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International

Die Sprecherinnen des Weißen Hauses

Ladys first für Donald Trump: Warum der Präsident der Vereinigten Staaten männlichen Sprechern nicht traut und wie die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Weißen Haus funktioniert.

von Ansgar Graw

Pressesprecher des Weißen Hauses zu sein, ist in diesen Zeiten kein Traumjob. Das liegt zum einen an dem erratisch regierenden Präsidenten Donald Trump, der sich von keiner Kommunikationsstrategie leiten lässt. Seinen ersten Sprecher, Sean Spicer, ließ er gleich im ersten Briefing nach der Inauguration im Januar 2017 lügen. Über die Größe des Publikums nämlich, das angeblich jenes von Amtsvorgänger Barack Obama 2009 übertroffen habe. Dabei bewiesen Fernsehbilder und allgemein zugängliche Daten, etwa über die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs, das Gegenteil.

Das liegt zum Zweiten an Journalisten, deren Fragen ebenfalls nicht immer der Würde des Weißen Hauses zuträglich sind. Da war etwa die von Spicers Nachfolgerin Sarah Huckabee Sanders geleitete Pressekonferenz im Januar 2018 mit Trumps Leibarzt Ronny Jackson (der laut Medienberichten seine Funktion als Leibarzt inzwischen aufgegeben hat). Er bescheinigte dem Präsidenten eine robuste Gesundheit frei von "kognitiven oder mentalen Problemen".

Striktes Regime für die Pressearbeit

Eine Journalistin erkundigte sich, ob der mächtigste Mann der Welt künftig nur noch eine Kugel Eis zum Nachtisch essen dürfe, und ein Kollege wollte allen Ernstes wissen, wieso Trump, dessen Vorliebe für Diet Coke und Fast Food legendär ist, fitter sein könne als Obama. "Man nennt es Gene", antwortete der Arzt achselzuckend.

Als Jackson nach einer Stunde das Rednerpult freigab, fragte Sprecherin Sanders mit erkennbarem Sarkasmus in die Runde: "War das informativ? Ich denke, wir haben jede Spur diskutiert, die mit der Gesundheit des Präsidenten zu tun haben könnte."

Als White House Press Secretary nutzt Sanders die Macht ihres Amts gern aus. Im November eröffnete sie ein Pressebriefing mit dem Hinweis, sie sei dankbar für die Arbeit "mit euch allen hier im Raum". Dann forderte sie die Korrespondenten auf, Fragen einzuleiten mit Bekenntnissen, wofür sie dankbar seien. Wer sich an diese Regel nicht hielt, durfte zwar trotzdem seine Frage stellen, wurde aber von der 35-jährigen Tochter eines republikanischen Ex-Gouverneurs aus Arkansas ermahnt.

Die meisten Journalisten hielten sich an Sanders' Vorgabe. Eine Kollegin sagte, sie sei dankbar für den ersten Verfassungszusatz, der die Religions-, Presse- und Meinungsfreiheit festschreibt – und verzichtete auf den mitschwingenden Hinweis, dass dieses First Amendment das Recht einschließt, Antworten auf derartige willkürliche Fragen zu verweigern.

Kaltgestellte Korrespondenten

Die Presseabteilung im Weißen Haus führt ein striktes Regime. Das wurde auch deutlich beim Antrittsbesuch von Kanzlerin Angela Merkel im März 2017, als der Pressesprecher noch Spicer hieß. Journalisten von "New York Times" und CNN verabredeten beim Warten im Briefing Room eine Frage zu einer von Spicer am Vortag verbreiteten Verschwörungstheorie. Der zufolge hatte Obama das Trump-Team im Wahlkampf mithilfe des britischen Geheimdienstes aushorchen lassen. Von London war das just an jenem Morgen als "lächerlich" dementiert worden.

Eine Mitarbeiterin der Pressestelle schnappte die Verabredung auf. Daraufhin wählte Spicer Kollegen von MSNBC und Bloomberg als Fragesteller aus, die Trump zu harmloseren Themen wie Gesundheitsreform und Republikaner befragen wollten. Da die Fragen von uns ausländischen Journalisten im Gegensatz zu jenen der Amerikaner nicht zuvor von Spicer abgesegnet werden mussten, baten die kaltgestellten Korrespondenten von CNN und "New York Times" uns daraufhin, an ihrer Stelle die Londoner Reaktion auf die angebliche Abhöraktion anzusprechen.

Ich tat es − zum erkennbaren Unmut von Trump. Immerhin nutzte der Präsident seine Antwort auf meine Frage für folgende Bemerkung mit Seitenblick auf die neben ihm stehende und mutmaßlich bis 2013 von der NSA belauschte Merkel: "Was das Abhören angeht: Ich glaube, in Bezug auf die vorige Regierung haben wir immerhin etwas gemeinsam."

Notlügen "zum Wohle des Präsidenten"

Der nüchterne Spicer nahm im Juli 2017 den Hut, weil ihm der zur Selbstinszenierung neigende Anthony Scaramucci als Kommunikationsdirektor vorgesetzt werden sollte. Scaramucci selbst wurde nach nur zehn Tagen gefeuert, nachdem er in einem absurden Telefonat mit einem Journalisten unter anderem erklärt hatte, der damalige Stabschef Reince Priebus würde versuchen, "seinen eigenen Schwanz zu lutschen". Priebus trat ebenfalls zurück. Über seinen Nachfolger John F. Kelly wird spekuliert, dass er entweder aus Frust kündigen oder vom Präsidenten in die Wüste geschickt wird.

Spicer führte die beiden Ämter des Press Secretary und des Communications Director (siehe Infokasten) in Personalunion, bis Scaramucci die Direktorenrolle übernahm. Ihn ersetzte Trumps Wahlkampfhelferin Hope Hicks, die vor allem im Hintergrund arbeitete. Ende Februar stellte auch Hicks ihren Posten zur Verfügung, nachdem sie einem Kongressausschuss gegenüber eingeräumt hatte, zum Wohle des Präsidenten "Notlügen" verbreitet zu haben.

Sprecher im Weißen Haus

Neben dem Press Secretary gibt es den Communications Director im Weißen Haus. Beide unterstehen formal dem Stabschef, berichten aber direkt an den Präsidenten. Während der Press Secretary vor allem mit dem Pressekorps zu tun hat, ist der Communications Director für die Vermittlung der politischen Agenda des Weißen Hauses insgesamt zuständig.

Mitarbeiter im Weißen Haus hatten zuvor immer wieder auf die mangelnde Erfahrung der vormaligen Vertrauten von Trump-Tochter Ivanka verwiesen. So machte Hicks im März 2017 den Präsidenten auf einen Artikel von Evan Osnos, David Remnick und Joshua Yaffa im Magazin "New Yorker" über "Trump, Putin and the New Cold War" aufmerksam.

Doch war Hicks die eigentliche, ganz am Ende der umfangreichen Story in einem Klammersatz versteckte News entgangen, dass sich auch Trumps Berater und Schwiegersohn Jared Kushner während der Übergangszeit mit dem russischen Botschafter Sergej Kisljak im Trump-Tower getroffen hatte. Erst der damalige, inzwischen geschasste Chefstratege Steve Bannon wies den Präsidenten auf dieses brisante Detail hin. Stabschef John F. Kelly, ein kriegsgestählter Ex-General, nahm Hicks wegen derartiger Pannen nicht wirklich ernst.

Frauen hält Donald Trump für loyal und ungefährlich

Von einer Verstimmung Trumps gegenüber Hicks war hingegen nie etwas zu spüren. Er habe sie als seine Tochter angesehen, schreibt Michael Wolff in seinem Enthüllungsbuch "Fire and Fury", während Trumps tatsächliche Tochter Ivanka eher als eigentliche First Lady aufgetreten sei. Vor allem im ersten Jahr der Präsidentschaft, als Melania Trump mit dem jüngsten Präsidentensohn Barron noch in New York City lebte.

Frauen sind Donald Trumps wichtigste Kommunikatoren im Weißen Haus, während Männer im Universum des amerikanischen Präsidenten kommen und gehen. Trump arbeitet sehr gern mit Frauen zusammen. Sie hält er für loyal und ungefährlich, während er Männer bestenfalls für unfähig hält (wie Spicer) und ihnen schlechtestenfalls eine eigene Agenda und den Versuch unterstellt, sich auf seine Kosten profilieren zu wollen (wie zuletzt und nicht zu Unrecht seinem Strategen Bannon).

"Niemand hat mehr Respekt vor Frauen als ich", hat Trump mehrfach in seiner charakteristischen Vorliebe für auf ihn bezogene Superlative behauptet. Dass er in einem alten Audio-Mitschnitt prahlt, als TV-Berühmtheit könne er Frauen ungefragt "an die Pussy greifen", bringt ihn von dieser Selbstwahrnehmung ebenso wenig ab wie Behauptungen der Porno-Darstellerin Stormy Daniels und des "Playboy"-Models Karen McDougal, mit Trump Affären gehabt zu haben – zwar vor seiner Präsidentschaftskandidatur, aber während seiner aktuellen dritten Ehe mit First Lady Melania.

Für den Präsidenten war Hicks ein Werkzeug in der Kommunikationsarbeit. Ihr "Rat", den er angeblich schätzte, bestand aus Zustimmung zu seinem Agieren. Auch Sarah Huckabee Sanders ist kein Gegengewicht für den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Sie taugt als seine Sprecherin, weil sie sich darauf beschränkt, die Stimme ihres Chefs zu sein. Doch sie taugt nicht als die Beraterin, die der Präsident, der das Selbstverständnis Amerikas verschiebt und die Welt verrückt, so dringend bräuchte.


Hinweis: Dieser Text ist eine leicht aktualisierte Version des Beitrags, der in der gedruckten Ausgabe 2/2018 des Magazins pressesprecher erschienenen ist.

Ansgar Graw: "Trump verrückt die Welt" (2017), Herbig Verlag, 240 Seiten
Ansgar Graw

ist Chefreporter der Tageszeitung "Die Welt" in Berlin. Von 2009 bis 2017 war er Korrespondent der Zeitung in Washington D.C. Im vergangenen Jahr erschien sein Buch "Trump verrückt die Welt" (Herbig). (Foto: Klar/Lengemann)