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Foto: Volker Heinecke
Politik

"Die AfD ist heute eine NPD im Wolfspelz"

2014 wurde der frühere IBM-Manager und BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel für die Alternative für Deutschland ins Europäische Parlament gewählt. Nach der Wahl Frauke Petrys an die Parteispitze 2015 trat er aus der Partei aus. Im Interview spricht er über seine neue politische Heimat und die Entwicklung der AfD.

Interview: Aljoscha Kertesz

Herr Henkel, mögen Sie Frankenstein?

Ob ich Frankenstein mag? Ich glaube, Sie unterliegen in der Frage einem Irrtum. Sie meinen Frankensteins Monster, und das mag ich natürlich nicht. Aber gegen Herrn Frankenstein, also denjenigen, der das Monster kreiert hat, habe ich gar nichts.

Sie ahnen, weshalb ich Sie das frage?

Nein, weiß ich nicht.

Sie haben bezugnehmend auf die AfD einmal gesagt, dass Sie geholfen hätten, ein Monster zu schaffen.

Gut, diese Antwort von eben passt auch darauf, was in der AfD passiert ist. Ich glaube, dass Leute wie Bernd Lucke, Joachim Starbatty oder ich, die maßgeblichen Anteil an der Gründung und am Anfangserfolg hatten, eigentlich immer noch stolz darauf sind, was wir damals geleistet haben: Wir waren eine ernstzunehmende Opposition gegen die Euro- und Europapolitik der Regierung. Dass aus der AfD anschließend eine ausländerfeindliche Rechtsaußenpartei wurde, liegt nicht an uns. Daran haben auch die Medien und die etablierten Parteien einen großen Anteil.

Welchen Anteil hatten Sie konkret an der Erschaffung?

Ich bin im Januar 2014 auf einer Presseveranstaltung demonstrativ und öffentlichkeitswirksam in diese Partei eingetreten. Zu der Zeit lag die AfD unter der Fünf-Prozent-Hürde. Sie hatte 2013 den Einzug in den Bundestag mit 4,7 Prozent knapp verpasst und die Medien waren alle der Meinung, dass die Partei erledigt sei und das Schicksal der Piraten teilen würde. So trat ich damals ein, um wenigstens bei der bevorstehenden Europawahl mitzuhelfen, ihr einmal irgendwo den Durchbruch zu verschaffen, was uns dann mit 7,1 Prozent auch gelang. So haben wir sieben Abgeordnete in das Europaparlament bekommen. Außerdem hatte ich diesen Wahlkampf mit einem Darlehen von einer Million Euro finanziert, was mir heute auch oft vorgeworfen wird. Die Zinsen habe ich übrigens später gestiftet. Als ich in die Partei eintrat, war sie in Ordnung und das blieb sie auch, bis Ende 2014, Anfang 2015.

Und dann hat die Revolution mal wieder ihre Kinder gefressen?

Das würde ich so nicht sagen. Vielmehr hat die Konterrevolution dafür gesorgt, dass die Gründer dieser Partei sich letztendlich in der Minderheit befanden.

… die Konterrevolution?

Als Mithelfer dieser Konterrevolution würde ich auch die Mehrheit der deutschen Medien und Vertreter der etablierten Parteien bezeichnen. Zu der Zeit, als wir noch eine Professoren- und eine so genannte Ein-Themen-Partei waren – übrigens zwei Umstände, die man uns damals auch immer wieder vorgeworfen hat – da hat man gemerkt, dass, wenn es um den Euro ging, man gegen unsere Argumente nicht ankam. Daher wurde dann immer wieder der Joker aus der Tasche gezogen und der hieß: Wir seien eine Rechtsaußenpartei. Die allgemeine Richtlinie in der Mehrheitsmeinung der deutschen Medien war, dass jemand, der gegen den Euro ist, Rechtsaußen sein müsse. Das wurde so oft wiederholt, dass diese Klientel dann auch gekommen ist.

Sie glauben nicht, dass diese Klientel von Anfang an mit dabei war?

Wir hatten sicherlich, wie bei jeder Parteigründung, auch komische Leute dabei, aber die waren in einer klaren Minderheit. Das konnten wir auch immer wieder bei Parteiveranstaltungen und Delegiertenversammlungen miterleben, wo wir uns die Beiträge der Mitglieder angehört haben. Am Anfang waren die mit wenigen Ausnahmen in Ordnung. Mit zunehmender Zeit haben wir gemerkt, dass wir unterwandert waren, und unser erster Fehler war, dass wir das zu spät merkten. Und der zweite, vielleicht noch größere Fehler war, dass wir, nachdem wir es gemerkt hatten, zu spät reagierten.

Haben Sie sich rückblickend damals zu früh geschlagen gegeben?

Nein, auf gar keinen Fall, eher zu spät. Mein Rücktritt erfolgte damals in drei Phasen: Ich habe beginnend Ende 2014 öffentlich gegen die sehr zweifelhaften Aussagen von führenden Parteifunktionären Stellung bezogen, ob es nun Gauland, Petry, Höcke oder Poggenburg waren. Ich habe das öffentlich gemacht, aber im Grunde waren das für mich alles Warnschüsse, die innerparteilich wirken sollten. Ich wollte damals als Mitglied der Parteiführung klarmachen, dass ich dies nicht akzeptiere und toleriere. Wie sich später herausstellte, hat das aber nichts genützt. Die zweite Phase war dann mein Rückzug aus dem Vorstand im Frühjahr 2015. Damals war ich stellvertretender Parteivorsitzender. Das war aus der Sicht vieler Parteigenossen, wie man so schön sagt, der letzte Warnschuss. Zu meinem endgültigen Rücktritt aus der Partei kam es dann auf dem Essener Parteitag im Sommer 2015, auf dem Bernd Lucke von Frauke Petry entmachtet wurde. Damals hatte sich Petry ganz offensichtlich mit den rechtsradikalen Kräften der Partei – dem sogenannten Flügel – gegen ihn verbündet. 

Foto: privat

Was würden Sie heute anders machen?

Das, was wir bei neuen Mitglieder unserer Partei LKR, den Liberal Konservativen Reformern, machen: Wir würden die Hintergründe und Motive der Mitglieder, die bei uns eintreten wollen, mehr durchleuchten, statt uns wie besoffen an den Zuwachszahlen der Mitglieder zu erbauen. Wenn man derzeit in die LKR eintreten möchte, gibt es im Normalfall zwischen Aufnahmegesuch und der Vollmitgliedschaft eine Jahresfrist. Wenn man so will, ist das der alte kommunistische Kandidatenstatus, den wir bei uns eingeführt haben. Diese Lektion haben wir gelernt. Im Umkehrschluss können Sie natürlich sagen, dass das nicht erfolgreich war, da wir bis jetzt schließlich eine Splitterpartei geblieben sind.

Welches Wort beschreibt Ihr Gefühl zu Ihrem Engagement in der AfD am besten: ernüchtert, gescheitert, gestrauchelt?

Nichts davon, sondern: enttäuscht! Enttäuscht über die Reaktionen der führenden Medienvertreter bei der Gründung der Partei, die sofort das Stichwort, das vor allem aus den Reihen der CDU aufgebracht wurde, aufgenommen haben, dass es sich bei den Euro-Kritikern um Rechtsaußen handeln müsse. Und enttäuscht darüber, dass ich als Liberaler – ich war mal ein Förderer der FDP – als Freihändler von der Presse als "DM-Chauvinist" diskreditiert wurde, weil ich gegen den Euro war. Ich habe meine Überzeugungen mit einer Ausnahme nicht geändert. Diese Ausnahme war beim Euro, denn ich habe mal für diesen geworben. Und wenn ich mir einen Vorwurf machen muss, dann ist es dieser. Denn im Gegensatz zu meinem Kollegen Starbatty, der immer schon gegen den Euro war, habe ich geglaubt, dass sich die Bundesregierung an all die Versprechen, die sie uns bei der Einführung des Euro gab, auch halten würde. Die "No-Bail-Out"-Klausel, die Drei-Prozent-Grenze bei der Neuverschuldung und die Sechzig-Prozent-Hürde bei der Staatsverschuldung: Alle diese Versprechen wurden gebrochen. Joachim Starbatty hat viel früher als ich und auch zu Recht gesehen, dass sie sich daran auch gar nicht halten konnte. Ich war damals zu naiv. Ich habe meine Meinung aber geändert und diese Meinungsänderung immer wieder begründet. Der unmittelbare Anlass war letztlich das "Bail Out Package" im Mai 2010. Mit dem Bruch der "No-Bail-Out"-Klausel ist ein Dammbruch passiert, dessen Folgen man ja heute sieht.

Nach Ihrem Austritt 2015 sagten Sie, die AfD drohe eine „NPD im Schafspelz zu werden“. Wie sehen Sie das heute?

Das würde ich heute anders sehen. Viele Aussagen, die man heute von der AfD hört, hat man früher nur von der NPD gehört. Daher ist die AfD heute eine NPD im Wolfspelz.

Aljoscha Kertesz

ist Berater für Public Relations und Public Affairs. (Foto: Claus Morgenstern)