D
Bild: Thinkstock/Bannosuke
Rezension zu "Das Ende der Demokratie"

Digital ist nicht besser!

Wie verändert Künstliche Intelligenz die Politik? Dieser Frage widmet sich Yvonne Hofstetter in "Das Ende der Demokratie". Der Journalist und Politikberater Jürgen Merschmeier hat sich das Buch genauer angeschaut.

von Jürgen Merschmeier

Ist der Computer die Vollendung der Schöpfung? Können wir wirklich "fast selbstverständlich das Vakuum, das der Tod Gottes in der Welt hinterlassen hat, mit dem Smartphone füllen"? Gehört der "selbstbestimmte Mensch der Aufklärung" auf den Abfallhaufen der digitalen Welt? Yvonne Hofstetter konfrontiert den Leser, für den Big Data sich bisher in intelligenten Haushaltsgeräten oder automatischen Jalousien erschöpfte, mit Fragen, Thesen, Prognosen und Simulationen, die diesen ratlos zurücklassen.

Dabei ist die Autorin anders, als man aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit – das von ihr geleitete Unternehmen entwickelt Systeme der Künstlichen Intelligenz (KI) – vermuten möchte, keine unkritische Apologetin der KI. Sie weiß, wovon sie spricht und sie schreibt in einer Sprache, die auch der versteht, für den Algorithmen eher unangenehme Erinnerungen an den Mathematikunterricht in der Schulzeit darstellen.

Einige Fragen aber stellt und beantwortet Hofstetter leider gar nicht: Wie steht es, wenn KI die Herrschaft übernimmt, um emotionale Komponenten im zwischenmenschlichen Bereich wie Liebe und Hass oder – in der Politik – Machtstreben? Gibt es noch Lüge oder Betrug? Was ist mit der Religion? Sind in der KI-Welt noch religiös motivierte Kriege und Konflikte möglich? Hätte es so etwas wie den Dreißigjährigen Krieg, der ja auch religiös und machtpolitisch begründet war, geben können oder dürfen? Sind unser gewachsenes demokratisches System und KI überhaupt miteinander vereinbar? Die Grundfrage bleibt: Wollen wir diese digitale Welt überhaupt? Können wir sie beherrschen, verändern oder zumindest in bestimmte Kanäle leiten?

Die Autorin setzt sich kritisch mit der Digitalisierung auseinander, die für sie eine "totalitäre Bewegung mit dem Endziel, die Welt zu beherrschen", ist. Sie macht Fragezeichen auch hinter Begriffe wie "alternativlos" oder das Projekt "Nudging", das sanfte "Anstupsen" der Bevölkerung in eine bestimmte Richtung. Ratlos bleibt der Leser bei der Frage zurück, warum Hofstetter ihr Buch dem Europäischen Parlament widmet.

Scott, eine der fiktiven Schlüsselpersonen des Buchs, ist der Überzeugung, sein zweiter Name sei "Freiheit". Hofstetter beschreibt vieles, erklärt einiges, bleibt aber manches schuldig, auch eine überzeugende Antwort auf die Frage, wohin die Digitalisierung letzten Endes führen wird.  

Vielleicht bleibt wirklich nur die Lösung übrig, die Scott vorschlägt, nämlich die fiktive  KI-Bewegerin namens Ai "vom Netz zu nehmen". Ob das gelingt, wird sich zeigen. Skepsis ist angebracht.

Yvonne Hofstetter: Das Ende der Demokratie, C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh 2016, 512 Seiten, 22,99 Euro.

Jürgen Merschmeier

ist Journalist und Politikberater. Er war in den achtziger Jahren Sprecher der CDU. (Foto: Privat)