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Fotos: Juerg Christandl/Picture Alliance; Xinhua/Xing Guangli; Michael Kappeler/dpa; Collage: Laurin Schmid
Politik

Die ­Magie der Hoffnungs­träger

Ob Clinton oder Trump – beide Anwärter auf das Weiße Haus sind schon im Rentenalter. Weltweit liegt jedoch ein anderer Politkertypus im Trend: smart, frisch, zupackend. Wer könnte der deutsche Barack Obama oder Matteo Renzi für die Zeit nach Merkels Kanzlerschaft sein?

von Georg Milde

Man stelle sich vor, wie in den USA nachts Demokraten wie Republikaner wachliegen und sich fragen: "Was wäre passiert, wenn wir einen anderen, jüngeren Präsidentschaftskandidaten nominiert hätten? Es hätte ja nicht gleich ein John F. Kennedy sein müssen, aber so ein bisschen wie bei Bill Clinton 1992..." Welche der beiden Parteien so entschieden hätte – mit sehr großer Wahrscheinlichkeit würde sie den nächsten US-Präsidenten stellen. Stattdessen wird das künftige Staatsoberhaupt 69 oder 70 Jahre alt sein – und somit im Rentenalter. Kennedy war einst mit 43 Präsident geworden (27 Jahre jünger als sein Vorgänger Eisenhower), Clinton mit 46 (22 Jahre jünger als Bush Senior), Obama mit 47 (14 Jahre jünger als Bush Junior).

Zwar ist das Alter nur einer der Bausteine, aus dem Hoffnungsträger gemacht werden. Aber ein wichtiger, wenn es darum geht, vermeintlich "frischen Wind" zu verbreiten, Stillstand zu beenden, das Land, die Politik und ihre Elite als Reformer zu erneuern (oder dies zumindest anzukündigen). Jüngste Beispiele für das "Prinzip Hoffnung" sind der Wechsel im österreichischen Kanzleramt von Werner Faymann (56) zum sechs Jahre jüngeren Christian Kern (der mit seinem 30-jährigen Außenminister Sebastian Kurz zudem einen potenziellen Konkurrenten im Kabinett hat) sowie die Ankündigung des bisherigen französischen Wirtschaftsministers Emmanuel Macron, 2017 im Alter von 39 Jahren gegen Staatspräsident François Hollande (62) antreten zu wollen.

In den Jahren zuvor gab es zahlreiche Fälle, in denen smarte Reformer medienwirksam und dynamisch die Ärmel für ihr Land hochkrempelten: Im Jahr 2014 der französische Premierminister Manuel Valls sowie der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi, im Jahr 2015 der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras sowie der kanadische Premierminister Justin Trudeau. Was verbindet diesen Politikertypus, der eine Mischung aus sportlich-gutaussehendem Youngster und lächelndem Wunschschwiegersohn verkörpert?

Jugendliche Ausstrahlung
Der Wunsch nach Verjüngung auf der politischen Bühne ist einer der zentralen Aspekte: Alexis Tsipras war mit 40 Jahren 23 Jahre jünger als sein Amtsvorgänger, Matteo Renzi mit 39 acht Jahre, Justin Trudeau unterbot seinen Vorgänger mit 43 Jahren um 13 Jahre.

Verkörperung von ­Anti‑Establishment
Als die österreichischen Sozialdemokraten im Mai im Zuge der Bundespräsidentenwahl nicht mehr weiterwussten, holten sie einen Anti-Politiker als Retter: Bahnchef Christian Kern, zuvor weder Abgeordneter noch Parteifunktionär, wurde neuer Bundeskanzler. Justin Trudeau stammt zwar aus einer politischen Familie, war jedoch zunächst Schauspieler und nahm selbst als Abgeordneter und tätowierter "Rockstar" seiner Partei an Boxkämpfen teil. Matteo Renzi fiel bereits als 34-jähriger Bürgermeister von Florenz auf, als er den von seinem Vorgänger abgeschirmten Palazzo Vecchio von allen vier Seiten für das Publikum öffnete und dazu sogar die Metalldetektoren abschaffte.

Ankündigung großer Reformprojekte
Manuel Valls startete selbstbewusst und kämpfte für eine große Arbeitsmarktreform, die er im Juli per Schnellverfahren durch die Nationalversammlung brachte. Auch Matteo Renzi startete mit enormen Erneuerungsankündigungen vom Wahlrecht bis zur Arbeitsmarktpolitik. Nach mehr als zwei Jahren im Amt ist er manchem davon tatsächlich gerecht geworden – jüngstes Beispiel ist das Verfassungsreferendum Ende des Jahres, durch das er die Macht des italienischen Senats stark beschneiden will. Alexis Tsipras wiederum stieß umfassende Maßnahmen zur Bekämpfung der inländischen Korruption und der Steuerflucht an.

Markante Rhetorik
Matteo Renzi versprach der italienischen Bevölkerung von Beginn an, schonungslos aufräumen zu wollen. Der selbsternannte "Verschrotter" alter Eliten erweckte die Hoffnung, sein Land ruckartig aus dem Sumpf zu ziehen. Auch Manuel Valls wählte noch vor seinem Amtsantritt markante Worte: "Es muss Schluss sein mit einer ewiggestrigen Linken, die sich an einer längst vergangenen und nostalgischen Zeit festhält." Alexis Tsipras verdonnerte seine Minister, ihre häufigen Fernsehauftritte einzustellen: "Ich habe euch als Minister ausgewählt, damit ihr Probleme löst und nicht, damit ihr in Talkshow-Runden auftretet." Und Christian Kern bescheinigte seinen Vorgängern gar ein "Schauspiel der Machtversessenheit".

Verkleinerung des Kabinetts
Weniger Ämter gleich effizienteres Regieren? Zumindest erweckt "Lean Management" diesen Anschein: Manuel Valls reduzierte die Zahl seiner Minister im Vergleich zu seinem Vorgänger von 38 auf 16. Tsipras verringerte den Kreis seiner Kabinettsmitglieder von 20 auf 13 Minister, Renzi von 21 auf 16.

Medienwirksame Bescheidenheitsgesten
Alexis Tsipras verzichtet auch bei offiziellen Terminen auf die obligatorische Krawatte (wie sein früherer im Dienst motorradfahrender Finanzminister Varoufakis). Matteo Renzi steuerte im Zuge seines Amtsantritts sein Auto selbst (natürlich vor laufenden Kameras), Christian Kern punktete mit bescheidenem Lebensstil inklusive Vergangenheit als allein- erziehender Student.

Vorbereitung durchaufrüttelnde Bücher
In den Jahren vor seiner Amts­übernahme machte Matteo Renzi durch markante Buchtitel auf sich aufmerksam ("Raus!", "Neuer Stil – Die Revolution des Schönen von Dante bis Twitter"), ebenso Valls ("Sicherheit. Die Linke kann alles verändern", "Die Kraft des Wandels – Eine optimistische Fibel"). Barack Obama hatte es einige Jahre früher vorgemacht ("Hoffnung wagen: Gedanken zur Rückbesinnung auf den American Dream").

Frische in Umfeld und Stil
Justin Trudeau besetzte sein Kabinett mit neuen Gesichtern und vielseitig: ein Inuit, Sikhs, Flüchtlinge, Einwanderer – inklusive 50 Prozent Frauenanteil. Schon zu Beginn seiner Amtszeit stellte Christian Kern infrage, ob Ministerratssitzungen wirklich so schematisch und althergebracht ablaufen müssten. Matteo Renzi informierte über eine Homepage laufend über die Fortschritte seines "1.000-Tage-Programms".

Moderne Medienarbeit
"Ich komme, ich komme", twitterte Matteo Renzi aus dem römischen Quirinalspalast, als er vor seinem Amtsantritt noch hinter verschlossenen Türen beim damaligen Staatspräsidenten Napolitano war. Christian Kern wird von Journalisten wegen seines stylishen Instagram-Accounts als neue Stilikone bejubelt. Und Alexis Tsipras ist für seine bissigen Tweets bekannt, in denen er unter Verzicht auf Diplomatie andere Länder bisweilen scharf kritisiert. Zuvor übliche Freigabewege staatlicher Pressestellen werden damit umgangen.

Geschlecht: zumeist männlich
Auch in Zeiten von Merkel und May: Der Typus des smarten Hoffnungsträgers ist weiterhin zumeist männlich. Das hat einen einfachen Grund: Trotz steigender Frauenanteile in der Politik gibt es weltweit nur sechs weibliche Regierungschefs – bei rund 200 Staaten, die zuweilen auf neue Hoffnungsträger warten – und das nicht zwingend mit "jungenhaftem Charme".

Wer könnte der deutsche Obama oder Renzi für die Zeit nach Merkels Kanzlerschaft sein? Nach dem Abtritt von Karl-Theodor zu Guttenberg, der sich in den beiden Jahren zuvor zu einem Höhenflug aufgeschwungen hatte, ist diese Frage noch nicht beantwortet. Vom Typus wäre dies beispielsweise FDP-Chef Christian Lindner, dessen Partei jedoch traditionell das Kanzleramt verwehrt bleibt. Was aber wäre, wenn sich etwa die SPD bei der Suche nach ihrem Kanzlerkandidaten außerhalb der eingetretenen politischen Pfade nach ihrem beziehungsweise ihrer Christian(e) Kern umschauen würde? Doch gemach – der Typus Hoffnungsträger ist nicht der einzige denkbare Regierungschef der Zukunft, denn er hat auch Schattenseiten: Mediale Überinszenierung und eine Tendenz zur Wählergefälligkeit werden ­begleitet von der Fallhöhe, dass markigen Sprüchen auch ­konkrete Erfolge und vor allem Inhalte ­folgen müssen.

Georg Milde

ist Herausgeber von politik&kommunikation.