D
Foto: thinkstockphotos.com/Purestock
Politik

Die Psychologie des Postfaktischen

Die Diskussion über das "postfaktische Zeitalter" lässt vermuten, dass wir mit einer neuen Situation konfrontiert sind. Lagen Politologen deshalb bei Brexit und US-Wahl komplett daneben? Ganz so einfach ist es nicht, wie der Blick auf den psychologischen Mechanismus hinter "postfaktischen Erfolgen" zeigt.

von Nadja Hirsch

Es ist bei weitem nicht so, dass 2016 Wähler erstmals emotionale, nicht an rationalen Fakten ausgerichtete Wahlentscheidungen getroffen hätten. Nur ein Beispiel: 2011 fuhren die Grünen aufgrund der Atomkatastrophe in Japan einen unerwartet hohen Sieg bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg ein. Der Slogan "Fukushima ist überall – Atomausstieg jetzt" – funktionierte, weil er die Ängste der Menschen aufgriff. Objektiv betrachtet war die Situation mit deutschen Atomkraftwerken aber nicht vergleichbar.

Wieso steht das "postfaktische Zeitalter" dennoch erst jetzt – nach Brexit, Trump & Co. – im Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit? 2016 war das Jahr, in dem dieses Phänomen für die etablierte Politik und die Demokratie zu einem echten Problem wurde, weil Populisten Nutzen daraus gezogen haben. Halbseidene Argumente und falsche Fakten führten zum Erfolg, weil sie von Wählergruppen akzeptiert wurden. 2016 war das Jahr, das zeigte, dass Menschen nicht so rational handeln, wie wir annehmen. 2016 war das Jahr, in dem die Wahl des Worts "postfaktisch" zum "Wort des Jahres" einem Hilferuf gleichkam. Wieso scheinen Menschen kein Interesse daran zu haben, Fakten – falsch oder richtig – zu hinterfragen?

Wir verarbeiten Informationen selektiv

Das Phänomen, dass Menschen Informationen, die ihnen vorliegen, unterschiedlich bewerten und unterschiedlich in ihre Meinungsbildung einbeziehen, ist in der Psychologie schon lange bekannt. Bereits 1957 beschrieb Leon Festinger in seiner "Theorie der kognitiven Dissonanz", eine selektive Informationsverarbeitung. Danach werden Informationen, die die eigene Meinung oder politische Einstellung unterstützen, bevorzugt aufgenommen und integriert. Kognitive Dissonanz entsteht dann, wenn zwei Informationen nicht zueinander passen. Dadurch entwickelt sich ein Motivationszustand, der darauf abzielt, diese Unvereinbarkeit zu beseitigen.

Dabei gibt es die Möglichkeit, weitere unterstützende Fakten zu addieren oder widersprüchliche Informationen zu verdrängen. Zu einer Meinungsänderung kann es letztendlich kommen, wenn die neuen, anfänglich widersprechenden Informationen so übermächtig werden, dass eine neue Meinung unumgänglich ist. Dies ist aber der letzte Schritt, da ein Meinungswechsel immer auch eine öffentliche Abkehr von der bisherigen Position notwendig machen würde.  

In diesem psychologischen Informationsverarbeitungsprozess spielt auch die Glaubwürdigkeit der Quelle eine Rolle. Je geringer die Glaubwürdigkeit des Kommunikators, desto eher wird die Information als nrelevant eingestuft und kann damit die Meinung der Person nicht ändern. Ebenfalls hängt die Einordnung und das kritische Hinterfragen einer Information davon ab.

Die Glaubwürdigkeit der Politik ist desolat

Die Donsbach-Studie (1991) zeigte, dass der Zeitungsleser dazu tendiert, sich mehr bestätigenden als widersprechenden Informationen zuzuwenden. Dieser Mechanismus ist so alt wie die Menschheit. Der Mensch ist aber nicht ausgeliefert, sondern kann darüber reflektieren und bewusst entscheiden, sich anders zu verhalten. Demokratie kann nur funktionieren, wenn eine grundsätzliche Bereitschaft vorhanden ist, sich mit Informationen, auch wenn diese der eigenen Meinung widersprechen, auseinanderzusetzen. In diesem Prozess können dann auch falsche Fakten entlarvt werden.

Betrachten wir die Erfolge der Rechtspopulisten: Diese basieren unter anderem darauf, dass sie ihre Anhänger als glaubwürdige Quellen mit "unterstützenden" Informationen versorgen, die damit ihr politisches Weltbild aufrechterhalten. Die etablierten Parteien haben einen Nachholbedarf, verständliche und glaubwürdige Informationen zu kommunizieren.

Die Glaubwürdigkeit der gesamten Politik hat gelitten: Erstens durch das kontinuierliche, mediale Politik-Bashing. Zweitens durch die immer martialischere Sprache zwischen Politikern (selbst innerhalb einer Regierung). Drittens durch gezielte Fehlinformation (wie beispielsweise Bundesinnenminister de Maizière, der behauptete, 70 Prozent der abzuschiebenden Männer hätten ein ärztliches Attest). Viertens durch ein Übermaß an Political Correctness. Die verbale Eskalation – und dabei geht es nicht um zugespitzte Rhetorik, sondern um Beleidigungen und Abwertungen – führt langfristig zu einem Verlust der Glaubwürdigkeit aller Akteure in großen Teilen der Bevölkerung.

Demokraten müssen falsche Fakten entlarven

Um den Erfolg der extremen Populisten, den Nutznießern des "postfaktischen Phänomens", entschlossen entgegenzutreten, müssen Demokraten wieder zu einem respektvollen Umgang miteinander finden, um die verlorengegangene Glaubwürdigkeit und damit Überzeugungsfähigkeit aufzubauen. Mithilfe einer Glaubwürdigkeits- und Informationsoffensive können Bürger, die nicht im verfassungsfeindlichen Gedankengut verfestigt sind, wieder für demokratische Parteien gewonnen werden.

Einen Wettlauf der populistischen Eskalation können demokratische Parteien nur verlieren. Daher müssen sie mit verständlichen Argumenten überzeugen und falsche Fakten entlarven. Probleme müssen benannt und realistische Lösungen – keine schillernden Wahlversprechen – angeboten werden. Eine echte Herausforderung im Superwahljahr 2017!

Nadja Hirsch

ist Diplompsychologin und war Europaabgeordnete der FDP von 2009 bis 2014. Sie schreibt in ihrem Blog "Politik & Psychologie" über aktuelle politische Ereignisse aus Sicht der Psychologie. (Foto: privat)