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Der Mann ohne Gewissen

US-Präsident Barack Obama erzielt erste Erfolge – doch die Republikaner nehmen ihn unter permanentes Trommelfeuer. Die Munition liefert ihnen Dick Morris, einer der skrupellosesten Spin Doktoren Amerikas – und lange Zeit die Geheimwaffe der Demokraten. Ein Porträt.

Von Volker Kühn

Washington im Herbst 1994. An Leon Panetta nagen Zweifel. Nicht die Schlappe der Demokraten bei den Kongresswahlen ist es, die den sonst so selbstbewussten Stabschef im Weißen Haus quält, sondern eine bohrende Frage: Wer ist dieser „Charlie“, mit dem sein Chef Bill Clinton plötzlich so ausgedehnte Telefonate führt? Schlimmer noch, neuerdings treffen sich die beiden sogar, nur einen Steinwurf vom Oval Office entfernt in Suite Nummer 205 des kleinen, aber eleganten Jefferson Hotels.
Ist „Charlie“ am Ende eine Frau? Bloß keine Affäre! Als wenn Clintons Ex-Geliebte Gennifer Flowers nicht schon genug Ärger gebracht hätte.
Doch was Clinton umtreibt, ist kein amouröses Abenteuer. Es ist ein Seitensprung über die Parteigrenzen hinweg. Hinter „Charlie“ verbirgt sich Dick Morris, ein Meinungsforscher, den Panetta und viele andere aus Clintons Team schlicht verachten – und das nicht allein deshalb, weil er gewöhnlich für die Republikaner arbeitet. „Dick repräsentiert für mich die dunkle Seite des politischen Spektrums. Er ist ein Mann ohne Gewissen, sein einziges Interesse ist der politische Vorteil“, sagt Panetta einmal in einer BBC-Dokumentation. Als er erfährt, dass Clinton mit Morris anbändelt, ist Panetta entsetzt.

Berater schon in Arkansas

Dabei hat die Liaison eine Vorgeschichte. Schon in seiner Zeit in Arkansas hat sich Clinton mit Dick Morris eingelassen – und die Demokraten haben es nicht zuletzt Morris‘ Talenten zu verdanken, dass Clinton vier Jahre nach einer schmählichen Niederlage am Ende seiner ersten Amtszeit 1983 ein zweites Mal zum Gouverneur gewählt wird.
Allerdings sind die Methoden von Morris vielen in Clintons Team suspekt. Sein Wahlkampf ist voller persönlicher Diffamierungen, und selbst Clinton geht bisweilen auf Abstand. Als es 1990 zum Bruch kommt – Clinton soll Morris im Streit geschlagen haben – weint ihm niemand eine Träne nach. Morris wendet sich den Republikanern zu und wird bei den Demokraten zur Persona non grata.
Umso erstaunlicher, dass Clinton 1994 erneut bei Morris anklopft. Es ist die pure Verzweiflung, die ihn treibt. Der mit großen Ambitionen gestartete Präsident hat in den ersten beiden Jahren im Weißen Haus fast alles falsch gemacht. Bei den Kongresswahlen verlieren die Demokraten zum ersten Mal seit 40 Jahren die Mehrheit in beiden Häusern, und Clintons Wiederwahl scheint fast ausgeschlossen. In seiner Not besinnt er sich auf Morris‘ Hexenkünste.
„Wir entschieden uns, die Beziehung für die ersten Monate geheim zu halten, und zu sehen, wie es sich entwickeln würde“, erinnert sich Morris, der seine republikanischen Klienten mit dem erneuten Seitenwechsel nicht leichtfertig vor den Kopf stoßen will. Schnell wird klar, dass Morris die erhoffte Wunderwaffe ist. Er entwickelt nicht weniger als völlig neue Formen des Wahlkampfs.
Der Spin-Doktor rückt die letztlich entscheidenden Wechselwähler in den Vorstädten ins Zentrum. Er ist überzeugt: Wer ihre Stimmen will, muss alle politische Ideologie vergessen und sie wie Konsumenten behandeln. In groß angelegten Umfragen, die auf privateste Bereiche zielen, versucht Morris, die oft nicht einmal bewusst artikulierten Wünsche dieser Wähler ans Licht zu bringen – damit Clinton sie zum Teil seiner Agenda machen kann. „Politik muss auf die Bedürfnisse des Marktes reagieren, genauso wie die Wirtschaft es tut“, sagt Morris. „Nur Firmen, die das beherzigen, machen Gewinn. Und nur Politiker, die sich genauso verhalten, gewinnen Wählerstimmen.“
Morris stellt damit traditionelle Politikvorstellungen auf den Kopf: Es geht nicht darum, Wähler von einem ideologisch höherwertigen Ziel zu überzeugen, sie also zu verändern, sondern darum, das Ziel selbst dem Wählerwunsch anzupassen. Clinton ist der Schokoriegel, dessen Geschmack den Nerv der Verbraucher treffen muss.
Also identifizieren seine Marktforscher persönliche Vorlieben der Wähler, und Morris leitet daraus Redebausteine und Initiativen für Clinton ab, die sich oft weit unterhalb dessen bewegen, womit sich Präsidenten gewöhnlich beschäftigen. Clinton spricht nicht mehr vom komplizierten Nahostkonflikt, sondern von Schuluniformen, Anschnallpflicht und Rauchverboten. Auch die privaten Auftritte des Präsidenten richtet Morris nach der Vorstellungswelt der Wähler aus. Clinton trägt dieselbe Kleidung und kauft dieselben Waren wie sie, kurz: Er imitiert ihren Lebensstil.
Auf einer höheren Ebene bringt Morris seine Strategie auf den Begriff „Triangulation“. Darunter versteht er eine Präsidentschaft oberhalb parteipolitischen Gezänks, einen Dritten Weg, der Linke wie Rechte vereinnahmt. Er drängt Clinton nach rechts und kopiert einen Großteil des Programms der Republikaner – was nicht nur deren Kandidaten Bob Dole ins Schwitzen bringt, sondern auch viele Demokraten verstört. „Zum Grundverständnis der Amerikaner gehören einfach gewisse Dinge, die klar mit den Republikanern verbunden sind, etwa Steuersenkungen und die Beschneidung des Wohlfahrtsstaates“, rechtfertigt sich Morris.

Wiederwahl gesichert

Clinton erweist sich als gelehriger Schüler – alles kauft er seinem Lehrer aber nicht ab. Das „Time“-Magazin kommt 1996 in einer Bilanz der Morris-Jahre zu dem Schluss, dass es eines Beraters ohne moralisches Zentrum bedurfte, um Clinton nach seinem eigenen suchen zu lassen. Andere sagen, Clinton habe es verstanden, aus zehn Vorschlägen von Morris den jeweils einen guten zu filtern.Morris‘ Strategie jedenfalls ist ein Erfolg. Clintons Sympathiewerte steigen rasant und 1996 wird er mit großer Mehrheit wiedergewählt.
Auf den Siegesfeiern der Demokraten fehlt Morris allerdings – und das liegt daran, dass seine 440-Dollar-Suite im Jefferson Hotel in den Monaten vor der Wahl tatsächlich Schauplatz einer Affäre ist, wenn auch einer anderen als Stabschef Panetta geargwöhnt hatte.
Der verheiratete Morris hat eine Beziehung mit der Prostituierten Sherry Rowlands – und die treibt ein doppeltes Spiel. Sie führt ein detailverliebtes Tagebuch über ihre Treffen, sie lauscht am Telefon, wenn Morris mit Clinton spricht, und wendet sich damit an das Sensationsblatt „Star“. Dort stellt man Morris eine Falle. Rowlands lockt ihn auf den Balkon der Suite, und von einem benachbarten Hotel hält ein „Star“-Fotograf ihre Zärtlichkeiten fest. Zwei Monate vor der Wahl katapultiert das Morris aus dem Clinton-Team.

Zielscheibe Barack Obama

Doch lange verschwindet er nicht von der Bühne. In den folgenden Jahren tritt er als Kommentator für konservative Sender auf und als Berater – nun aber wieder für die Republikaner. So wie er Clinton zunächst nach rechts drängt, steuert er diese nun nach links. Trotz seines wiederholten Seitenwechsels bleibt er sich damit in gewisser Weise treu.
Morris‘ aktuelle Zielscheibe ist Barack Obama, dessen Politik, allen voran die Gesundheitsreform, er als gefährlichen Weg in den Sozialismus verteufelt. Auf seiner Internetseite dickmorris.com verfasst er beißende Kommentare und ruft dazu auf, demokratische Politiker direkt in ihren Büros anzurufen, um sie von Obama abzubringen. Die nötigen Telefonnummern liefert er gleich mit.
Auch wenn die erste Runde im Gesundheitsstreit an Obama ging, gibt er nicht auf. Spätestens für die Kongresswahlen im Herbst prophezeit er den Demokraten eine herbe Schlappe, vergleichbar mit der Clintons 1994. Die Chance, dass Morris anschließend erneut die Seiten wechselt, um diesmal Obama aus dem Tief zu helfen, sind allerdings gleich null.

Volker Kühn

ist Journalist und Politikwissenschaftler. Er arbeitet in Hamburg.