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„Die Ausdauer zählt“

Der SPD-Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel spricht im Interview mit p&k über die Rezepte für einen gelungenen Wahlkampf – und über Verlegenheitskampagnen der CDU.

Interview: Sebastian Lange, Johannes Altmeyer

p&k: Herr Wasserhövel, der Wahlkampfendspurt gilt als Spezialität der SPD. Glauben Sie, dass Sie am Ende noch einmal ganz nah an die Union rankommen?
Kajo Wasserhövel: Ich bin fest davon überzeugt, dass es keine Mehrheit für eine schwarz-gelbe Politik gibt und dass wir uns in eine Position reinkämpfen können, in der Frank-Walter Steinmeier den Auftrag zur Regierungsbildung bekommt.

Können Sie sich vorstellen, dass Sie wieder so nah wie vor vier Jahren an die Union herankommen?
Ich beschäftige mich derzeit nicht mit Spekulationen, sondern mit dem praktischen Wahlkampf. Wir haben jetzt vier Wochen Zeit, um die Menschen anzusprechen und zu überzeugen. Ich weiß, dass viele unentschieden sind. Ich habe gut in Erinnerung, wie viele Wähler sich 2005 erst am Wahl-Wochenende entschieden haben. Das waren zwischen Freitag und Sonntag insgesamt 25 Prozent, in Ostdeutschland über 30 Prozent. Ich weiß, dass die Spätentscheiderquote 2009 höher sein wird.

Warum wird die höher sein?
Es sind drei Gründe: Erstens gibt es einen allgemeinen Trend, den wir jetzt über viele Wahlkämpfe gehabt haben. Zweitens macht es auch einen strukturellen Unterschied aus, wenn man aus einer Großen Koalition heraus in einen Wahlkampf geht. Der dritte Grund ist die ökonomische Situation. Diese wird dazu führen, dass viele Bürger sehr genau hinhören und sehr genau wissen wollen, wo die Reise hingehen soll.

Mit welchen Methoden und Mitteln bestreiten Sie den Wahlkampfendspurt?
Man muss sich immer wieder klar machen, wie eine Wahlentscheidung eigentlich zustande kommt. Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Es ist zwar auch wichtig, was in den Zeitungen steht, und was man im Fernsehen und im Internet sieht, doch letztlich gibt es nichts wichtigeres als das persönliche Gespräch. Die gesamte Kampagne – die Veranstaltung­en, das Internet, die Plakate – all diese Dinge sind Impulse für persönliche Gespräche. Alles, was wir machen, dient dazu, für Alltagsgespräche Argumente zu liefern. Man springt zu kurz, wenn man meint, es gibt den einen archimedischen Hebel, also die eine Plakatlinie, den einen Spot oder eine bestimmte Veranstaltung. Das sind alles Dinge, die sich gegenseitig stützen und verstärken müssen.

Der Online-Wahlkampf ist heutzutage sehr wichtig. Über das Internet lässt sich gut Nähe zu den Wählern herstellen. Manche Experten halten den Online-Wahlkampf aber für überschätzt. Wie sehen Sie das?
Er wird einerseits unterschätzt, andererseits aber auch überschätzt. Ich glaube, dass ein Teil der Überschätzung daran liegt, dass der amerikanische Wahlkampf bei uns nur über das Netz wahrgenommen wurde. Daraus haben manche geschlossen, dass Obama den Wahlkampf über das Netz gewonnen hat.

Das heißt, dass der eigentliche Wahlkampf nicht im Netz selbst stattfindet?
Der Kern der Obama-Kampagne war eine klare Botschaft, dass Schluss sein muss mit neoliberaler, marktradikaler Politik. Obama setzt auf eine Politik des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Dabei stand die Botschaft immer im Mittelpunkt. Bei einem Besuch in Chicago habe ich selbst zwei, drei Stunden lang mit seinen Wahlkampfmanagern gesprochen. Wir haben über Politik diskutiert und nicht ein einziges Mal über das Internet. Das Internet war ein selbstverständliches Instrument, ein Forum, in dem über die Inhalte geredet wurde.

Hand aufs Herz: Hat die SPD den Wahlkampfauftakt verpatzt?
Nö.

Die Teamvorstellung von Frank-Walter Steinmeier ist aber medial untergegangen.
Fand ich überhaupt nicht. Man kann in Wahlkämpfen nicht alles planen, man muss wissen: Das erste frühe Opfer des Wahlkampfs ist immer die Wahlkampfplanung. Man muss die geistige Beweglichkeit und mentale Ausdauer haben, die ganze Strecke zu gehen und dann auch zu kämpfen, selbst, wenn es mal schwierig wird. Ich fand interessant, dass die Union beim Deutschland-Plan so überrissen hat: Ohne den Plan zu kennen, schon aus allen Rohren darauf zu schießen. Das hat dann dazu geführt, dass in der ganzen Republik wahrgenommen wurde: Steinmeier hat einen Vorschlag gemacht. Die Union hat reagiert und erklärt, sie würden kein eigenes wirtschaftspolitisches Programm vorlegen. Da kann ich nur sagen: gute Reise! Das ist nämlich das zentrale Thema der Bundestagswahl.

Das heißt, Sie fanden es richtig, den Deutschland-Plan vorab an die Presse zu lancieren? Er wurde zerredet, bevor er überhaupt vorgestellt wurde.
Ich sehe, wie das Interesse gestiegen ist. Die Berichterstattung lief flächendeckend über alle Medien. Ich sehe auch, wie viele Nachfragen und Zuschriften uns zu dem Plan erreichen. Die Bürger machen sich ihr eigenes Bild, sie lassen sich weniger davon beeindrucken, was einzelne Hauptstadtjournalisten schreiben. Diese Erfahrung haben wir 2005 auch schon mal gemacht.

Wie kämpft man eigentlich gegen einen Gegner, der nicht kämpfen will?
Wir werben für unsere Botschaft, und die Union lässt den Raum frei. Wenn man Wahlkampf führt, braucht man eine Botschaft. Man muss deutlich machen, dass eine wichtige Entscheidung ansteht und wofür man steht, damit man die Mobilisierung hinbekommt.

Auf den ersten Wahlplakaten der Union sind die Minister von CDU und CSU abgebildet, da steht die Regierungsmannschaft im Vordergrund. Ihre Plakate hingegen sind eher sachbezogen. Warum machen Sie es nicht auch so wie die Union?
Die SPD-Minister stehen ohnehin im Vordergrund, weil sie der Motor des Kabinetts sind. Ich halte das, was die Union jetzt in der ersten Phase macht, für eine Verlegenheitskampagne, weil die natürlich nicht schon vor dem 30. August die Plakatierung für Merkel machen wollten. Nun hatten die das Problem, dass irgend­etwas auf die Großflächen drauf musste. Ich glaube nicht, dass Frau Aigner, Herr Schäuble und Herr Jung mobilisierend wirken.

Sie sagen, es sei Verlegenheit. Man könnte auch sagen, die streichen ihre Regierungskompetenz heraus.
Was denn für eine Regierungskom­petenz? Wofür stehen die Minister der Union denn inhaltlich?

Die Union stellt sich jedenfalls als Regierungspartei dar. Sie könnten doch auch demonstrieren, dass Sie schon seit elf Jahren regieren und zeigen, was Sie geleistet haben.
Das machen wir. Ich glaube nicht, dass unsere Regierungskompetenz in irgendeiner Form von den Bürgern in Zweifel gezogen wird, ganz im Gegenteil. Die entscheidende Frage ist: Wo soll die Reise hingehen? Der 27. September ist eine Richtungsentscheidung, da geht es darum, wie die Wirtschafts- und Finanzkrise und ihre Folgen gemeistert werden, wie der Abbau von Arbeitsplätzen verhindert wird, und die Union versucht, einen Wahlkampf zu machen nach dem Motto: Lehnt Euch zurück, die Sache ist klar. Das ist für eine Partei in einer Kampagne ein gefährlicher Pfad. Und ich bin mir sicher, dass es viele in der Union gibt, die das ziemlich nervös verfolgen.

Wie ist es eigentlich um das Innenleben der SPD bestellt? Gibt es nicht bei einigen eine Art Sehnsucht nach Erneuerung in der Opposition, nach elf langen Jahren in der Regierung?
Nee.

Also hundert Prozent Wahlkampf?
Die Parteien sind kein Selbstzweck, sondern wir sind für die Menschen da, um gute Politik zu machen. Und dazu muss man politische Macht haben. Dazu muss man gestalten können. Was die Partei angeht, die Parteispitze, die Wahlkämpfer und die Direktkandidaten, erlebe ich, dass alle voll dabei sind.

Bald ist das TV-Duell. Hätten Sie lieber zwei gehabt?
Wir waren offen für zwei Termine. Ich glaube, dass es gut ist, möglichst viele Gelegenheiten zu schaffen, bei denen sich die Leute ein Bild machen können. Man muss da aber auch nicht wochenlang drüber streiten. Man hat aber die Zurückhaltung bei den Leuten um Frau Merkel bemerkt. Da war klar: Wenn überhaupt, dann nur ein Duell, und ich glaube, wenn die gekonnt hätten, dann hätten die auch das noch ausfallen lassen.