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Europaparlamentspräsident Martin Schulz beim Politikaward 2013. Foto: Stephan Baumann

Der Self-Made-Politiker

Martin Schulz, der Präsident des Europaparlaments, galt lange als aufbrausender Anti-Held. Heute gibt er sich kompromissbereit und kokettiert mit Kanzlerin Merkel.

von Eric Bonse

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Es gab einmal eine Zeit, da war Martin Schulz der Anti-Berlusconi. Da forderte er den Cavaliere mit hartnäckigen Fragen so lange heraus, bis der die Fassung verlor und seinem deutschen Kontrahenten die Rolle eines Kapo in einem KZ-Film empfahl. Das war 2003, es machte Schulz auf einen Schlag berühmt. „Ich hätte mir eine andere Profilierung gewünscht“, sagt er heute fast bedauernd.

Dann kam die Zeit, da gab er den Anti-Merkel. Schulz wetterte über die „einseitige Austeritätspolitik“ der Kanzlerin, forderte einen Marshallplan für Griechenland und schmiedete mit Frankreichs sozialistischem Staatschef Francois Hollande Pläne für ein anderes Europa. Das ist gar nicht so lange her, noch im Bundestagswahlkampf schlüpfte SPD-Mann Schulz in seine Lieblingsrolle.

Doch neuerdings macht er eine erstaunliche Verwandlung durch. Plötzlich kokettiert Schulz mit seiner neuen Nähe zur Kanzlerin. Plötzlich spricht er über Deutschlands „Führungsaufgabe“ und preist die angestrebte große Koalition, die für Solidarität und Stabilität in Europa sorgen werde. Und plötzlich macht er Kompromisse, die noch vor Wochen undenkbar gewesen wären. Aus dem Anti-Helden ist, so scheint‘s, ein Arrivierter geworden.

Anführer einer kleinen Revolution

Und was für einer: Gleich drei hochkarätige Ämter vereint Schulz neuerdings in einer Person. Schon seit 2012 ist er Präsident des Europaparlaments, im Herbst vergangenen Jahres durfte er in dieser Funktion sogar den Friedensnobelpreis für die EU entgegennehmen. Zudem war er ein paar Wochen lang Verhandlungsführer der SPD für Europafragen in der großen Koalition. Der SPD-Parteitag in Leipzig dankte es ihm mit stehenden Ovationen – und einem Spitzen-Wahlergebnis.

Und nun ist er auch noch Spitzenkandidat der europäischen Sozialdemokraten für die Europawahl 2014. Die SPD und 21 weitere Parteien stehen hinter ihm. Wenn er gewinnt, möchte Schulz EU-Kommissionschef werden und den Konservativen José Manuel Barroso ablösen. Es wäre das erste Mal, dass die Brüsseler Behörde von einem demokratisch gewählten Politiker geführt würde. Es wäre eine Revolution, und Schulz sieht sich als Anführer.

Wie macht der Mann das? Wie kann er gleichzeitig auf drei Hochzeiten tanzen – gestern europäischer Parlamentschef, heute deutscher Chef-Unterhändler, morgen Spitzenkandidat für die EU-Kommission? Kann das überhaupt gut gehen? In Brüssel zweifeln viele daran. Bei den Koalitions-Verhandlungen in Berlin habe er „wohl mehr seine Karriere als die Positionen des Europaparlaments im Kopf gehabt“, kritisiert Sven Giegold, finanz- und wirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen im Europaparlament.

„Immer wenn man ihn und seine Politik infrage stellt, vergisst er seine rheinische Frohnatur und blafft emotional zurück“

Doch den 57-Jährigen aus Würselen bei Aachen ficht das nicht an. Trotzig verweist er auf eine Passage im Koalitionsvertrag, die die sozialen Grundrechte der Arbeitnehmer mit den Marktfreiheiten der Unternehmen gleichstellen soll. „Die SPD hat zwar einige Kröten schlucken müssen“, räumt er ein. Doch dafür habe man einen einheitlichen gesetzlichen Mindestlohn und eine bessere Finanzmarktregulierung durchgesetzt.

Stolz ist Schulz darauf, zugleich ist er ein bisschen wütend. Wie immer, wenn man ihn und seine Politik infrage stellt. Dann vergisst er seine rheinische Frohnatur und seinen ziemlich derben Humor („Ihr seid alle entlassen“, sagt er gern mal zu seinem Team) – und blafft emotional zurück. Soll man Europa etwa den Bürokraten und Populisten überlassen? Soll man die Hände in den Schoß legen, mitten in der schlimmsten Krise der EU? Für einen wie Schulz kommt das nicht infrage, im Gegenteil: Die Krise spornt ihn erst richtig an.

Ein Bürgermeister für Europa

Um zu verstehen, wie dieser Mann tickt, muss man wohl in seine Jugendzeit zurückgehen. Der junge Martin träumt von einer Karriere als Profi-Fußballer, jede freie Minute verbringt er auf dem Bolzplatz, das Abitur hat er geschmissen. Er spielt kraftvoll, manche nennen es auch ruppig, zieht seine Mannschaft mit, wird fast Meister der B-Jugend. Doch dann verletzt er sich schwer am Kniegelenk. Der Jugendtraum platzt, Schulz muss sich neu erfinden. Er macht eine Ausbildung zum Buchhändler, später zieht es ihn in die Politik, 1987 wird er Bürgermeister von Würselen mit seinen knapp 40.000 Einwohnern.

Doch all das füllt ihn nicht aus. Erst als Schulz 1994 ins Europaparlament einzieht, lebt er richtig auf. Europa wird für den Mann aus dem Dreiländereck bei Aachen zur nahe liegenden Leidenschaft. Allerdings sollte es noch zehn Jahre dauern, bis er den Fraktionsvorsitz der Sozialdemokraten übernimmt. Schon damals hielt er flammende Reden gegen die „Armleuchter“ in den nationalen Hauptstädten, schon damals wollte er hoch hinaus.

Aber erst der Eklat mit Berlusconi hat ihn ins Rampenlicht gehievt. Und erst das Kräftemessen mit Merkel hat seinen ausgeprägten Machtinstinkt befriedigt. Jetzt bleibt ihm nur noch eine, die ultimative Herausforderung: die Europawahl und der Einzug in die EU-Kommission. Wird Schulz der nächste deutsche EU-Kommissar, vielleicht sogar der nächste Kommissionspräsident? Das ist die Frage, die ihn und seine Mitarbeiter bewegt.

Doch diesmal hat er sein Schicksal nicht selbst in der Hand. Am Ende wird Merkel entscheiden, wen sie für die Führung der Brüsseler Behörde vorschlägt. Schulz, der machtbewusste Self-Made-Politiker, muss darunter mächtig leiden. Doch er lässt es sich nicht anmerken. Lieber übt er die staatsmännische Pose, das große Ziel fest vor Augen. Die wundersame Verwandlung muss weitergehen – zumindest bis zur Europawahl im kommenden Mai. [/no-lexicon]