D
Illustration: Marcel Franke
Bittmann, bitte.

Denkste.

Die Feelgood-Floskel "Es darf keine Denkverbote geben" nutzen Politiker gern, um sich tolerant und offen zu geben. Das ist oft nur Gerede: Denkverbote gibt es im Kleinen wie im Großen.

von Viktoria Bittmann

[no-lexicon]Gäbe es ein Wörterbuch politischer Floskeln, so stünde unter D: "Es darf keine Denkverbote geben." Wer sich dieses Versatzstücks aus dem Politsprech-Baukasten bedient, gibt sich tolerant und offen. Jeder Gedanke, und sei er noch so abwegig, muss erlaubt sein, so die Botschaft. Das klingt liberal und irgendwie sympathisch. Kein Wunder also, dass sich die Feelgood-Floskel partei-, generationen- und themenübergreifend größter Beliebtheit erfreut. Angela Merkel hat einmal gesagt: "Ich bin eine Kanzlerin, die keine Denkverbote erteilt." Vermeintliche Freibriefe für Freidenker finden sich in fast jeder Rede. Also alles gut? Denkste. Denkverbote gibt es im Kleinen wie im Großen:

"Bürgerinnen und Bürger": Denken alle Politiker, Dauer-Gegendere führe zu Gleichberechtigung? Natürlich nicht! Es traut sich nur niemand, nervige und Sätze ins Unendliche verlängernde Feminina wegzulassen. Wer dem Motto folgt, "Ich denk’ mir meinen Teil und mach’s wie die anderen", hat das Denken längst aufgegeben.

Totschlagargumente: Dass es bei einigen Themen sehr wohl Denkverbote gibt, belegt die inflationäre Verwendung einer konkurrierenden Worthülse: "Diese Maßnahme ist alternativlos." Wer so argumentiert, sagt im Subtext: "Das Nachdenken über Alternativen kannst Du Dir sparen, das hab’ ich ja schon gemacht."

Denkwürdige Post: Die Newsletter, die am Ende einer Sitzungswoche verschickt werden, sind oft besser gemeint als gemacht. Die Öffnungsrate der digitalen Bleiwüsten dürfte unter Journalisten gegen null tendieren. Spannend wird es allerdings, wenn ein Newsletter wenig später ohne Begründung "zurückgezogen" wird. Allein: Wer ihn studiert, wird keine revolutionären Ideen finden, die das panische Zurückrudern erklären.

Rolle rückwärts: Die Gedanken mögen frei sein, aber nicht immer werden sie auch freigegeben. Wenn die spannendsten Ideen eines Interview­partners im Autorisierungs-Nirwana verschwinden, werden Denk- zu Schreibverboten. Wer zu seinen Gedanken steht, braucht keine Freigabeschleife!

Mitgehangen, mitgefangen: Mitglieder einer Partei, Fraktion oder Koalition unterliegen schon aus institutionellen Gründen gewissen Zwängen. Nur etablierte Persönlichkeiten können es sich erlauben, aus der Reihe zu tanzen. Das Etikett "Querdenker" muss man sich verdienen, den Titel "Querulant" gibt’s gratis.

Wer im Rampenlicht steht, spricht sich gern gegen Denkverbote aus – und steckt dabei oft selbst in einer strategischen oder parteipolitischen Zwangsjacke. Wenn das mal einer zugäbe, wäre zumindest ein Denkverbot beseitigt.[/no-lexicon]