...das entspricht 0,0001 Prozent der jährlichen Gesamtausgaben". Oh. Na ja, besser als nichts.

Was auch funktioniert? Zahlen gegenüberstellen. "Im Jahr 2017 wurden 186.644 Asylsuchende in Deutschland registriert. Im selben Zeitraum sind 178 Millionen Touristen nach Deutschland gereist." Beide Zahlen sind für sich gesehen kaum zu begreifen. Aber nebeneinander wird schnell deutlich, worauf Sie hinauswollen. Ohne, dass Sie eine Bewertung abgeben müssen. Mehr brauchen Sie dazu nicht sagen. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache.

Schön und gut, denken Sie jetzt. Aber manchmal sind Zahlen das Hauptthema Ihrer Rede. Zum Beispiel bei der Hauptversammlung vor Aktionären oder wenn in Parlamenten der Haushalt eingebracht wird.

Zwei Tipps dazu. Erstens: Nutzen Sie die Kraft von Bildern. "3,6 Millionen Euro Umsatz durch den Verkauf von Turnschuhen. Würden wir all unsere Schuhkartons nebeneinanderlegen, könnten wir sie entlang einer kompletten Marathonstrecke aneinanderreihen." Zweitens: Verteilen Sie Handouts mit den wichtigsten Zahlen. Am besten mit passenden Diagrammen und Schaubildern. Alle können dann die Zahlen auf einen Blick nachlesen, die Sie für wichtig halten.

Nur über sich selbst reden

Vielleicht kennen Sie diesen Tipp aus Rategebern: "Geben Sie etwas von sich Preis!". Der Ratschlag ist nicht falsch – man muss nur wissen, wie er gemeint ist. Diesen Fehler habe ich einmal gemacht. Und danach nie wieder. Hier ein kurzer Ausflug in eine meiner peinlichsten Erfahrungen als Redenschreiber:

Mein Redner war eingeladen, um an einem Abend drei Laudationes zu halten: Auf Olaf Henning, Kristina Bach und Jürgen Drews. Allesamt Größen der Schlagerbranche, die sich enorm für karitative Zwecke engagieren und für dieses Engagement ausgezeichnet werden sollten.

Ich hatte damals keine Ahnung von Schlagermusik. Ich kam auch nicht auf die Idee, mich beim Management der Künstler zu melden und mich über das Wirken dieser zu erkundigen. Also wählte ich den einfachsten Weg: Ich ließ meinen Redner etwas über sich erzählen: dass er eher die Stones als Rex Gildo mochte. Dass seine Mitarbeiter ihn gerne begleitet hätten, um Helene Fischer zu treffen. Was Politik mit Musik gemeinsam hat. Und so weiter. Der zweite Laudator war nicht wesentlich einfallsreicher.

Dann betrat Schlagerlegende Roland Kaiser die Bühne – und stahl die Show. "Liebe Gäste, im Gegensatz zu meinen beiden Vorrednern werde ich es unterlassen, über mich zu sprechen, sondern ich werde etwas über unsere Preisträger sagen". Tosender Applaus.

Ja, man darf in Reden etwas über sich erzählen. Man sollte es nur unterlassen, mangels Inhalten ins Schwafeln zu geraten.

Gerade für Laudationes gilt: Der Preisträger steht im Mittelpunkt. Er kriegt den Applaus, nicht der Redner. Der Redner hat nur eine Aufgabe: echte Wertschätzung auszudrücken und zu versuchen, diese auch beim Publikum zu erzeugen. Ja, das ist anstrengender als die Wiedergabe der eigenen Lebensgeschichte.

Aber zum einen ist es ein Muss, wenn sich der Laureat nicht mit einer billigen Lobhudelei abgespeist fühlen soll. Zum anderen haben auch Sie als Redner was davon: Die Zuhörer finden Sie sympathisch, weil Sie sich viel Mühe gegeben haben und authentisch wirken.

Aber auch in anderem Zusammenhang sollten Sie es vermeiden, nur über sich selbst zu reden. Nämlich dann, wenn Sie andere überzeugen wollen.

Viel zu oft werden nur die eignen Argumente gebracht. "Kaufen Sie/Wählen Sie/Entscheiden Sie sich für ..., denn nur wir können/bieten/wollen …!". Das kann funktionieren – besser ist es, sich an Gegenargumenten zu orientieren und diese zu entkräften. Am besten am Stärksten.

"Die anderen meinen, ... – ich sage Ihnen, warum wir es anders sehen: ...". Damit nehmen Sie nicht nur Ihren Kritikern Wind aus den Segeln. Sie beweisen auch, dass Sie besser argumentieren können und das Thema nicht nur oberflächlich behandeln. Dass Sie überzeugen wollen, statt zu überreden.

Und zum Schluss?

Am Ende liegt es an Ihnen. Sie können entscheiden, ob Sie aus diesen Fehlern lernen wollen oder sie lieber selbst begehen wollen. So oder so: Fehler gehören zum Schreiben von Reden dazu. Wer sie nicht begeht, lernt nicht dazu.

Also: Raus aus der eigenen Komfortzone! Wagen Sie was, trauen Sie sich was, fallen Sie auf die Nase – und stehen Sie wieder auf! Und machen Sie es besser!

Irgendwann lachen Sie drüber und bauen das Ganze in eine Rede ein. Denn Geschichten funktionieren immer. Vor allem, wenn der Witz auf Ihre Kosten geht. Aber das ist ein anderes Thema.

 

Marc Peters (c) Monique Urbanski
Marc Peters

ist freiberuflicher Redenschreiber und hilft anderen in Seminaren dabei, beim Schreiben besser zu werden. Er hat mehr als fünf Jahre lang die Reden für zwei Innenminister verfasst und das Redenmanagement organisiert.