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„Dat is doch alles Kappes!“

Selten hat ein Abgeordneter die politische Diskussion so geprägt wie Jakob Maria Mierscheid. Dieser ist ein solcher Ausnahmepolitiker – dass er erst erfunden werden musste.

Von Martin Motzkau

Drei Legislaturperioden lang bleibt ein Abgeordneter im Schnitt im Deutschen Bundestag, und so hat die Fette Henne viele von ihnen kommen und gehen sehen. Einer jedoch kann mittlerweile auf dreißig Jahre Bundestag zurückblicken: der Abgeordnete Jakob Maria Mierscheid – ein erfundener Parlamentarier.
Nach dem Tod des Sozialdemokraten Carlo Schmid im Dezember 1979 suchten drei SPD-Parlamentarier einen würdigen Nachfolger, jemanden, der die Lücke füllen konnte: So erdachten Peter Würtz, Dietrich Sperling und Karl Haehser eines Abends im Restaurant des Bonner Bundeshauses die Figur des gelernten Schneidermeisters und Gewerkschafters Jakob Maria Mierscheid. Seinen Lebenslauf skizzierten sie auf der Rückseite einer Speisekarte: Als Sohn eines Kanalarbeiters 1933 im rheinland-pfälzischen Morbach geboren, katholisch erzogen und Witwer mit vier Kindern. Ihn schickten die SPD-Politiker über die Landesliste als Nachrücker in den Bundestag. „Der Name Mierscheid ist schon etwas älter“, erinnert sich Sperling. „In der Schulzeit von Karl Haehser wurde diese Figur als Alibi verwendet, wenn junge Schüler sich heimlich mit dem anderen Geschlecht treffen wollten.“ Persönlich habe er Mierscheid als „immer freundlichen Genossen“ kennengelernt.

Wohngeld für Hunde

Obwohl nie öffentlich gesichtet, machte Mierscheid von da an mit provokanten Forderungen auf sich aufmerksam. Über Pressemitteilungen und Publikationen tritt er an die Öffentlichkeit, Friedhelm Wollner, Leiter der Fraktionsverwaltung der SPD, unterstützt ihn dabei. So machte Mierscheid sich für ein Wohngeld für Hunde stark, die Kinder beaufsichtigen könnten, und schlug das „Nichtlaberschutzgesetz“ vor, mit der Begründung, dass „Laberschwafel fast 4000 Schwafelstoffe enthält, darunter 50 müdigkeitserzeugende Substanzen“.
Einer der Höhepunkte in Mierscheids Karriere war im Jahr 1983. Damals veröffentlichte die SPD-Zeitung „Vorwärts“ das nach ihm benannte „Mierscheid-Gesetz“. Es weist einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Wahlergebnis der SPD und der Rohstahlproduktion nach. Danach richtet sich der prozentuale Stimmenanteil der SPD bei den Bundestagswahlen nach der im Wahljahr produzierten Menge Rohstahl. Das Gesetz bestätigte sich in den Folgejahren, lediglich das Wahlergebnis 1990 wich negativ von der Regel ab. Für 2009 lässt sich das Gesetz zumindest auf die erste Jahreshälfte anwenden, die weitere Entwicklung wäre jedoch abzuwarten.
Auch in historische Debatten mischte Mierscheid sich ein. Was die Hauptstadtfrage anging, erkannte er schon bei Niccolo Machiavelli die Notwendigkeit für einen Umzug von Bonn nach Berlin. Um einen erworbenen Staat zu behalten, so Machiavelli, muss sich der Eroberer in diesem niederlassen.
Der ansonsten äußerst friedfertige Sozialdemokrat kann aber auch austeilen: Im Vorfeld der Regierungsübernahme durch Rot-Grün im Jahr 1998 stellte er nach Vorbild des ADAC eine „Pannenstatistik“ über die Minister unter Kanzler Kohl auf: Darin bezeichnete er die Modelle Merkel und Seehofer als „Auslaufmodelle“. 2005 schlug er „Ulla Schmidt“ als Unwort des Jahres vor, wofür ihn der damalige Parteivorsitzende Franz Müntefering ermahnte. Dennoch ist Mierscheid seiner Partei stets treu geblieben. Nachdem ebenfalls im Jahr 2005 Nachrichtenagenturen den Übertritt Mierscheids zur Linkspartei gemeldet hatten, dementierte dieser die Behauptung per „Spiegel Online“: „Dat is doch alles Kappes!“
Keine Frage, der Deutsche Bundestag braucht Jakob Maria Mierscheid. Er ist provokant und kommunikativ, das zeigt schon seine enorme Aktivität im Internet. Schon mit dem Start der Webseite des Bundestags im Jahr 1996 war er dort zu finden, mittlerweile hat er ein eigenes Profil bei Facebook und über 4000 „Follower“ bei Twitter. Wichtige Politiker schätzen den erfahrenen Kollegen: Peter Struck nannte ihn einst einen „wirklichen Freund“ und Dieter Wiefelspütz, innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, schlug Mierscheid vor der Wahl sogar als Staatsekretär in einer SPD-geführten Regierung vor. Seinen neuen Kollegen im 17. Bundestag gibt der selbsternannte „ideelle Gesamtsozialdemokrat“ einen wichtigen Ratschlag mit auf den Weg: Zuhören, beobachten, nachdenken – und dann gegebenenfalls etwas sagen, und das möglichst erst intern. So taugt Mierscheid zum Vorbild für alle Abgeordneten, und zwar nicht nur für die der SPD.