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Der Kampf geht weiter

Angela Merkel und Ursula von der Leyen haben es bewiesen: Politikerinnen in Deutschland müssen hart kämpfen, um eine Spitzenposition zu erreichen. Wie weit ist Deutschland heute auf dem Weg zur Gleichberechtigung?

Von Johannes Altmeyer

Es ist ein gutes Jahr, um Geschichte zu schreiben in Deutschland. Am 23. Mai bestimmt die Bundesversammlung in Berlin, wer in den nächsten fünf Jahren als Staatsoberhaupt im Schloss Bellevue wohnen darf: Horst Köhler oder Gesine Schwan. Vier Monate vor der Bundestagswahl kommt es zwischen Union und SPD zu einem vorgezogenen Duell. Die Republik erwartet eine der spannendsten Präsidentschaftswahlen aller Zeiten. Und trotz der Dramatik entscheidet sich an diesem Tag doch viel mehr. 90 Jahre, nachdem in Deutschland das Frauenwahlrecht eingeführt wurde und vier Jahre, nachdem Angela Merkel ins Bundeskanzleramt einzog, stimmt die Versammlung auch darüber ab, ob zum ersten Mal zwei Politikerinnen an der Spitze der Republik stehen sollen.
Wie weit Deutschland beim Thema Frauen in der Politik bereits gekommen ist, zeigt ein Rückblick: Während des Bundestagswahlkampfs 1998 bezeichnete der damalige SPD-Spitzenkandidat Gerhard Schröder die spätere Ministerin Christine Bergmann als „zuständig für Frauen und das ganze andere Gedöns“. Der Ausrutscher des späteren Bundeskanzlers verfestigte seinen Ruf als Macho, der sich um die Themen Frauen und Gleichberechtigung wenig kümmert. Nach dem Wahlsieg versuchte er gegen diesen Vorwurf anzukämpfen und berief fünf SPD-Ministerinnen in sein Kabinett, drei Jahre später kam die heutige Grünen-Fraktionschefin im Bundestag, Renate Künast, dazu. Obwohl Schröder den Anteil der Ministerinnen gegenüber seinem Vorgänger Helmut Kohl von zwei auf sechs spürbar erhöhte, reagierten viele Beobachter enttäuscht und sprachen von einem symbolischen Akt. Der Grund: noch immer waren „harte“ Schlüsselressorts wie Auswärtiges, Finanzen und Arbeit in Männerhand.

Harte Männer, weiche Frauen?

Die Diskussion, welches Ressort „hart“ und welches „weich“ ist, und ob eine Politikerin dafür geeignet ist, gibt es seit 1961. Damals ernannte Konrad Adenauer die Juristin Elisabeth Schwarzhaupt zur Gesundheitsministerin. Die Juristin war die erste Frau im Amt eines Bundesministers. Auch nach Schwarzhaupt blieb die Gesundheit ein Ressort, das die Regierungschefs gerne mit Frauen besetzten. Familie und Jugend sowie Bildung und Wissenschaft kamen später dazu.
Rita Süßmuth, die ehemalige Präsidentin des Deutschen Bundestags, stand von 1985 bis 1988 einem dieser Ressorts vor. Zunächst war Süßmuth Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit, 1986 kam auch das Thema Frauen dazu. Auf die Frage, ob sie sich vorstellen könne, dass auch im Auswärtigen Amt oder Verteidigungsministerium eine Frau an der Spitze stehen könne, sagt die CDU-Politikerin: „Das dürfte keine Frage sein. Jedoch werden die Barrieren in diesem Bereich noch keineswegs verschwunden sein.“ Süßmuth, Ehrenvorsitzende der Frauen-Union, musste sich während ihrer Amtszeit oft gegenüber skeptischen Männern durchsetzen. „Insbesondere dann, wenn es um sehr prekäre Dinge wie beispielsweise Aids ging.“ Als sich Anfang der achtziger Jahre auch Deutsche mit der Krankheit infizierten, hätten ihr viele eine zu weiche Politik vorgeworfen. Süßmuth: „Ich habe oft den Eindruck bekommen, dass die Öffentlichkeit den Männern dort eine härte Gangart zutraute als mir.“
Im Gespräch mit Süßmuth zeigt sich, wie groß die Widerstände für Politikerinnen in den achtziger Jahren waren. In einem Jahrzehnt, das vom Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan, dem Nato-Doppelbeschluss und der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl geprägt wurde, trauten Wähler und Parteigremien eher Männern zu, das Land zu führen. Die Grünen, 1980 gegründet, traten dagegen mit einer Frauenquote an. Laut Satzung wollte die Partei „Parteigremien, Vorstand, Kommissionen und besonders die Wahllisten“ möglichst paritätisch mit Frauen und Männern besetzen. Die Quote sorgt bis heute dafür, dass viele Frauen bei den Grünen leichter Karriere machen können. Das zeigt sich bei der Grünen-Fraktion im Bundestag: Über 50 Prozent der Abgeordneten sind weiblich – keine andere Fraktion erreicht diesen Wert. Trotzdem stößt die Regel bei vielen Frauen auf Ablehnung. Im 21. Jahrhundert, so wird argumentiert, dürfe der Vorwurf der „unqualifizierten Quotenfrau“ nicht länger existieren. Mittlerweile müssten sich Frauen genau wie Männer über Leistung definieren.
Irmingard Schewe-Gerigk, frauenpolitische Sprecherin und parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen-Bundestagsfraktion, verteidigt die Quote. „Wir brauchen sie auch weiterhin. Die Quote ist keine Frauenförderung, sondern ein Instrument, um die Geschlechterdemokratie zu erreichen.“ Schewe-Gerigk setzt sich mit ihrer Partei dafür ein, dass es auch in der Wirtschaft, beispielsweise in den Aufsichtsratsgremien börsennotierter Unternehmen in Deutschland, eine solche Regel gibt. „Die Wirtschaftskrise ist auch eine Krise der Männer“, sagt die Grünen-Politikerin und fügt an, dass Deutschland die Krise als Chance nutzen solle, überkommene Strukturen zu überwinden. Mehr Frauen in den Aufsichtsräten seien ein Gebot guter Unternehmensführung. Schewe-Gerigk sagt, dass mehr Frauen in Führungspositionen bereits die Politik positiv verändert hätten. „Sie haben einen anderen Blick und hinterfragen Regelungen stärker.“
Auch die SPD-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF), Elke Ferner, befürwortet die 40-Prozent-Geschlechterquote ihrer Partei. Heute. Als Ferner 1983 der SPD beitrat, war das noch nicht der Fall. „Ich habe sehr schnell gesehen, dass vielen gut qualifizierten Frauen ein männlicher Kollege vorgezogen wurde“, sagt sie. Die Quote habe das verändert und dafür gesorgt, dass mehr Politikerinnen Einfluss bekämen und die Macht, etwas durchzusetzen. Ferner: „Ich merke, dass sich in Gremien, in die mehrere Frauen eingezogen sind, die Stimmung spürbar verändert.“ So würden auch Unterschiede zu Politikern deutlich: „Männer melden sich oft zu Wort, weil sie denken, dass sie es müssen. Bei Frauen ist das nicht so, sie arbeiten ergebnis- und sachorientierter“, sagt die ASF-Vorsitzende.
Das ist für Ferner nicht der einzige Unterschied. „Frauen vernetzen sich zu wenig.“ Wenn Politikerinnen Netzwerke aufbauten, unterscheide sich das von der Art, wie Männer Kontakte knüpfen, pflegen und nutzen. „Bei Männern erinnert das eher an Seilschaften, bei Frauen stehen gemeinsame Ziele im Vordergrund“, sagt die SPD-Frau. Max Höfer, Autor des Buchs „Meinungsführer, Denker, Visionäre“, stimmt Ferner zu: „Die Fähigkeit, Seilschaften zu bilden, ist eine typisch männliche Eigenschaft. Es ist ein natürliches Verhalten.“ Höfer hat im vergangenen Jahr für das Politikmagazin „Cicero“ eine Liste der 100 einflussreichsten Frauen in Deutschland erstellt. 2006 und 2007 untersuchte er, wer die wichtigsten Denker in Deutschland waren. Er sagt, dass Frauen keine Strippenzieherinnen seien. „Sie müssen mutiger sein und Autoritäten in Frage stellen“, sagt Höfer. Angela Merkel ist für ihn ein Beispiel, wie das geht. Zum Beispiel 1999: Ein Jahr, nachdem der damalige CDU-Vorsitzende Wolfgang Schäuble sie zur Generalsekretärin gemacht hatte, empfahl Merkel ihrer Partei in einem Artikel für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ die Abnabelung von Helmut Kohl. Damit brach sie zwar mit ihrem ehemaligen Förderer, an der Basis aber punktete sie. „Sie beweist: Frauen können Kanzler“, sagt Höfer.
Die CDU-Vorsitzende zeigte mit ihrem Aufstieg aber auch, dass Politikerinnen durchaus fähig sind, Netzwerke zu knüpfen. Denn im Bundeskanzleramt hatte Merkel zu Beginn ihrer Amtszeit gleich vier Frauen aus der eigenen Partei um sich geschart: ihre Büroleiterin Beate Baumann, ihre Medienberaterin Eva Christiansen sowie die Staatsministerinnen Maria Böhmer und Hildegard Müller. Die Frauen gehören seit Jahren zu Merkels engsten Vertrauten, schnell sprachen die Medien von einem „Girlsclub“. Dass Müller im Oktober vergangenen Jahres aus dem Club ausschied und als Hauptgeschäftsführerin zum Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft wechselte, überraschte zunächst. Klar ist: Müller hat Ruhe in die oft lärmende Energiebranche gebracht und ihrer ehemaligen Chefin damit ein politisches Problem abgenommen.
Patricia Riekel ist seit 1997 Chefredakteurin des People-Blatts „Bunte“ und hat in dieser Zeit viele deutsche Politikerinnen näher kennengelernt. Für Riekel zeigt Merkels Aufstieg vor allem eins: „Frauen gehen bei ihrer Karriere sehr zielstrebig und geräuschlos vor. Ein ganz großer Unterschied zu den Testosteron-Politikern, die wir sonst haben.“ Riekel sagt, dass sich vor allem durch die erste deutsche Bundeskanzlerin das Bild der Politikerin stark verändert habe. „Merkel konnte die ‚gläserne Decke’ durchbrechen, die für viele Frauen in Deutschland noch immer das Ende ihrer Karrieren bedeutet“, sagt die Journalistin. Geschafft habe das die CDU-Politikerin nicht nur durch Machtwillen und Netzwerke, sondern auch typisch weibliche Eigenschaften wie Kommunikations- und Verhandlungsgeschick oder Einfühlungsvermögen. Riekel: „Merkel hat eine weibliche Intuition für eine Gesprächssituation. Sie kümmert sich um Dinge, über die Männer sonst lachen würden.“ So habe ihr die Bundeskanzlerin einmal gesagt, dass sie bei Gesprächen auch darauf achte, dass genügend Tassen und Kekse bereitstünden. „Sie weiß, wie wichtig eine gute Atmosphäre für den Ausgang eines politischen Gesprächs sein kann.“