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Die Macht des Establishments

Das Internet stellt die Meinungsmacht etablierter Medien in Frage. Doch die Meinungsmacher im Wahljahr sind zunächst einmal die altbekannten.

Von Sebastian Lange

Berlin, im November 2013: Ein Minister der neuen Bundesregierung steht der Bundespressekonferenz Rede und Antwort. Hat noch jemand eine Frage? Ja, der Kollege da vorn. Der Journalist stellt sich vor und fragt nach den Plänen des Ressortchefs – ach nein, das ist ja gar kein Journalist. Es ist ein Blogger, der neuerdings zwischen den Korrespondenten von Zeitungen und Onlineportalen sitzt und am alten Frage-Antwort-Spiel teilnimmt.
Eine Zukunftsvision? Danach sieht es aus. Denn wenn heute auch so mancher deutsche Journalist nebenher bloggt und viele Blogger inzwischen auf hohem Niveau schreiben, ist der Einfluss von unabhängigen Bürgerjournalisten noch gering. Kein Blogger ist bislang Mitglied der Bundespressekonferenz – zumindest kein reiner Blogger ohne etablierten Verlag oder Sender im Rücken. Anders in den USA: Im Pressekorps des Weißen Hauses sitzt inzwischen auch Sam Stein, ein Reporter der „Huffington Post“, des derzeit einflussreichsten Blogs des Landes. Der amerikanische Comedian Jon Stewart machte sich neulich in seiner Sendung darüber lustig – aber nur vordergründig, denn tatsächlich nahm er die etablierten Medien aufs Korn. Stewart zeigte die Bilder einer Pressekonferenz von US-Präsident Barack Obama vor dem Pressekorps und bemerkte ironisch, so ein Sam Stein würde doch vermutlich nur einen Link zur Frage des „New-York-Times“-Reporters setzen. Weit gefehlt: Stein ging den Präsidenten offensiv an und fragte, ob er dafür sorgen würde, dass die Missetaten der Bush-Regierung untersucht würden. Der Reporter der etablierten „Washington Post“ bat Obama hingegen um einen Kommentar zum Fall eines beim Doping erwischten Baseball-Stars. Der Fairness halber muss jedoch erwähnt werden: Auch Stein ist gelernter Journalist und schrieb vorher für das „Newsweek-Magazine“. Und die „Huffington Post“ ist auch nicht irgendeine Online-Klitsche: Ihre Gründerin Arianna Huffington ist Millionärin und hat kräftig ins Personal investiert – der größte Kostenfaktor eines Online-Mediums.
 In Deutschland ist „online“ im Wahlkampf zwar auch das große Zauberwort: Die Parteien suchen die sozialen Netzwerke im Internet zu durchdringen und lassen auf Youtube die Puppen tanzen – doch fragt man nach den Meinungsmachern unter den Medien, so sind es immer noch die altbekannten: „Auch heute gilt noch die Schrödersche Weisheit, nach der es auf ,Bild, Bams und Glotze‘ ankommt“, sagt dpa-Chefredakteur Wilm Herlyn. Zu ergänzen, so Herlyn, seien heute allerdings die Onlinemedien. Doch sind Internet-Portale meist nur da starke Spieler geworden, wo Verlage ihr Engagement offensiv ins Internet ausgedehnt haben. Davon zeugt der Erfolg von „Spiegel Online“: Das Portal kann sich über die meisten „Unique User” bei den Nachrichtenseiten freuen, das heißt über die höchste Zahl der Seitenaufrufe: Mehr als fünf Millionen sind es monatlich. Allerdings arbeiten auch 80 Redakteure bei dem Marktführer.
Doch ohne Quersubventionierung aus dem Printsegment wäre es mit der Meinungsmacht der meisten großen Onlineportale noch nicht weit her. Auch „Spiegel Online“ profitiert stark von der Verlängerung der Marke „Spiegel“ ins Netz. Können unabhängige Blogger da mithalten? „Die Online-Auftritte der klassischen Leitmedien sind noch die dominanten Akteure der Netzkommunikation“, sagt Robin Meyer-Lucht, der mit seinem „Berlin Institute“ Medienhäuser berät und den Blog „Carta“ ins Leben gerufen hat. „Der Journalismus hat aber die alleinige Definitionsmacht darüber verloren, wer mitreden darf und über was. Blogger können daher durchaus entscheidende Impulse geben“, sagt Meyer-Lucht. „Eine deutsche Mayhill Fowler halte ich im Wahljahr für nicht unwahrscheinlich.“ Mayhill Fowler, ebenfalls „Huffington“-Bloggerin, hatte während des US-Vorwahlkampfs einen „Scoop“ gelandet: die Exklusivmeldung, dass der damalige Kandidat Obama bei einem Dinner gesagt habe, einige Amerikaner würden sich „an die Religion und an ihre Waffen klammern“.

Professionalität als Plus

Letztlich ist die konstante Qualität aber das große Plus der journalistischen Internet-Medien. „Bei Quellen wie Blogs und Wikipedia kann man nach wie vor nicht sicher sein, dass Profis am Werk sind“, sagt die Nürnberger Kommunikationswissenschaftlerin Christina Holtz-Bacha. Dass ein Spaßvogel im frei editierbaren Online-Lexikon Wikipedia Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zusätzlich zu seinen zehn Vornamen noch den elften Vornamen „Wilhelm“ angedichtet hatte, was zahlreiche Medien prompt übernahmen, sei „symptomatisch“, meint Holtz-Bacha. Ein Ruhmesblatt für die etablierten Schreiber, die an dem „Wilhelm“ nicht zweifelten, ist es allerdings auch nicht.

Fernsehen dominiert

Doch dominieren im Wahljahr letztlich wohl ganz andere Medienmacher: „Wir werden im Sommer wieder einen Wahlkampf haben, der sich vor allem im Fernsehen abspielt“, sagt Christoph Bieber, Politikwissenschaftler und Betreiber des Blogs „Internet und Politik“. „Die TV-Duelle werden als zentrales Ereignis im Fokus stehen“, sagt Bieber. So sieht es auch Medienberater Michael Spreng, der im Wahlkampf 2002 Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber beraten hat: „Man darf nicht vergessen, dass einem Fernseh-Duell 20 Millionen Menschen zusehen. Auf eine solche Reichweite kommt nicht einmal die ,Bild-Zeitung‘.“ Schließlich sei es für Politiker äußerst wichtig, im Wahlkampf Bilder zu produzieren, die von einem großen Publikum wahrgenommen werden – und da macht es durchaus noch einen Unterschied, ob der Mediennutzer Texte und Bilder im Internet gezielt suchen muss oder ob er sie vorgesetzt bekommt, sobald er den Fernseher einschaltet. Das Wort von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender oder ARD-Chefredakteur Ulrich Deppendorf hat somit auch weiterhin erhebliches Gewicht im Wahljahr. Der politische Streit um Brender hat eindrucksvoll belegt, welchen Einfluss die Parteien Meinungsmachern wie ihm zuschreiben.