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Pessimismus ist seine Sache nicht – Christian Sommer kämpft für die Rechte der Unterhaltungsindustrie, Foto: Stephan Baumann

Der Anti-Pirat

Auch Hollywood hat jetzt einen Lobbyisten in der Hauptstadt. Christian Sommer vertritt die Interessen der großen amerikanischen Filmstudios in Deutschland. Zweiter Teil der Serie über Neuzugänge in der Berliner Lobbyszene. 

von Felix Fischaleck

Der Treffpunkt könnte kaum passender sein. Im Soho House, dem Wohnzimmer der Berliner Kreativszene, weilt seit Anfang des Jahres kein Geringerer als Hollywood-Star George Clooney. Der Schauspieler hält sich derzeit zu Dreharbeiten in der Hauptstadt auf. „Monuments Men“, bei dem Clooney Regie führt, handelt von einer Sondereinheit, die im Zweiten Weltkrieg den Auftrag bekommt, von den Nazis geraubte Kunstwerke zurückzuholen.
Um Diebstahl geht es auch in der täglichen Arbeit von Christian Sommer. Der 35-jährige Diplom-Jurist ist seit Anfang des Jahres Country Representative Germany der Motion Picture Association (MPA), wie es offiziell heißt. Mit anderen Worten: Er lobbyiert für die Hollywood-Studios in Deutschland, denn die MPA ist der Zusammenschluss der sechs großen amerikanischen Filmproduktionsgesellschaften. Und diese fürchten im Internetzeitalter vor allem eines: den Diebstahl geistigen Eigentums und damit erhebliche finanzielle Verluste.


Home Office ist Alltag


Im Soho House ist Christian Sommer oft. Er wohnt ganz in der Nähe im Prenzlauer Berg. Seine Wohnung ist gleichzeitig sein Arbeitsplatz – Home Office ist Alltag bei dem Mann mit den halblangen, braunen Haaren und dem akkurat gestutzten Vollbart. Auch Hollywood muss anscheinend sparen, doch Deutschland kann sich freuen: Kein anderes europäisches Land beehrt die MPA mit einem eigenen Repräsentanten.
An diesem Mittwochvormittag im Kinosaal des Soho House wirkt Sommer entspannt und ausgeglichen. Kein Wunder: Er ist gerade zurück von einem zweiwöchigen Mexiko-Urlaub.
Mal hier, mal dort, das gefällt dem reisefreudigen Jung-Lobbyisten. „Immer viel unterwegs“ und eine „hohe Präsenz bei Veranstaltungen“, sagen Leute, die ihn gut kennen, über Sommer. Das glaubt man auf Anhieb. Von seiner neuen Heimat Berlin zeigt sich der im nordrhein-westfälischen Marl aufgewachsene Schalke-Fan angetan: „Ich liebe diese Stadt, sie hat eine wesentlich höhere Lebensqualität als beispielsweise London.“ Die britische Hauptstadt war im vergangenen Jahr Sommers Zuhause; für Warner Brothers, eines der großen Hollywood-Studios, arbeitete er dort als Anti-Piracy-Beauftragter. In gleicher Funktion war er bereits zuvor, seit 2004, in Hamburg für Warner Brothers tätig.


Im Auftrag Hollywoods


Nun also alles noch eine Nummer größer. Wie muss man ticken, um für Hollywood zu lobbyieren?
Ein Filmfan zu sein, ist schon mal nicht schlecht. Für Sommer ist das Medium ein faszinierendes Produkt – gerade, wenn man wisse, wie viel Arbeit dahinter steckt. Und klar: Er selbst gehe ausgesprochen gerne ins Kino, bevorzugt ins „Cinestar“ am Potsdamer Platz, denn da könne man Filme im englischsprachigen Original sehen. Die Leidenschaft für Filme teilen viele Deutsche, doch die Bereitschaft, dafür Geld auszugeben, sinkt. Die Besucherzahlen in deutschen Kinos sind seit Jahren rückläufig, gleichzeitig erfreuen sich Streaming-Plattformen wie „movie2k.to“, die in einer rechtlichen Grauzone agieren, großer Beliebtheit. Denn dort kann man Filme, die gerade erst im Kino angelaufen sind, bequem zuhause – und vor allem kostenlos – sehen.
Ein schlechtes Gewissen plagt die meisten User dabei nicht und auch rechtlich drohen ihnen – wenn sie die Filme bloß abspielen – kaum Konsequenzen. Was tun gegen diese Gratismentalität? „Wir müssen auch schon in den Schulen den Wert geistigen Eigentums vermitteln“, sagt Sommer. Die Kommunikationsstrategie laute: die Folgen von Urheberrechtsverletzungen – die Gefährdung von Arbeitsplätzen und der Vielfalt von Filmproduktionen – zu verdeutlichen. Die User-Verfolgung steht für ihn nicht im Vordergrund, vielmehr müssten die „digitalen Hehler“, wie er es nennt, belangt werden. Die Verurteilung der Betreiber von „kino.to“, dem einst beliebtesten Streamingportal, vor zwei Jahren ist für Sommer ein gutes Zeichen. Ebenso das Ende der Internetbörse „Megaupload“ um Kim Schmitz. Doch rechtlich bleiben viele Fragen offen.


Urheberrecht in der Kritik


Das Urheberrecht, also das Recht auf den Schutz geistigen Eigentums in ideeller und materieller Hinsicht, muss im digitalen Zeitalter reformiert werden. In diesem Punkt sind sich alle Parteien einig. Doch wie dies geschehen soll, ist umstritten; Union und FDP wollen tendenziell die Rechte der Urheber stärken und kritisieren die „Freibier-für-alle-Mentalität im Netz“, für die in ihren Augen vor allem die Piratenpartei steht. SPD und Grüne wollen dagegen vor allem die Rechte der User stärken und fordern, das teilweise ausufernde Abmahnwesen zu begrenzen. Die Grünen sprechen sich außerdem für eine Kulturflatrate aus, demnach sollen die Bürger einen monatlichen Pauschalbetrag zahlen für die Nutzung von Film-, Musik- oder Buchdateien.
Allerdings: Die Positionen der Parteien zum Urheberrecht sind den meisten Bürgern laut einer aktuellen Studie zur Digitalen Content-Nutzung 2013, die unter anderem vom Bundesverband Musikindustrie in Auftrag gegeben wurde, kaum bekannt.
Für Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie, ist dies auch eine Folge von parteiinternen Kontroversen bei diesem Thema. Klare Kritik richtet er an die schwarz-gelbe Koalition: „Die Bundesregierung hat in Sachen Durchsetzung von Rechten des geistigen Eigentums bislang nichts Brauchbares abgeliefert.“
Eine zögerliche Haltung der Politik und eine Gesellschaft, die Urheberrechtsverletzungen häufig als Kavaliersdelikt betrachtet – keine einfachen Voraussetzungen für den Hollywood-Lobbyisten. Lutz Reulecke vom Pay-TV-Kanal Sky bezeichnet Sommers neuen Job gar als „Herkulesaufgabe“. Die beiden kennen sich schon lange. Reulecke war Referent für Medienpolitik im Bundestagsbüro des FDP-Politikers Hans-Joachim Otto, als Sommer dort im Jahr 2000 ein Praktikum machte. Überhaupt die FDP: In der Partei ist Sommer fest verankert.


Herkulesaufgabe für Sommer


Prägend war vor allem die turbulente Zeit als Pressesprecher der FDP-Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft. Damals, von 2001 bis 2004, war die FDP an der Regierung – gemeinsam mit der CDU und der umstrittenen „Schill-Partei“. Drunter und drüber sei es gegangen, man habe sich zum Beispiel darüber gestritten, wer die Mikrowelle in der Gemeinschaftsküche bezahlt, erinnert sich Sommer.
Burkhardt Müller-Sönksen war da­-mals Fraktionsvorsitzender der FDP in der Hamburgischen Bürgerschaft und damit Sommers Chef. Heute ist er medienpolitischer Sprecher der Liberalen im Bundestag und glaubt, dass die stürmischen Hamburger Regierungsjahre eine gute Schule für den damaligen Mittzwanziger gewesen seien. Mit der Schill-Partei als Regierungspartner habe die FDP damals Krisenkommunikation als Dauerzustand erfahren. Was er damals gelernt habe, könne Sommer in seinem jetzigen Job gut gebrauchen, denn nun müsse er gegen den Populismus der Piraten mit ihrer Flatrate-Kultur ankämpfen. Der ehemalige Chef sieht Sommer nicht als reinen Interessenvertreter, sondern als jemanden, der die gesellschaftspolitische Dimension seiner Arbeit in den Vordergrund stellt.
Eine Menge Lorbeeren für den smarten Neu-Berliner. Der gibt sich trotz aller Widrigkeiten optimistisch: Er sehe Anzeichen dafür, dass Netzpolitik einen immer höheren Stellenwert in der Politik bekomme – auch wenn er immer noch Politiker träfe, die nicht einmal wüssten, dass es Online-Videotheken gibt.