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Politik

Die vielen Gesichter der Macht

Macht ist verführerisch, repressiv, gemeinschaftlich, repräsentativ und manchmal auch nur scheinbar vorhanden. Martin Saar, Professor für Politische Theorie an der Universität Leipzig, über die Ideengeschichte eines komplexen Begriffs.

von Anne Hünninghaus

Herr Professor Saar, welches Buch sollte jeder Mächtige aus Politik und Wirtschaft unbedingt gelesen haben?

Allen, die an der Macht – und der Kritik an ihr – interessiert sind, empfehle ich die Lektüre von Niccolò Machiavellis "Der Fürst". Darin beschäftigt er sich besonders mit dem Gebrauch von Macht und den Schwierigkeiten, sie auszuüben und andere zu beherrschen. Gleichzeitig thematisiert er das Problem, dass jeder, der Macht über andere haben will, auf sie angewiesen ist, also Techniken der Übereinkunft braucht, um mit ihnen zu kooperieren und sich beliebt zu machen.

Wenn wir heute jemanden als Machiavellisten bezeichnen, impliziert das eine Kritik an dessen Machtstil. Wir unterstellen ihm, ohne Rücksicht auf Recht und Moral seinen Willen durchzusetzen. Entspricht dieses Bild tatsächlich dem des Theoretikers aus dem 16. Jahrhundert oder tun wir Machiavellis Machttheorie unrecht?

Machiavelli ist ein doppelgesichtiger Autor. Beim ersten Lesen wirkt "Der Fürst" tatsächlich wie ein Handbuch zur rücksichtslosen Machtausübung. Aber interessanterweise hatte Machiavelli auch eine volksnahe, republikanische Seite, in seinen anderen Schriften beschreibt er die bürgerschaftliche Macht der Gemeinschaft. Das Schreckgespenst des reinen Macht­-Egoisten ist also historisch gesehen nur die halbe Wahrheit.

Warum sollten wir uns überhaupt mit den klassischen Theorien beschäftigen?

Wenn man die historischen Machtmodelle und ihre Hintergründe kennt, hat man mehr Optionen vor Augen, nicht nur wie wir Macht beschreiben, sondern auch, wie wir sie einschätzen und kritisieren können. Ich fürchte, wir sind heute oft im Bann allzu simpler Machtverständnisse.

Gibt es überhaupt Formen menschlichen Zusammenlebens, in denen Macht keine Rolle spielt?

Nun ja, es gibt in vielen frühmodernen Vorstellungen über die staatliche Ordnung die Idee, man könne Macht so sehr einhegen und zähmen, dass es ein sicheres Zusammenleben ohne relevante Machtdifferenzen geben könne. Im 19. Jahrhundert, in einigen Varianten des Anarchismus zum Beispiel, aber auch in bestimmten moralisierten Vorstellungen von Politik heute wird suggeriert, Macht sei etwas Negatives, das man aus der Politik entfernen könnte.

Aber das ist sie nicht?

Ich bin da skeptisch und das hängt auch mit Machiavellis zwei Seiten der Macht zusammen. Ich stelle mir vor, dass Macht etwas Mehrdeutiges und Komplexes ist. Macht heißt erst einmal, etwas machen zu können. Daher ist Politik, die ja ein kollektives Können voraussetzt, per se auf sie angewiesen. Auch das Teilen und Zusammenbringen von unterschiedlichen Kompetenzen oder Fähigkeiten ist ein Phänomen der Macht. Ein Traum von der Politik jenseits von Macht ganz allgemein scheint mir unrealistisch – und auch gar nicht verlockend.

Marcus Tullius Cicero und Niccolò Machiavelli (c) Marcel Franke

"Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht", lautet die berühmte Definition von Max Weber. Ist sie zeitlos?

Webers Formel benennt eine Form von Macht, aber nicht ihr zeitloses Wesen, das es ohnehin nicht gibt. Die Definition scheint allgemein, ist aber doch eng: So gilt sie fast nur für Individuen, nur für Fälle, in denen es einen Widerpart gibt und sie suggeriert, dass Macht immer etwas Bestimmtes will. Einvernehmliche Macht kommt darin nicht vor und auch nicht die von konkreten Absichten losgelöste Macht. Die berühmte knappe Definition von Hannah Arendt, dass Macht im Zusammenhandeln besteht, ist ein Gegenstück zur Definition Webers, und man sollte diese verschiedenen Arten, über Macht zu reden, kennen.

Laut Hannah Arendt funktioniert Macht gewaltlos über die stetige Legitimation durch die Gruppe. Nur wer keine Macht mehr hat, bedient sich der Gewalt, um seine Ziele durchzusetzen. Heißt das, ausschließlich Kompromisse erhalten die Macht eines Parlaments?

Im Grunde ja. Hannah Arendt hat eine eher friedliche Vorstellung von dem, was sie Macht nennt. Man muss aber berücksichtigen, dass sie viele Phänomene, die wir heute darunter verstehen, eher unter "Einfluss" oder "Gewalt" einsortiert. Würde Arendt unser heutiges Parlamentsgeschehen analysieren, würde sie in der Tat sagen, dass sich dessen Macht dann offenbart, wenn sich kollektive Handlungsfähigkeit herstellt, also in Momenten der Einigung, des Kompromisses, des Koalierens und Überzeugens – obwohl natürlich auch Momente des Abstimmens zum Spiel gehören. Die Vorstellung, dass sich Macht in der Verbindung, nicht in der Trennung zeigt, hat einiges für sich.

Aber schmälert Arendts Bild der Einigkeit nicht den Wert einer starken Opposition?

Wenn sie damit meinen würde, dass Politik immer nur in Form von Konsens und Koalition verfahren dürfte, ja. Dann würde der Konflikt aus der Politik verbannt und das wäre ein ähnlich seltsamer Traum wie der von einer völlig machtfreien Politik. Aber diesen Traum hat Arendt nicht. Sie betont immer wieder, dass es Formen des Austragens von Streit gibt, die zivil sind und der Politik dienen. Man kann ihren Optimismus ablehnen, aber man sollte ihn zur Kenntnis nehmen.

Deutlich weniger optimistisch ist Thomas Hobbes. "Der Freitag" betitelte 2013 einen Artikel mit "Die Rückkehr des Levia­than". Darin ging es um die Ausspähprogramme der westlichen Geheimdienste. Wie in Hobbes Theorie gebe es in der digitalen Welt einen allmächtigen Souverän jenseits der Rechtsordnung. Ist Hobbes’ düstere Machtvision tatsächlich Realität geworden?

In meinen Lehrveranstaltungen zu Hobbes sind die Studierenden jedes Mal erstaunt, wie aktuell manche Beschreibungen klingen. Hobbes behauptet, dass der Grundmechanismus staatlicher Souveränität darin besteht, die Bürger dazu zu bringen, ihre Freiheit gegen ein staatliches Versprechen von Sicherheit einzutauschen. Dazu können ihm zufolge weitreichende Eingriffe in bürgerliche Freiheiten nötig sein. Und Hobbes trifft Aussagen über geheime Vorkehrungen, die das Gemeinwesen zum Schutz gegen – vor allem innere – Feinde angeblich treffen muss. Das klingt auf unheimliche Weise aktuell.

Würden Sie also sagen, es gibt den postmodernen Leviathan?

Ich warne davor, in Verschwörungstheorien zu verfallen und zu glauben, dass wir von einer gemeinsamen Absicht aller Sicherheits- und Geheim­institutionen ausgehen könnten. Wir wissen aus der Forschung und dem investigativen Journalismus, wie unkoordiniert, ineffizient und irrational einzelne Arme dieses Apparats agieren können. Hobbes hatte die Vorstellung, dass der Staat ein in der Person des Souveräns zusammenlaufender Körper ist. Man sollte bestimmte Verflechtungen von Wirtschaft, Sicherheits- und militärischen Organen zur Kenntnis nehmen; aber ich sehe in diesem System viele Schlupflöcher, denn so gut wie Hobbes das gefordert hätte, funktioniert das Zusammenspiel gar nicht. Es besteht also noch Hoffnung.

Im vergangenen Jahr ist das Buch "Psychopolitik" des Philosophen Byung-Chul Han erschienen. Seine These lautet: Im Neoliberalismus funktioniert die systemerhaltende Macht seduktiv, also verführend und nicht repressiv, wie zum Beispiel bei Michel Foucault. Das Herrschaftssystem sei deshalb so stabil, da es keinen Feind darin gebe. Statt eines Korsetts aus Verboten werden den Menschen Anreize geboten, sich einzufügen. Teilen Sie seinen Eindruck?

Dieser Vorschlag ist selbst ein Teil von Foucaults Theorie und gar nicht so neu – die Idee der verführenden Macht stammt eigentlich aus den Debatten der frühen achtziger Jahre. Foucaults These ist, dass die alten Machtformen überwiegend repressiv waren, aber durch weichere und psychologisch effektivere Formen ergänzt wurden. Dies ist ein Teil seiner Diagnose, den Han sehr gut herausgearbeitet und aktualisiert, aber nicht erfunden hat.

Stimmen Sie der These der ­Verführung denn zu?

Es ist richtig, dass Macht heute neben Verboten und Zensur sehr viele andere Kanäle gefunden hat. In unseren spätliberalen Gesellschaften verhindert Macht nicht die Freiheit und die Freiheit trumpft nicht die Macht, sondern beide verschränken sich miteinander. Aber selbst wenn die Diagnose vom Wechsel der Machtformen stimmt, bleiben die Repressionspotenziale bestehen. Auch der heutige Staat besitzt ultraautoritäre Elemente – denken Sie an Frontex oder das Problem der Polizeigewalt – und droht mit der Justiz. Bei manchen zeitgenössischen Theorien, zu denen die von Han gehört, habe ich allerdings das Gefühl, dass die in einem gewissen Sinne "alte", autoritäre Seite zu kurz kommt, von der Foucault übrigens immer gesagt hat, dass sie Teil des Machtgefüges bleibt.

Kommen wir zu den ­Anfängen des Machtdiskurses. Zu ­welcher Zeit beginnt die überlieferte Ideengeschichte der Macht?

Die Vorstellung von Macht als kollektive Handlungsfähigkeit und Weise des Regierens geht bis in die frühe griechische Antike zurück. Schon bei Aris­toteles gibt es Ansätze, die teilweise erst später politisch ausgedeutet werden. Auch einige Autoren der römischen Antike haben Macht und Gewalt unterschieden. Auf diese Vorläufer greifen Denker der Neuzeit wie Hobbes, Locke und Spinoza zurück.

Unter anderem bei Cicero finden wir die Unterscheidung von formaler Gewalt und gesellschaftlichem Ansehen als zwei Formen der Macht – wobei Letzteres für die Einflussnahme bedeutender sei. Ist das auch heute so?

Der Eindruck, die Macht durch Ansehen sei der reinen Amtsmacht überlegen, ist weit verbreitet. Heute ist die Situation aber eine andere als zur Zeit Ciceros. Nur bestimmte Amtsträger können legitimerweise grundlegende Dinge, die alle betreffen, entscheiden. Wenn sie dann auch noch charismatisch sind, kann dies noch leichter vonstattengehen, aber es ist keine Voraussetzung und keine besondere Qualifikation. Charisma oder Berühmtheit allein verhelfen – entgegen der allgemeinen Wahrnehmung – noch nicht zu Macht.

Prominente verfügen also nur über eine Scheinautorität?

In vielen Fällen ja. Zwar gibt es immer noch Machtformen, die an Ansehen und Prominenz gebunden sind – wobei die Denker der Antike darunter eher persönliche Tugenden verstanden haben. Der wirkliche Einfluss von Prominenten wird aber oft überschätzt. Hat Lindsay Lohan Macht, bloß weil sie jeder kennt?

Sie haben sich stark mit der Machttheorie des holländischen Philosophen Baruch de Spinoza beschäftigt, der als Pionier der europäischen ­Aufklärung gilt. Was fasziniert Sie daran?

Spinoza ist ein unglaublich vielschichtiger Denker. Zwang und Freiheit, Ermächtigung und Entmachtung, destruktive und produktive Macht – all diese Aspekte setzt er in ein Verhältnis zueinander. Und er ist einer der ersten und radikalsten Denker der Demokratie, die er als eine besondere Form des Teilens und Handhabens der Macht versteht.

Inwiefern kann diese Theorie­ dem politischen Denken von heute Orientierung­ ­bieten?

Spinoza gibt uns eine wichtige Lektion über die Macht des Staats, dessen Institutionen und Machthaber zwar viele Dinge regulieren können, aber nie ganz souverän sind. Spinozas Formel von der potentia multitudinis, der "Macht der Menge" besagt, dass die Macht des Staats – ganz im demokratischen Sinne – von unten, vom Volk an das politische System vermittelt und kanalisiert werden muss. Damit bleibt sie dem Volk – ihrer realen Machtbasis – immer verpflichtet.

Wäre Spinoza mit dem heutigen politischen System in Deutschland zufrieden?

Ich befürchte, er würde sagen, in unserem System seien Staat und Entscheidungsträger etwas zu weit vom Volk getrennt. Er würde unsere Gesellschaft, die sich selbstbewusst eine demokratische nennt, dafür kritisieren, dass sie manchmal vergisst, was Demokratie bedeutet. Die Rückkopplungen vom Volk zur Politik wären ihm wahrscheinlich zu schwach.

Dann wäre er ein Fan der direkten Demokratie?

Seine Überlegungen gehen eher in die Richtung, dass indirekte Formen den Volkswillen auf eine heilsame Weise moderieren und vielleicht sogar verbessern können. Laut Spinoza entstehen gute Lösungen, wenn erst einmal beraten und debattiert wird.

Kommen wir zu Friedrich Nietzsche. Dessen Machtbegriff wird aufgrund der als sozialdarwinistisch geltenden Tendenzen und der Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus oft gemieden. Lohnt es sich trotzdem, sich damit zu beschäftigen?

Nietzsches Formel vom "Willen der Macht" klingt erst einmal so, als würde er propagieren, dass es in der Politik nur um die Steigerung der Macht Einzelner ginge. Aber wenn man genauer hinschaut, hat er eine komplexe Vorstellung davon, wie die moderne Gesellschaft funktioniert. Man kann Nietzsches Werk kein eindeutiges politisches Programm entnehmen, auch hier hatten die Nationalsozialisten Unrecht. Sein Werk liest sich an vielen Stellen wie ein Aufruf dazu, eigene Macht und Handlungsfähigkeit zu entwickeln und nicht andere für sich entscheiden zu lassen. Nach meinem Verständnis richtet sich dieser Imperativ an alle, er ist überhaupt nicht elitär. Viele andere Passagen stehen allerdings einer solchen radikalen, fast revolutionären Egalität entgegen. Nietzsche war ein zerrissener Denker.

Wir haben im Schnelldurchlauf über 2.500 Jahre Ideengeschichte gesprochen. Was verraten all diese Machttheorien über den herrschenden Zeitgeist?

In den jeweiligen Machtverständnissen spiegeln sich natürlich zeitgebundene generelle Überlegungen über Politik, die Möglichkeiten gesellschaftlicher Transformation und die Fähigkeiten Einzelner wider. In diesem Sinn ist eine Machtkonzeption immer auch Ausdruck ihrer Zeit. Es ist jedoch wichtig zu sehen, dass einige Theoretiker – wie Machiavelli, Nietzsche oder Foucault – versucht haben, den Zeitgeist zu konterkarieren und überraschende und ungewohnte Perspektiven vorzuschlagen. Die wirklich innovativen Machttheorien erlauben, Macht auch dort zu sehen, wo wir sie bisher nicht vermutet haben.

Martin Saar

ist Inhaber der Professur Politische Theorie an der Universität Leipzig. Er beschäftigt sich besonders mit dem Thema Macht und den Theoretikern der Frühen Neuzeit. (Foto: Laurin Schmid)