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Die weibliche Wickie

Katrin Albsteiger ist die erste Frau an der Spitze der Jungen Union Bayerns. Ihr großes Vorbild ist Edmund Stoiber. Doch die junge, selbstbewusste Powerfrau kennt auch Selbstzweifel.

von Felix Fischaleck

In der Zeichentrickserie „Wickie und die starken Männer“ geht es um einen kleinen Wikingerjungen. Stark ist er nicht, dafür umso pfiffiger. Und so hilft der kleine Wickie den lauten und ungeschickten Wikingermännern ein ums andere Mal aus dem Schlamassel und verdient sich ihren Respekt. Wie dieser Wickie wollte Katrin Albsteiger als kleines Mädchen sein – zumindest solange, bis sie merkte, „dass er ein Junge und kein Mädchen ist“.
Treffen im „Restaurant Tucher“ am Brandenburger Tor Ende November; am Vortag ist Albsteiger zur „Nachwuchspolitikerin des Jahres“ gekürt worden. In einem kurzen dunklen Jersey-Kleid sitzt die 29-Jährige da, die Haare hochgesteckt, türkisfarbener Armreif, knallrote Fingernägel, dazu eine hippe Brille mit großen Gläsern. Kaum zu glauben, dass der kleine, schwache Wickie einmal das Vorbild dieser großgewachsenen, selbstbewussten Frau war.
Aber irgendwie passt es auch: Schließlich hat es auch Katrin Albsteiger mit starken Männern zu tun, die gern etwas großspurig auftreten. Seit einem Jahr ist sie Vorsitzende der Jungen Union in Bayern und damit die erste Frau an der Spitze der Nachwuchsorganisation. Leicht haben es Frauen in der CSU nicht: Von den 92 Abgeordneten im bayerischen Landtag sind nur 19 weiblich, circa 80 Prozent der Parteimitglieder sind männlich – Spitzenwert aller im Bundestag vertretenen Parteien.

Wuchtige Rede

Wie man sich bei dieser Männerriege Respekt verschaffen kann, machte die blonde Albsteiger auf dem CSU-Parteitag im Oktober 2010 in München vor. Dort hielt sie, noch unter ihrem Mädchennamen Poleschner, eine fulminante Rede gegen die Einführung einer Frauenquote in der CSU – zu dieser Zeit das Prestigeprojekt von Parteichef Seehofer.
Die forsche und unerschrockene Art der damaligen stellvertretenden Landesvorsitzenden der JU Bayerns fanden viele bemerkenswert. „Die Stimmung in der Halle war nach ihrem Auftritt auf der Kippe, das zeigt die Wucht ihrer Rede“, erinnert sich Markus Ferber, Bezirksvorsitzender der schwäbischen CSU, der politischen Heimat von Katrin Albsteiger. Am Ende setzten sich die Befürworter einer Quote, praktisch die gesamte Parteiprominenz inklusive des damaligen Messias Guttenberg, knapp durch. Doch Katrin Albsteiger war die eigentliche Ge-winnerin des Parteitags. „Sie waren wirklich gut“, zollte ihr sogar Horst Seehofer Respekt.

„Paris Hilton der CSU“

Dieser Auftritt bescherte Albsteiger eine Menge öffentliche Aufmerksamkeit, die „Bild-Zeitung“ ernannte die attraktive Blondine gar zur „Paris Hilton der CSU“. Im Gegensatz zur skandalträchtigen Hotelerbin kommt die JU-Vorsitzende jedoch ganz solide daher, mit einer Kette mit Kreuz um den Hals und Ehering am Finger. Ende vorigen Jahres hat sie Tobias Albsteiger geheiratet, die beiden kennen sich seit der Schulzeit.
Albsteigers Heimat ist der bayerische Teil von Schwaben, in Neu-Ulm arbeitet sie bei den örtlichen Stadtwerken in der Kommunikationsabteilung. Heimat bedeutet Albsteiger viel. „Meine Familie, meine Freunde, Neu-Ulm, die Nebelschwaden an der Donau in aller Früh, die Käsespätzle von meiner Oma“ – das alles schätze sie sehr.

Moderne Konservative

Die JU-Vorsitzende steht für einen modernen Konservatismus. Sie nutzt die neuen Medien selbstverständlich für ihre politische Arbeit, vor allem Twitter findet sie spannend. Dort beschreibt sie sich selbst mit den Worten „Schwäbisch. CSU. Handballerin“. Dass die CSU ihre politische Heimat ist, war früh klar. „Für mich kam nie eine andere Partei in Frage.“
Neben den inhaltlichen Positionen habe sie vor allem eine Person fasziniert: Edmund Stoiber. „Er war mit der ausschlaggebende Punkt, warum ich 2003 in die JU eingetreten bin“, so Albsteiger. „Man hatte den Eindruck, der hat eine schier endlose Energie – die Reden gerieten zur körperlichen Arbeit – das war beeindruckend.“ Danach folgten der Eintritt in die CSU, zahlreiche JU-Ämter auf Orts- und Kreisebene und ein Mandat als Kreisrätin in Neu-Ulm. Im November 2011 dann die Wahl zur JU-Vorsitzenden.
In ihrer politischen Arbeit gibt sich Albsteiger, die kein politisches Vorbild hat – „ich eifere niemanden nach, ich gehe lieber meinen eigenen Weg“ –, konservativ. Sie steht für das bürgerliche Lebensmodell, für Ehe und Familie. Das Betreuungsgeld befürwortet sie genauso wie eine solide Finanz- und Wirtschaftspolitik. „Jedes politische Thema muss unter dem Nachhaltigkeits-TÜV gesehen werden“, sagt sie.
Mit Horst Seehofer kommt sie klar, mehr nicht. Ein inniges Verhältnis wird zwischen den beiden wohl nicht mehr entstehen, da war schließlich die Sache mit der Frauenquote. Man könne niemandem vorschreiben, wen er zu wählen hat, begründet sie ihre strikte Haltung in dieser Frage. Mehr Frauen in der Partei wünscht sich Albsteiger aber schon; intensive Förderung und weibliche Vorbilder seien hierfür immens wichtig, betont sie. Ihre Aufgabe sehe sie deshalb auch darin, junge Frauen zu motivieren.

Nicht gern im Mittelpunkt

Doch das Bild der frechen, selbstbewussten Powerfrau ist nur eine Seite der Katrin Albsteiger. Die andere Seite ist die einer jungen Frau, die auch Selbstzweifel kennt und es gar nicht mag, im Mittelpunkt zu stehen. Das war schon zu Schulzeiten so: „Ich habe es gehasst, Referate zu halten“, erzählt sie. Mit 15 ließ sie sich dann überreden, als Schülersprecherin zu kandidieren. Auch bei der Jungen Union war sie vor größeren Reden oft sehr aufgeregt. Wenn man in der Politik ist, müsse man es mögen, in der Öffentlichkeit zu stehen, meint Albsteiger. Begeisterung klingt anders.
Doch sich zu überwinden, das hat sie gelernt, wie die Sache mit ihrem Auslandssemester zeigt. Albsteiger, die in Augsburg, unweit ihrer Heimatstadt Neu-Ulm, Politik und Volkswirtschaft studiert hat, wollte unbedingt für ein paar Monate ins englischsprachige Ausland. Australien schied von vornherein aus, wegen ihrer massiven Flugangst. Doch dann lernte sie an der Uni eine australische Gastprofessorin kennen. Die erzählte so begeistert vom Politik-Studium in Adelaide, dass Albsteiger klar war: Da muss ich hin. Und wie hat sie es geschafft, sich ins Flugzeug zu setzen? „Mit Akupressur.“ Akupressur und CSU? Die Überwindung ihrer Flugangst hat Albsteiger jedenfalls gezeigt: „Wenn ich etwas unbedingt will, dann schaffe ich das auch.“

Die Hobby-Politikerin

Viele trauen der JU-Vorsitzenden eine große Karriere zu, ihr Amt gilt als Sprungbrett – prominente Vorgänger sind Theo Waigel und Markus Söder. Edmund Stoiber bezeichnete sie bereits als „Geheimwaffe der CSU“. Auf jeden Fall könnte sie dazu beitragen, der Altherrenpartei CSU ein moderneres Image zu verpassen, da sind sich die Beobachter einig. Albstei-gers nächstes Ziel ist ein Mandat im bayerischen Landtag – und dann? Politik sei nicht planbar, sagt sie.
Was für Albsteiger spricht, ist ihr großes Engagement, ihr Fleiß. Bisher hat sie Politik immer nur nebenher gemacht. Früher neben ihrem Studium, derzeit neben ihrem Fulltime-Job. „Politik mache ich abends, nachts und am Wochenende“, sagt sie. 70- bis 80-Stunden-Wochen seien da keine Seltenheit. Früher hat sie regelmäßig geturnt und allerlei Ballsportarten gespielt, zuletzt Handball.
Dafür hat der leidenschaftliche Fan des FC Bayern München jetzt keine Zeit mehr. Allenfalls ein paar Tage Snowboarden im Winter, das sei noch drin. Fehlt ihr nichts? „Politik ist mein größtes Hobby“, sagt Albsteiger. Und abschalten könne sie sowieso am besten zuhause auf dem Sofa neben ihrem Mann. Ganz konservativ eben.

Katrin Albsteiger

ist seit November 2011 Landesvorsitzende der Jungen Union Bayerns. 2013 will die 29-Jährige in den bayerischen Landtag einziehen.