D

Der Geläuterte

Vor einem Jahr gestand er öffentlich, alkoholkrank zu sein. Jetzt will ­Andreas Schockenhoff noch einmal für den Bundestag kandidieren.

Von Christina Bauermeister

Der Tag, nachdem Frankreich den Wechsel wählte, beginnt für Andreas Schockenhoff um 4.30 Uhr. Es ist noch dunkel in Ravensburg am Bodensee, als der CDU-Politiker in den Tag startet. Um 6.20 Uhr geht sein Flieger vom 20 Kilometer entfernten Friedrichshafen nach Berlin. Um zehn nach sieben hat er bereits sein erstes Interview zu den Frankreich-Wahlen mit Radio Monte Carlo auf Französisch. Das erste von vielen an diesem Montag für den Vorsitzenden der deutsch-französischen Parlamentariergruppe. Doch nicht nur für die Medien ist der Außen- und Europapolitiker ein gefragter Mann, auch für seine Partei. Am Montag tagen auch der Fraktionsvorstand – Schockenhoff ist stellvertretender Vorsitzender - und die Landesgruppe Baden-Württemberg. Es ist schon nach zehn Uhr abends, als der hochgewachsene Schwabe mit der kurzen Igelfrisur die Tür zu seinem Berliner Apartment aufschließt. Er wohnt in der Abgeordneten-Schlange, einer nach ihrer geschwungenen Form benannten Wohnanlage für Parlamentarier Bundesbedienstete, fußläufig zum Parlament gelegen. Schockenhoff ist nur zum Schlafen dort. In den Sitzungswochen arbeitet er fast rund um die Uhr.
Es ist die Geschichte eines aufreibenden Politikerlebens, aber es ist auch die Geschichte eines trockenen Alkoholikers, eines Mannes, der den Mut hatte, seine Krankheit öffentlich zu machen. Sein überraschendes Outing ist jetzt knapp ein Jahr her. Rückblick: Am 2. Juli 2011 besucht Schockenhoff das Kreismusikfest im schwäbischen Städtchen Baindt in seinem Wahlkreis, hält dort eine Rede, redet viel mit Freunden. Als er am frühen Abend in sein Auto steigt, touchiert er beim Ausparken einen anderen Wagen und fährt weiter, notiert sich aber das Kennzeichen, wie er sagt. Noch am gleichen Abend steht die Polizei vor seiner Tür. Der Bluttest ergibt, dass der Bundestagsabgeordnete, der seit 1990 im Parlament sitzt, stark alkoholisiert war. Fünf Tage später verschickt Schockenhoff eine persönliche Erklärung mit dem Bundesadler im Briefkopf. Darin gesteht er: „Mir ist bewusst, dass ich alkoholkrank bin.“  In den Medien bekommt er dafür viel Beifall. Endlich mal jemand, der es offen ausspricht. Schockenhoff wird sofort in eine Reihe gestellt mit dem ehemaligen Fußballspieler Sebastian Deisler, der seine Karriere beendete, weil nicht der Körper, sondern die Seele nicht mehr wollte. Depressionen im Fußball, Alkohol in der Politik: zwei Tabubrüche, so die Gleichung.
Doch das will der Geständige gerade nicht, der Kronzeuge sein für die Schattenseiten seines Jobs. „Es war eine spontane und ganz persönliche Entscheidung. Niemand hat mich dazu gedrängt“, sagt Schockenhoff mit fester Stimme, während er mit seiner Handkante den Tisch entlangfährt. Der Fraktionsvize sitzt in seinem Bundestagsbüro, das direkt gegenüber vom Reichstag an der Westfront des Paul-Löbe-Hauses liegt. Die großzügigen Räume hat er 2005 von Wolfgang Schäuble übernommen. Von seinem Vorgänger hängen geblieben ist auch das Ölgemälde von Konrad Adenauer, auf das Schockenhoff nun von seinem Besprechungstisch aus blickt. In den Regalen stehen Fotos, die den Außenpolitiker mit Bill Clinton und Helmut Kohl zeigen. Drumherum verteilt sind kleine Geschenke an den Abgeordneten, wie ein Modell vom Airbus A 350 oder eines Bundeswehr-Militärhubschraubers. Der schmächtige Schwabe kann zu allen diesen Dingen eine Geschichte erzählen, bei denen seine dunkelgrünen Augen anfangen zu schimmern, er hört den Menschen zu, vergisst nichts so schnell, oberflächlich ist er nicht. Zu beobachten ist ein Mensch, der seinen Job liebt, wenngleich er dieses Wort nicht mag. Schockenhoff spricht lieber von seiner „politischen Aufgabe“. Wohl auch deshalb reagiert er eher missmutig auf die Frage, ob der Berliner Politikbetrieb sein Problem begünstigt habe. „Alkohol ist nicht die Staublunge der Politik, die automatisch kommt, wenn man diese Aufgabe ausübt“. Er sei in der Zeit privat und beruflich sehr gefordert gewesen.

Die Medien gierten nach ihm

Wie Schockenhoff das vergangene Jahr persönlich verändert hat, erzählt sein langjähriger Weggefährte Klaus Riegert. „Er ist ausgeglichener und ruhiger geworden“, sagt der 53-Jährige, der seit 1992 im Bundestag sitzt. Jahre lang haben sie gemeinsam in der Fußballmannschaft des Bundestags gespielt. Riegert als Stürmer, Schockenhoff als defensiver Mittelfeldspieler.  „Ich war auf seine Zuspiele angewiesen“, witzelt Riegert. Er beschreibt seinen Kollegen aus der Landesgruppe als guten Kumpel, auf den man sich verlassen könne. Die Baden-Württemberger trafen sich auch auf Empfängen. Schockenhoff habe auf solchen Veranstaltungen schon mal so einen Zungenschlag gehabt, erinnert sich Riegert. „Es kam aber nie zu wirklichen Ausfällen.“
Privat scheint Schockenhoff sein Glück wiedergefunden zu haben. Der Schwabe musste sich zeitweise allein um seine drei Kinder kümmern. Seine erste Frau stirbt 2002 an Krebs, die zweite Ehe scheitert früh. Ende 2011 heiratete er wieder. Die Patchworkfamilie, seine dritte Frau bringt zwei Kinder mit in die Ehe, lebt gemeinsam in dem Elternhaus von Schockenhoffs Mutter.
Beruflich will der 55-Jährige vor allem eines: Wieder über seine Politik wahrgenommen werden. Er will endlich wieder derjenige sein, von dem in den Zeitungen ein, zwei Sätze zitiert werden, über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan oder die politische Lage in Frankreich.
Doch der Weg zurück ist schwer.
Nach seinem überraschenden Outing gierten die Medien nach dem Berufspolitiker mit dem Alkoholproblem. „Ich bin auch ein Mensch mit seinen Fehlern, mit seinen seelischen Nöten“, gesteht er Moderator Günther Jauch in dessen Talkshow Mitte Oktober 2011. Zuvor hatte er bereits der „Bild am Sonntag“ ein Interview gegeben – und auch die Regionalpresse in Baden-Württemberg bekam was sie wollte. Dann ist Schluss. Schockenhoff will den Stecker ziehen, er wolle keine „Endless-Story“. Die Anfragen blieben.
In dieser Zeit berät er sich eng mit seinen Mitarbeitern und der Familie, verzichtet jedoch auf externe Berater. Im Rückblick, gibt der Politiker zu, habe er die Folgen seines Schritts unterschätzt. „Manche Kommentare im Netz haben mich ziemlich verletzt.“ Es waren bittere Momente, als der Shitstorm über ihn hineinbrach. Das Internet erwies sich noch an anderer Stelle als unbarmherzig. Dank der digitalen Gedächtnisstütze Google Suggest wird jeder Nutzer der Suchmaschine bei seinem Namen automatisch erinnert, dass das doch der mit dem Alkohol war.
Ende November 2011 verurteilte ihn die Staatsanwaltschaft Ravensburg wegen Trunkenheit am Steuer und Fahrerflucht zu 60 Tagessätzen, außerdem muss er ein Jahr lang den Führerschein abgeben, in einem Flächenwahlkreis, auch das steht im Netz. Vorbestraft ist er damit nicht. Ein gerechtes Urteil? „Mir war wichtig, dass ich so behandelt werde, wie jeder andere auch“. Den Schaden an dem Auto in Höhe von 800 Euro habe er bar bezahlt, weil es über die Versicherung teurer geworden wäre.

Oswald Metzger greift an

Schockenhoff sitzt wieder am Schreibtisch, geläutert, nicht geheilt. Ihm sei klar, dass ihn die Krankheit sein ganzes Leben begleiten werde, deshalb suche er regelmäßig einen Psychologen auf. Zuvor verbrachte er in der parlamentarischen Sommerpause vier Wochen in einer psychosomatischen Klinik. Den Vorschlag der SPD-Abgeordneten Angelika Graf, eine psychologische Anlaufstelle für die Abgeordneten im Haus einzurichten, wiegelt er ab. Es stehe doch jedem frei, sich extern Hilfe zu suchen. Man merkt ihm an, dass er mal Lehrer war. Er doziert gerne. Sein Habitus ähnelt bisweilen dem von seinem Landsmann, Winfried Kretschmann, der seine berufliche Karriere ebenfalls vor einer Schulklasse begann.
Noch im vergangenen Jahr kündigte Schockenhoff an, in seinem Wahlkreis noch einmal kandidieren zu wollen – zum siebten Mal. „Ich bin noch lange nicht müde“, gibt er sich kämpferisch. Doch dieses Mal hat er einen prominenten Konkurrenten für die am 7. Juli stattfindende Wahlkreiskonferenz: Oswald Metzger. Der Ex-Grüne und Dauer-Plauderer hat mit Schockenhoff noch eine Rechnung offen, weil dieser ihn weder bei Metzgers Kandidatur im Wahlkreis Biberach noch im Bodenseekreis unterstützt habe. Das schreibt zumindest die Lokalpresse. Auf das Verhältnis zu Metzger angesprochen, flüchtet sich Schockenhoff in politische Unterschiede. Einen Plan B im Fall einer Niederlage hat er nicht. Er kennt jedoch das Gefühl, zu verlieren. Als junger Mann scheiterte er zweimal bei den Kommunalwahlen. Es waren die ersten großen Dämpfer für den gebürtigen Ludwigsburger, der als dritter von vier Söhnen stets ermuntert wurde, sich zu engagieren.