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Der Chronist

Günter Bannas ist der wohl erfahrenste Korrespondent Berlins. Mit dem Redaktionsleiter der „Frankfurter Allgemeinen“ startet die p&k-Serie über die Chefs der Hauptstadtbüros.

Von Holger Böthling

Der Weg zu Günter Bannas führt durch das schwere Metallportal des „FAZ“-Hauptstadtbüros hinauf in den zweiten Stock. In seinem Büro surrt kaum vernehmbar die Klimaanlage. Er hat das Jackett seines Dreiteilers ausgezogen, die Hemdsärmel hochgekrempelt. Hinter seinem Schreibtisch hängen eine rote und eine gelbe Grafik, vis-a-vis eine grüne. „In meinem Büro regiert eine Ampelkoalition“, scherzt Bannas. „Und einen Blick auf den Kölner Dom gibt es auch.“
Das Bild der Kathedrale aus der Stadt, in der der gebürtige Kasseler zur Schule ging und studierte, sieht er, wenn er von seinem Bildschirm aufschaut. Weiterer Wandschmuck: drei Schwarzweiß-Fotografien von Kohl und Strauß, Wehner, Brandt, Schmidt und Adenauer gegenüber der Fensterfront. Große Namen der deutschen Politik, aufgenommen von den ehemaligen „FAZ“-Fotografen Barbara Klemm und Wolfgang Haut. Eine stimmige Umgebung für einen der dienstältesten und bestvernetzten Politik­journalisten Deutschlands.
Die bundespolitische Prominenz kennt Bannas seit langem. Sie schätzt ihn als Gesprächspartner und fürchtet seine Recherchen. Kollegen bewundern seine scharfen Analysen und loben sein Auftreten. „Der gibt sich nicht elitär, obwohl er die journalistische Elite verkörpert“, sagt einer, der ihn lange kennt. Seit dem Regierungsumzug leitet Bannas das Berliner „FAZ“-Büro. Wäre es nach seinem Vater gegangen, wäre der Filius heute Studienrat. Doch Bannas wollte stets Journalist werden. „Politik und Zeitgeschichte haben mich schon seit der Schulzeit interessiert“, sagt er. „Darüber wollte ich schreiben.“
Während des VWL- und Politikstudiums beginnt Bannas für die katholische Studentenzeitschrift „direct“ zu arbeiten, übernimmt dort später die Chefredaktion. Als er nach einer Hospitanz und freier Mitarbeit beim Deutschlandfunk sein Diplom in der Tasche hat, bewirbt er sich bei der „FAZ“ – und wird genommen.

Grünes Anschauungsmaterial

Eineinhalb Jahre arbeitet er in der Nachrichtenredaktion. Im März 1981 geht der damals 28-Jährige für die „FAZ“ als Korrespondent nach Bonn. Sein Aufgabengebiet umfasst die Innenpolitik, das Parlament und die Grünen. Die Zuständigkeit für die Ökopartei erweist sich für den jungen Journalisten als Glücksfall. Die Grünen sind angetreten, neuen Schwung und Bürgernähe in den politischen Betrieb zu bringen. Bannas erinnert sich, dass Petra Kelly in den Anfangsjahren häufig bis nachts im Büro saß, um persönlich alle Zuschriften zu beantworten.
Die Fraktion der Grünen tagte damals noch presseöffentlich. Bannas besuchte die Sitzungen regelmäßig. Er ist dabei, als die Auseinandersetzungen zwischen Fundis und Realos die Partei aufreiben. Manchmal brechen Abgeordnete vor seinen Augen weinend zusammen. „Das hatte Züge eines Studentenparlaments“, sagt Bannas, „da wurden offene Kämpfe ausgetragen.“ Die Grünen geben ihm perfektes Anschauungsmaterial, wie Politiker auftreten, wie sie miteinander agieren – und oft auch gegeneinander.
Talente wie Joschka Fischer erkennt Bannas schnell: „Der war ein glänzender Schauspieler“. Vor wichtigen Auftritten rief ihn das Büro des damaligen Parlamentarischen Geschäftsführers der Grünen an: „Kommen Sie vorbei, da passiert heute etwas“. So saß Bannas auch am 18. Oktober 1984 auf der Pressetribüne im Bundestag. Er sah, wie der Grünen-Abgeordnete Jürgen Reents die Kohl-Regierung so lange provozierte, bis Bundestagsvizepräsident Richard Stücklen ihn des Saals verwies und die Sitzung nach Tumulten unterbrach. Darauf rief Fischer sein berühmt-berüchtigtes „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!“ aus. Fischers Ausfall ging nicht ins Sitzungsprotokoll ein, fand sich dafür aber am nächsten Tag in allen Zeitungen.
Günter Bannas kennt viele solcher Anekdoten. Mit Polit-Klatsch hat er jedoch nichts am Hut. Ihm geht es in seinen Artikeln, die er dem Vernehmen nach am liebsten diktiert, um die Prozesse im Hintergrund, um politische Strukturen und Mechanismen. Genau hingucken, nachhorchen, analysieren, einordnen – das sind seine Stärken. Befragt nach seinem Selbstverständnis als Journalist, zieht Bannas an seiner filterlosen Gauloises-Zigarette und sagt dann: „Ich sehe mich als eine Art Zeithistoriker.“ Anders als einige Hauptstadtjournalisten schwingt er sich nicht ständig zu großen Kommentaren auf. Der Einfluss von Journalisten bemisst sich für Bannas an Rechercheergebnissen, nicht an Bewertungen: „Wenn man schreibt, was Sache ist, ist das für die politisch Beteiligten immer noch das Heftigste.“

Distanzierte Nähe

Schreiben, was Sache ist – das kann Bannas. Nach 27 Jahren im Geschäft hat er die wichtigen Kontakte, weiß die richtigen Leute zu fragen. 1995 nahm er in einem Artikel – mittlerweile in seiner Zuständigkeit von den Grünen zur SPD gewechselt – Wochen vor dem SPD-Parteitag im Mannheim das Szenario des Sturzes von Parteichef Rudolf Scharping vorweg. „Das gab einen Riesenaufschrei damals“, erinnert er sich. Doch am Ende zeigte sich wie so oft, dass seine ungenannten Quellen Recht hatten.
Informanten vertrauen Bannas. „Wichtig ist, dass die Gesprächspartner wissen, dass man sie nicht reinlegt“, sagt er. Bannas verschafft sich exklusive Informationen, ohne die Distanz zu den Mächtigen zu verlieren. „Der biedert sich nicht an“, meint ein Kollege. Als Bannas die Journalistenkreise, in denen er verkehrte, zu groß und unübersichtlich wurden, gründete er 1997 mit dem damaligen ZDF-Korrespondenten Klaus Prömpers einen eigenen Hintergrundzirkel: den geheimnisumwitterten „Wohnzimmerkreis“. Im Rotationsverfahren lädt jeweils eines der zehn Mitglieder einen Spitzenpolitiker zu sich nach Hause ein und bekocht die Runde.
„Die Gesprächsatmosphäre ist natürlich eine andere, als wenn man sich in einem Hinterzimmer eines Lokals trifft“, sagt Bannas, „aber das ist ein Journalistenkreis, kein Freundeskreis.“ Staatsgeheimnisse, das weiß der erfahrene Journalist, plaudern die Mächtigen auch im „Wohnzimmerkreis“ nicht aus. Doch zumindest hat er sein Netzwerk vertieft – und vielleicht einen Anknüpfungspunkt für die nächste Recherche gewonnen.

Günter Bannas

wurde am 8. Mai 1952 in Kassel geboren. Schule und Universität besuchte er in Köln, wo er 1979 sein Diplom in VWL, Finanzwissenschaften, Politik und Sozialpsychologie machte. Im September 1979 tritt Bannas in die Nachrichtenredaktion der „FAZ“ ein, im März 1981 geht er als Korrespondent der „FAZ“ nach Bonn. Nach einem kurzen Intermezzo als Leiter des Hauptstadtbüros der „Süddeutschen Zeitung“ übernimmt er im Herbst 1998 das Politikressort bei der „FAZ“. Seit dem Regierungsumzug leitet Bannas die politische „FAZ“-Redaktion in Berlin.