D

Der Skandal endet nie

Medien suchen ihn, Mächtige fürchten ihn, das Publikum liebt ihn: den Skandal. Bernhard Pörksen über Erkenntnisse und Ergebnisse der Skandalforschung.

Von Bernhard Pörksen

War da was? Das Publikum vergisst, so zeigt die entsprechende Forschung, nach sechs bis acht Wochen und wendet sich immer neuen Aufregern zu. Aber für die Betroffenen gilt: Der Skandal endet nie. Er kann einen Menschen ganz und gar gefangen nehmen. Wer einmal – zu Recht oder zu Unrecht – im Fokus unerwünschter Aufmerksamkeit gestanden hat, für den wird diese Erfahrung zu einer Lebensspur, die sich gerade unter den gegenwärtigen Kommunikations- und Medienbedingungen nicht mehr tilgen lässt. So hat sich der damalige Bundestagspräsident Philipp Jenninger geschworen, nie wieder mit einem Journalisten zu sprechen. Er hielt 1988 zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome eine Rede, die für gewaltige Empörung sorgte – auch, weil sich Jenninger des Stilmittels der erlebten Rede bediente und so den (falschen) Eindruck entstehen ließ, er distanziere sich nicht ausreichend vom Nationalsozialismus.
 In Hamburg-Altona lebt, inzwischen mittellos, der ehemalige Top-Reporter des „Stern“, Gerd Heidemann. Er hatte im Auftrag des Magazins die von Konrad Kujau gefälschten Hitler-Tagebücher angekauft und gemeinsam mit der damaligen Chefredaktion als Weltsensation präsentiert. An den Moment, als alles aufflog, erinnert er sich genau. „Ich war gerade auf der Autobahn unterwegs und hörte um 14 Uhr die Nachrichten, als der damalige Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann verkündete: ‚Die Tagebücher sind eine Fälschung.‘ Ich konnte kaum noch das Steuer halten, meine Knie waren weich, alle Kraft war erloschen. Ich habe geschaut, ob da irgendwo ein Brückenpfeiler war, gegen den ich donnern konnte. Aber da war keiner.“ Wer ihn besucht, der wird mit Dokumenten überschüttet, die nur eines zeigen sollen: Er konnte nicht wissen, dass Kujau ein Fälscher war, auch er wurde herein gelegt.
An diesen und vielen anderen Fallgeschichten zeigt sich damit noch ein anderer Befund, den der Soziologe Ronald Hitzler auf die Formel gebracht hat: „Skandal ist Ansichtssache.“ Das heißt zum einen: Auch Täter sehen sich gerne als Opfer, denn das scheint – neben der schlichten Leugnung, dem Teilgeständnis oder der öffentlichen Entschuldigung – eine Möglichkeit, der Schmach zu entkommen. Und es bedeutet zum anderen, dass das Publikum sich oft alles andere als einig ist. Die allgemeine Erregung hat offensichtlich eine äußerst geringe Halbwertszeit; jedem Aufreger ist ein rasches Verfallsdatum aufgeprägt.
Allerdings sind es die neuen Medien, insbesondere das Netz, die heute die Skandalkultur der Gesellschaft verändern. Jeder kann (per Blog, in einem Filmchen auf Youtube, in einer Protestmail, aber auch mit Hilfe des Fotohandys) versuchen, Öffentlichkeit herzustellen und andere Empörungswillige auf die eigene Sache zu verpflichten. „Gegen Ohnmächtige oder kleine Leute“, so schrieb vor mehr als 40 Jahren der Publizist Johannes Gross, „bricht kein Skandal aus.“ Diese Diagnose ist längst überholt, denn inzwischen kann prinzipiell jeder zum Objekt kollektiver Empörung werden. Dies zeigen Spezial-Seiten, auf denen wütend über eigene Nachbarn berichtet wird (Rottenneighbor.com), über miese Erfahrungen mit Liebhabern (Dontdatehimgirl.com), über schlechte Lehrer und unbeliebte Professoren. Dies zeigt auch das Beispiel eines koreanischen Mädchens, das als „Dog-Shit-Girl“ global Bekanntheit erlangte und nun in medienwissenschaftlichen Analysen als Paradebeispiel für die neue Skandalöffentlichkeit fortexistiert. Ihr Hund hatte in irgendeiner U-Bahn in Südkorea den Wagen beschmutzt, und sie weigerte sich, seine Hinterlassenschaft zu beseitigen. Nur: Ein Umstehender fotografierte sie, Blogger fielen über sie her; es dauerte nur ein paar Tage, bis man sie identifiziert und in Südkorea und später den USA an den digitalen Pranger gestellt hatte. Das ist nun auch schon länger her, aber Google vergisst nicht. Selbst marginales Fehlverhalten bleibt öffentlich abrufbar und weltweit präsent. Die Frage wird sein, wie man in einer Gesellschaft, die in dieser Weise transparent geworden ist, noch Fehler machen und aus ihnen lernen kann, ohne womöglich ein Leben lang auf diese festgelegt zu werden. Auch kleine und große Skandale sollten schon allein deshalb, irgendwann, enden.

Bernhard Pörksen

ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Zuletzt veröffentlichte er – gemeinsam mit Jens Bergmann – das Buch „Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung“ (Halem-Verlag).