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Die Macht des Establishments

Das Internet stellt die Meinungsmacht etablierter Medien in Frage. Doch die Meinungsmacher im Wahljahr sind zunächst einmal die altbekannten.

Von Sebastian Lange


Aber auch der Einfluss anderer klassischer Medienmacher sollte nicht unterschätzt werden: So haben zum Beispiel die Nachrichtenagenturen wegen ihrer enormen Reichweite noch immer große Bedeutung für Wahlkämpfer. Gelingt es diesen, ihre Forderungen, Meinungen und Statements über die Agenturen zu verbreiten, können sie sicher sein, dass sie in sämtlichen Medien präsent sind. Nach wie vor können Nachrichtenagenturen die Agenda bestimmen, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: über die Tages- und Wochenvorschauen zum Beispiel, in denen die wichtigsten politischen Termine angekündigt werden. „Die Nervosität der anderen Seite ist im Wahljahr durchaus zu spüren“, sagt dpa-Chefredakteur Herlyn. „Anrufe aus den Parteizentralen bei unseren Redakteuren und Korrespondenten häufen sich dann.“ An die dpa würden zu Wahlkampfzeiten verstärkt auch Interviewwünsche herangetragen. „Die Medienstrategen der Parteien wissen sehr genau, wen man wann ansprechen muss“, sagt Herlyn. Die Agenturen sind dabei das, was Experten „Gatekeeper“ nennen: Türsteher, welche die eine Nachricht durchlassen und die andere nicht. Und hier entscheidet am Ende die journalistische Relevanz.
Nicht zu unterschätzen ist überdies die Macht der Nachrichtenagenturen, den Sprachgebrauch zumindest der Journalisten zu beeinflussen. Zugunsten der Medienhäuser, die mehrere Nachrichtenagenturen abonniert haben, stimmen diese sich untereinander ab, und zwar über Fragen der Rechtschreibung, aber eben auch über die Verwendung von Begriffen: So verständigten sie sich nach der Landtagswahl in Sachs­en-Anhalt 2006 darauf, die Koalition zwischen Union und SPD nicht „Große Koalition“ zu nennen, wie es bei dieser Konstellation bis dato üblich war. Die SPD war nämlich nur drittstärkste Kraft hinter der Linken geworden. Der Vorschlag stammte vom stellvertretenden ddp-Chefredakteur Rainer Höhling, der früher für die DDR-Nachrichten­agentur ADN gearbeitet hat. Im Zusammenspiel mit den Agenturen können auch die Regionalzeitungen wichtige Ansprechpartner für Wahlkämpfer werden – in der heißen Phase des Wahlkampfs sogar die wichtigsten. Michael Spreng: „Edmund Stoiber hat 2002 in den letzten 14 Tagen vor der Wahl noch 30 Interviews mit Regionalzeitungen geführt.“ Interviews oder Bürgersprechstunden vor Ort seien das beste Mittel, Nähe zu den Wählern herzustellen. Darauf, dass die Redaktionen Vorab-Meldungen mit den prägnantesten Zitaten an die Agenturen geben, können die Politstrategen sich verlassen, ist es doch auch für die Zeitung wichtig zu demonstrieren, dass sie über exklusive Informationen verfügt.
Dass die Parteien sich diesmal besonders intensiv um eine totale Durchdring­ung des Internets bemühen, ist vor allem dem Wunsch geschuldet, umfassende Präsenz zu zeigen und nach US-Vorbild Mitglieder zu mobilisieren. Beim Bemühen um mediale Präsenz werden sie allerdings auch selbst zu Lieferanten von Inhalten wie viral verbreiteten Videospots – etwa dem Film, in dem die CDU sich darüber lustig machte, dass SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier von seinen Genossen jetzt nur noch Frank Steinmeier genannt werde. Solche Inhalte produzieren die Parteien selbst; sie setzen darauf, dass die Medien sie aufgreifen. Im Falle des Steinmeier-Clips ging die Rechnung auf: Er war bald auf den Webseiten von „Welt“, „Financial Times Deutschland“ und anderen zu sehen. „Wir reden viel von Bürgerjournalismus“, kommentiert Christoph Bieber solche Aktionen, „doch vergessen wir darüber den Politikerjournalismus.“ In den Parteizentralen säßen nicht mehr bloß Funktionäre, die Pressemitteilungen tippen würden, nein: „Die Parteien binden verstärkt gelernte Journalisten ein.“ Der etablierte Journalismus werde inzwischen von zwei Seiten in die Zange genommen, von Bürgerjournalisten auf der einen und Politikern auf der anderen, meint Bieber. „Schauen Sie sich die wirklich guten Fotos von Obamas Siegesrede bei ,flickr.com‘ an – die hat nicht etwa ein Pressefotograf gemacht, das war jemand aus der Kampagne.“ So würden die Grenzen zwischen Politwerbung und Publizistik verschwimmen.

Vorgetäuschte Modernität

Dass Parteistrategen wie SPD-Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel oder sein Pendant bei der FDP, Hans-Jürgen Beerfeltz, nicht müde werden, die Bedeutung des Internets zu betonen, erweckt allerdings den Eindruck, dass da keine reinen Online-Überzeugungstäter am Werk sind, sondern dass die Wahlkämpfer sich vor allem heftig um ein frisches Image bemühen. „Die Parteien täuschen Modernität vor, um als ,en vogue‘ zu erscheinen“, sagt Michael Spreng. „Was die SPD derzeit im Internet alles macht, ist aber nicht schlecht“, findet der Medienberater. Und auch Robin Meyer-Lucht verweist darauf, dass der Auftritt von Politikern im Internet per se schon Stoff für die Medien sei, was man im Fall des hessischen SPD-Spitzenkandidaten bei der Landtagswahl, Thorsten Schäfer-Gümbel, gesehen habe. Dieser hatte gebloggt, den Blogging-Dienst „Twitter“ für Kurznachrichten genutzt und Videos bei Youtube eingestellt. „Wenn die Wahl vorbei und damit die Aufmerksamkeit wieder weg ist, lässt das schnell nach“, sagt Meyer-Lucht. Ein Teil der Inszenierung also, den die Medien dankbar annehmen.
Michael Spreng, der elf Jahre lang Chefredakteur der „Bild am Sonntag“ war, ist inzwischen selbst unter die Blogger gegangen: Sprengs Blog namens „sprengsatz.de“ erfreut sich einer gewissen Beliebtheit und erhielt sozusagen den Ritterschlag einer Empfehlung von „Bildblog“-Macher Stefan Niggemeier. Über die Bedeutung der Blogosphäre hierzulande macht Spreng sich allerdings  keine Illusionen: „In Deutschland sind wir bei den politischen Blogs entweder weit hinterher – oder sie sind langweilig. Ich glaube, dass die Bedeutung im Wahlkampf zunehmen wird, doch zur vollen Blüte wird es erst 2013 kommen.“