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Besser vernetzt als Obama: Schwedens Außenminister Carl Bildt, Foto: Bengt Nyman

Diplomatie in 140 Zeichen

Der Kurznachrichtendienst Twitter hat sich in der internationalen Politik als ein unübliches, jedoch wirksames Instrument erwiesen, um in einen außenpolitischen Dialog zu treten.

von Andre Sandre; Übersetzung: Jessica Burkhardt

Social Media hat nicht nur für Regierungen und Botschafter den Dialog (national als auch international) mit der Öffentlichkeit erleichtert, sondern auch das Bewusstsein dafür geschärft, welche positiven und negativen Auswirkungen ein einziges Wort, Tweet, Facebook-Kommentar, Video oder Bilder innerhalb relativ kurzer Zeit haben können. Der Trend hat auch die Notwendigkeit in den Vordergrund gestellt, eine gezieltere Analyse von Social Media zu betreiben. Dies trifft insbesondere auf strategische Regionen zu, einschließlich des Mittleren Ostens. Terrorakte wie die Ermordung von US-Botschafter Christopher Stevens und die Angriffe auf die US-amerikanische Botschaft vergangenes Jahr in Kairo überschatteten nicht nur diplomatische Bemühungen über die  Social Media-Kanäle , sondern gipfelten in derartigen politischen Wirren, dass die frühere US – Außenministerin Hilary Clinton gezwungen fühlte, die volle Verantwortung für das, was passiert war, zu übernehmen.

Sarkastischer Dialog

Die sozialen Medien wurden im US-Außenministerium unter die Lupe genommen, um Botschaften auf der ganzen Welt bessere und klarere Richtlinien für den Umgang damit an die Hand zu geben und um Fehler zu vermeiden, wie etwa den sarkastischen Twitter-Dialog zwischen der US-Botschaft in Kairo und der Muslimischen Bruderschaft im September 2012, was „den Beziehungen, die seit dem […] Anschlag angespannt sind, einen passiv-aggressiven Ton verliehen hat“, wie die Agentur Associated Press einige Tage nach den Angriffen berichtete. Der sarkastische Kommentar –  im Informations-Feed der US-Botschaft seitdem gelöscht – zeichnete sich seit Anfang an in einer Reihe von Tweets nach den Angriffen ab. Am 11. September twitterte @USEmbassyCairo „natürlich verurteilen wir Angriffe auf unseren Verbund;  schließlich sind wir diejenigen, die das gerade selbst durchleben“, gefolgt von  „Entschuldigung, aber weder Angriffe noch zornige Meldungen werden uns davon abhalten, unsere Meinungsfreiheit zu verteidigen und Bigotterie zu verurteilen. Die Konversation wurde hitziger in den darauffolgenden Tagen: im Namen der Muslimischen Bruderschaft twitterte @lkhwanweb am 12. September: „Wir sind froh, dass keiner der Botschafts-Mitarbeiter verletzt wurde und hoffen, dass die Beziehungen zwischen Ägypten und den USA nicht von den turbulenten Ereignissen am Dienstag getrübt werden“. Daraufhin entgegnete die Botschaft am nächsten Tag: Danke. Übrigens, checkt Ihr eigentlich Eure eigenen arabischen Feeds? Ich hoffe, ihr wisst, dass wir diese ebenfalls lesen.“

Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft

Während Twitter ein soziales Medium ist, das den formlosen Dialog fördert und honoriert, „tut es dies keineswegs für Nutzer, die nur starre Pressemitteilungen und amtliche Bekanntmachungen nach außen kommunizieren“, betont Max Fisher im Magazin The Atlantic am 13. September. „Die Diplomaten, die den Twitter-Account der US-Botschaft in Ägypten betreiben, scheinen dies verstanden zu haben, da sie versuchen, sich den typischen Twitter-Gesprächsstil anzueignen, um das Diplomatie-Potenzial zu maximieren“, so Fischer. „Aber das wirft das Problem auf, dass ein erfolgreicher, reichweitenstarker Twitter-Account eine stärkere persönliche Identifikation mit sich bringt als ein gesichtsloser Bürokrat. Das wiederum konterkariere das Bild einer einheitlichen Regierung in den Medien.“

Das Potenzial für Personifizierung auf Twitter und Facebook war das, was viele Regierungen ursprünglich an Social Media reizte. Neue Regeln und Richtlinien sind in den meisten Ländern in der Erarbeitungsphase; ein besseres Verständnis für Risiken und das Management wird dazu beitragen, Twiplomacy zu einem besseren Instrument zu machen.

 

 

Andreas Sandre

ist PR- und Public Affairs Referent an der italienischen Botschaft in Washington D.C. Bevor er in die amerikanische Hauptstadt zog, arbeitete er in New York für die Ständige Vertretung Italiens bei den Vereinten Nationen (2007-2008). Sandre ist ausgebildeter Journalist und Kommunikationsspezialist und Autor von Twitter for Diplomats (2013), veröffentlicht vom diplomatischen Institut des italienischen Außenministeriums und der DiploFoundation. Dieser Artikel ist ein Auszug dessen.