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Fotos: picture alliance / dpa; Suzanne Plunkett / Reuters
International

Die Durchstarterinnen

Mit Elisabeth Truss und Esther McVey hat Premierminister David Cameron bei der Kabinettsbildung im Juli zwei Ministerinnen ernannt, die das Zeug dazu haben, Maggie Thatcher zu beerben. Ein Doppelporträt.

Von Aljoscha Kertesz

Lachend verlässt Elizabeth Truss am 23. Juli 2014 Number 10 Downing Street und winkt in Richtung der Journalisten. Sie hat allen Grund zur Freude – gerade hat Premierminister David Cameron sie zur Umwelt- und Landwirtschaftsministerin ernannt. Truss ist damit die jüngste Frau, die jemals einem Kabinett der britischen Konservativen angehörte – und das nach gerade einmal vier Jahren im Parlament. Nicht wenige im Londoner Politikbetrieb sehen in ihr eine neue Margaret Thatcher.

Dabei war ihr eine Karriere bei den Tories keineswegs in den Schoß gelegt worden. In frühester Jugend sammelte sie ihre ersten politischen Erfahrungen auf den Demonstrationen der Anti-Atomkraft-Bewegung, bei der sich ihre Eltern engagierten. Mit 17 Jahren trat sie den Liberalen bei und leitete während ihres Studiums der Volkswirtschaft, Philosophie und Politik die Liberale Hochschulgruppe an der renommierten Universität in Oxford.

In dieser Zeit stellte sie fest, dass sie mit ihren marktliberalen Überzeugungen besser bei den Konservativen aufgehoben sei als bei den traditionell linksliberalen Liberal Democrats. So schloss sie sich 1996 den Konservativen des damaligen Premierministers John Major an. Nur fünf Jahre später unternahm sie im Alter von 26 Jahren ihren ersten Anlauf, einen Sitz im Unterhaus zu ergattern, dem Ausgangspunkt jeder politischen Karriere auf der Insel. Doch sowohl 2001 als auch 2005 kandidierte sie aussichtslos in Hochburgen der Labour Party.

Nach zwei erfolglosen Kandidaturen kam es ihr zugute, dass der neue Parteivorsitzende David Cameron seine Partei modernisieren wollte. Bereits in seiner Antrittsrede sagte er dem „skandalös niedrigen“ Anteil von Frauen in der Fraktion den Kampf an. Damals gab es nur 17 Frauen unter den 194 konservativen Unterhausabgeordneten. Von einem repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung konnte keine Rede sein. Es war daher auch wenig verwunderlich, dass bei den Unterhauswahlen 2005 nur 25 Prozent der Frauen unter 50 Jahren ihre Stimme den Konservativen gegeben hatten.

Da im Mehrheitswahlrecht die Möglichkeit der Liste als Quotenkorrektiv nicht zur Verfügung steht, schränkte Cameron die Autonomie der starken Regionalverbände ein, die in den einzelnen Wahlkreisen die Parlamentskandidaten eigenständig aufstellen. In einigen konservativen Hochburgen mussten Kandidatinnen der so genannten „A-List“ bevorzugt ausgewählt werden. Mehr als 50 Prozent der 160 Kandidaten, die auf dieser Liste standen, waren Frauen. Elizabeth Truss war eine von ihnen.

Mit großem Vorsprung wählten sie die Parteimitglieder im Wahlkreis South West Norfolk, im konservativen ländlichen Osten Englands gelegen, zu ihrer Kandidatin für die Parlamentswahlen 2010, bei denen sie mit 48 Prozent der Stimmen ein Top-Ergebnis holte. Als eine von 48 weiblichen Abgeordneten der Tories zog Truss ins Unterhaus ein. Die Rechnung von Cameron war aufgegangen.

Die "menschliche Handgranate"

In den Jahren vor ihrer Parlamentskarriere hatte Truss zunächst eine Karriere beim britischen Mineralölkonzern Shell und anschließend als stellvertretende Direktorin beim Thinktank „Reform“ gemacht. Seit der Arbeit in der überparteilichen, wirtschaftsfreundlichen Denkfabrik ist sie in Westminster über die Parteigrenzen hinweg bestens vernetzt.

Politisch bekennt sie sich zu einem konservativen, wirtschaftsliberalen Weg für Großbritannien, wie er einst von Margaret Thatcher propagiert wurde.

Und genau wie die Eiserne Lady provoziert Truss mit ihren Aussagen. So bezeichnete sie die Briten wegen der vielen Urlaubstage, der geringen Wochenarbeitszeit und dem frühen Renteneintrittsalter als die „größten Faulenzer der Welt“. Es sind Aussagen wie diese, die ihr den Spitznamen „die menschliche Handgranate“ eingetragen haben, wie Helen Lewis, die stellvertretende Chefredakteurin des linksliberalen Wochenmagazins „New Statesman“, anmerkt.

Truss bewegt – und eckt an. Mit ihrem Engagement für den Bau einer dritten Start- und Landebahn am Flughafen Hea­throw stellt sie sich gegen die offizielle Linie der Parteil, die sich in der aktuellen Wahlperiode dezidiert gegen den Bau ausgesprochen hatte. Doch Truss ist das egal – und das kommt auch bei manch Fraktionskollegen an. „Ich schätze Elizabeth sehr. Sie ist eine Politikerin, die aus Überzeugung handelt und sich entschieden für die freie Marktwirtschaft einsetzt. Sie geht keinem Konflikt aus dem Weg“, lobt etwa der konservative Abgeordnete Jacob Rees-Mogg.

2012 machte Cameron die engagierte Abgeordnete zur Parlamentarischen Staatssekretärin im Bildungsministerium. Dass er die Mutter zweier Töchte bei der Kabinettsumbildung Mitte Juli zur Umweltministerin beförderte, half ihm, ein Versprechen von 2009 zu erfüllen. Damals hatte Cameron angekündigt, dass im Fall seiner Wahl bis 2015 ein Drittel der Kabinettsmitglieder weiblich sein würde.

Daves Babes?

Wenige Monate vor Ablauf dieses Ultimatums hat er bei der Kabinettsumbildung vier Frauen bedacht und somit den Anteil weiblicher Tory-Mitglieder im Kabinett auf acht von 27 erhöht. Dabei beförderte Cameron mit Amber Rudd, Priti Patel, Esther McVey, Nicky Morgan und Elizabeth Truss gleich fünf Frauen, die erst seit 2010 dem britischen Unterhaus angehören.

So schnell haben britische Abgeordnete noch nie Karriere gemacht; Frauen schon gar nicht. Es ist daher wenig verwunderlich, dass die Opposition und weite Teile der Medienlandschaft hinter den Beförderungen in erster Linie einen PR-Coup wittern. Helen Goodman, Labour-Schattenministerin für Kultur und Medien, wirft Cameron vor, sein Kabinett mit Frauen zu dekorieren, ohne ihnen wirkliche Macht zu geben.

Kritik kommt auch aus den eigenen Reihen – vor allem von Männern, die gerne selbst Minister geworden wären. Der Tory-Abgeordnete Richard Drax etwa bezeichnete die Beförderungen als „Alibipolitik“. In seinem Blog polterte er, dass Frauen wie Männer durch Leistung in ihre Ämter kommen sollten – und nicht deshalb, weil es eine Quote zu erfüllen gelte.

Durch Leistung überzeugt hat zweifelsohne Esther McVey in den vergangenen Jahren. Sie ist die zweite Frau, die aus der Riege der neu berufenen Ministerinnen heraussticht. Ihre ersten vier Jahre im Parlament verliefen weniger geräuschvoll, ihr Aufstieg war jedoch noch rasanter als der von Truss.

Nur fünf Monate nach der Unterhauswahl 2010 machte der damalige Arbeitsminister Chris Grayling sie zu seiner Parlamentarischen Privatsekretärin, einer Art Mittelsfrau, die Meinungen zwischen dem Minister und den Hinterbänklern kanalisiert. In dieser wichtigen Schnittstellenfunktion konnte sie erste Erfahrungen im Umfeld der Regierungsarbeit sammeln.

Zwei Jahre später ernannte Cameron sie zur Staatssekretärin für Arbeits- und Rentenpolitik, bevor McVey 2013 zur Staatsministerin für Arbeit befördert wurde. Im Juli dieses Jahres erhielt sie schließlich den Kabinettsrang und gehört damit zur engsten Regierungsmannschaft.

Die mitfühlende Konservative

Die studierte Juristin und Journalistin macht aus ihrer nordwest-englischen Herkunft keinen Hehl. Sie gilt als bodenständige Anwältin der kleinen Leute, die unaufgeregt ihrer Arbeit nachgeht. Als Ex-Fernsehmoderatorin tritt sie sicher in den Medien auf. „Esther steht für konservative Werte. Sie ist eloquent und bringt ihre Botschaften auf sehr charmante Weise rüber“, findet der Abgeordnete Rees-Mogg, ein langjähriger Freund McVeys.

Innerhalb der Tories ist McVey der Gegenentwurf zu Elizabeth Truss. Sie wuchs als Tochter eines Kleinunternehmers in Liverpool auf und besuchte als Erste in ihrer Familie eine Hochschule. Anders als viele ihrer Kabinettskollegen studierte sie jedoch nicht in Oxford oder Cambridge, sondern in London.

Die Katholikin vertritt den „compassionate conservatism“, einen mitfühlenden Konservatismus, der auch von Cameron bei seinem Amtsantritt propagiert wurde. So fordert sie, mehr Coachs einzustellen, die Arbeitslose dabei unterstützen, wieder einen Job zu finden.

Erfahrungen auf diesem Gebiet hat sie nach dem Ende ihrer Fernsehkarriere gesammelt. Sie gründete in Liverpool ein Unternehmen, das sich auf die Beratung kleiner und mittelständischer Unternehmen spezialisierte und zudem Büroräume an Start-up-Unternehmen vermietete.

In das Aufgabengebiet der 46-Jährigen fällt die Veröffentlichung der Arbeitslosenzahlen. Und die sind mit aktuell 6,5 Prozent so gering wie seit 2008 nicht mehr. Damit verantwortet sie ein wahlentscheidendes Thema, dem in den kommenden zehn Monaten vor der Parlamentswahl viel Aufmerksamkeit geschenkt werden wird. Auch ihre Fähigkeit, Brücken zu den Facharbeitern und Kleinunternehmern zu bauen, sind für ein gutes Abschneiden der Konservativen bei der Wahl wichtig.

Ob PR-Coup oder Beförderung nach Leistung: Cameron hat mit der Kabinetts­umbildung zwei Dinge erreicht. Zum einen hat er der Opposition ein wichtiges Thema genommen. Zukünftig wird ihn die stellvertretende Schattenpremierministerin, Harriet Harman, nicht mehr vor laufenden Kameras im Parlament dazu ermahnen können, sein Versprechen nach einer stärkeren Förderung von Frauen umzusetzen. Zum anderen hat er eine Regierungsmannschaft aufgestellt, die sowohl repräsentativer als auch telegener ist. Das wird sich im Wahlkampf Anfang des kommenden Jahres auszahlen.

Und wenn es in den kommenden zwei Jahrzehnten eine Frau schaffen sollte, das Erbe von Thatcher anzutreten, dann kommen nur Truss oder McVey in Frage. Die bessere Ausgangslage hat dabei Liz Truss.

Aljoscha Kertesz

ist Berater für Public Relations und Public Affairs.