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Liane Buchholz, geboren 1965 in Eisenach, hat sich die Marktwirtschaft selbst beigebracht. Heute ist sie die mächtigste Frau in der deutschen Bankenlobby. Foto: Laurin Schmid
Public Affairs

Die Autodidaktin

Liane Buchholz führt seit Januar den Verband öffentlicher Banken. Der Wissenschaftlerin ist Expertise wichtiger als Netzwerken. Und über ihre Rolle als ostdeutsche Frau will sie am liebsten gar keine Worte verlieren.

von Thomas Trappe

Das Interview findet auf der überglasten Dachterrasse statt, Metaphern drängen sich auf. Hoch hinaus hat einen Liane Buchholz, seit Januar Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes Öffentlicher Banken (VÖB), geführt. Blick vom Hochhaus am Potsdamer Platz aufs Kanzleramt. Thema des Gesprächs: eine Frau aus dem Osten an der Spitze eines Bankenverbandes.

Doch mit Metaphern ist es so eine Sache, denn Buchholz will darüber eigentlich nicht sprechen: ostdeutsche Frauen in Führungspositionen. "Das nervt mich", sagt sie und lächelt. Reden wir also über ihre Geschichte: die eines Menschen, dessen Karriere unter denkbar schlechten Voraussetzungen die bestmöglichen Wendungen genommen hat. Es wird dann doch wieder eine Erzählung über eine Frau aus dem Osten, Liane Buchholz weiß das. "Das Thema haftet mir an. Aber es ist nicht meines."

1965 wurde sie in Eisenach geboren. Ihre Großeltern besaßen eine große Stahlbaufirma, in der auch die Eltern, Ingenieure, arbeiteten. Sowohl Vater als auch Mutter waren in der Kirche engagiert. Der Staat fand also gleich mehrere Gründe, misstrauisch zu sein. "Ich war von Beginn an raus aus dem System", sagt Buchholz. Schon früh interessierte sie sich für Bilanzen. "Ich war als Jugendliche schockiert, dass mein Großvater 90 Prozent Steuern zahlen musste. Da blieb nichts übrig."

Prinzip Selbstudium

Mit 19 ging Buchholz an die Hochschule für Ökonomie Berlin; das Studium beinhaltete "mangels wirtschaftlicher Rahmenbedingungen vor allem Mathematik, weniger Betriebs- und Volkswirtschaft". 1988 folgte die Promotion: "Entwicklungsstand und Tendenzen der bürgerlichen Betriebswirtschaftslehre". Für die Recherche bekam sie Zugang zum für Normalbürger gesperrten Bereich der Staatsbibliothek, hier wurde westliche Literatur zur Marktwirtschaft verwahrt. "Ein glücklicher Umstand", der es ihr ermöglichte, sich im Selbststudium die Marktwirtschaft zu erschließen. 1991 wurde die Hochschule abgewickelt – zeitgleich mit dem Abschluss ihrer Promotion. In dieser Zeit heiratete Buchholz, bekam ein Kind. Nicht unbedingt ideale Voraussetzungen für eine aufstrebende Karriere. Dass es genau so kam, habe sie ihrer Herkunft zu verdanken. "Ich war gewohnt, mit schwierigen Situationen zurechtzukommen."

Das Prinzip Selbststudium setzte sich in ihrer Karriere fort. Nach einer kurzen "wissenschaftlich unbefriedigenden Station" am Berliner Institut für Sozialwissenschaftliche Studien ging sie 1992 als Referentin zum gerade gegründeten Ostdeutschen Sparkassenverband. "Man musste sich sehr schnell einarbeiten, in finanzwirtschaftliche Instrumente, die gerade erst eingeführt wurden", erinnert sich Buchholz.

1996 musste sie zum Beispiel das Risikomanagement für Wertpapiere implementieren. "Um eine sehr komplizierte Programmierung zu analysieren, habe ich mir damals die Zwischenschritte mit Excel erschlossen." Bis heute arbeite sie so. Komplexe Modelle in ihre Bestandteile zerlegen und sie so verständlich machen – in Zeiten der Finanzkrise klingt das wie ein Heilsversprechen.

Wissenschaft und Lobby

1998 dann die Rückkehr in die Wissenschaft. Liane Buchholz wurde Professorin für Betriebswirtschaftslehre der Banken an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Gleichzeitig gründete sie eine Firma, die VRE-Banksteuerungssysteme GmbH. Inzwischen ist ihr Mann dort Geschäftsführer. Sie selbst kehrte nach elf Jahren zur Sparkasse zurück, als Leiterin der hauseigenen Management-Akademie.

Dort sei sie auch für das Thema Frauenförderung zuständig gewesen. "Das hat damals so polarisiert, dass ich heute darüber gar nicht mehr reden mag", sagt sie leicht resigniert. "Frauen kommen wie alle anderen in den Beruf und müssen dann ihren Job gut machen. Ich kann da wenig Geschlechtsspezifisches erkennen." Liane Buchholz macht jetzt recht klare Ansagen, und so läuft die Frage, wie sie sich als Frau im männlich dominierten Umfeld der Bankenlobby fühle, ins Leere. "Das spielt keine Rolle." Gleiches gelte für ihre ostdeutsche Herkunft.

"Was sich in meiner Personalie zeigt, ist etwas anderes", sagt Liane Buchholz. "Dass für den Lobbyismus die wissenschaftlich-fachliche Expertise an Bedeutung gewinnt. Und es nicht mehr ausreicht, die Arbeit allein über politisches Netzwerken zu definieren." Möglich, dass in diesem Grundsatz auch die Ursache angedeutet ist für ihre erste Personalentscheidung an der Spitze des VÖB. Mitte April verließ ihr Stellvertreter Stephan Rabe völlig überraschend den Verband – er war zuvor 16 Jahre für die Kommunikation des VÖB zuständig.

Es verwundert nicht, dass Liane Buchholz jetzt als Ziel für den VÖB ausgibt, den Verband stärker zu spezialisieren. 14 der 24 deutschen Geldinstitute, die im Herbst unter EZB-Bankenaufsicht kommen, sind Mitglied im Verband. "Vor allem in diesem Bereich wollen wir die Expertise vertiefen", kündigt Buchholz an, bis Ende des Jahres soll dieser "Strategieprozess" abgeschlossen sein. "Daher ist ganz klar,  dass es eine stärkere europäische Ausrichtung des Verbands geben wird. Denn die meisten relevanten Entscheidungen kommen heute aus Europa." Es kommt viel zu auf Liane Buchholz. Hat sie Angst vor der Aufgabe? Sie überlegt nur kurz. "Nein. Ich freue mich darauf."

Thomas Trappe

ist 33 Jahre und freier Journalist in Berlin. Er schreibt unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", die "Süddeutsche Zeitung" und "Die Zeit". (Foto: Privat)