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Foto: Illustration Marcel Franke
Praxis

Das Setting sollte spannend sein

Mit dem Handy kann man jederzeit und überall live gehen, und Menschen auf der ganzen Welt können zusehen – meist mithilfe ihres Smartphones. Das ist eine Revolution! Das ist ungefähr so, als würde beim Kauf eines Fernsehers ein komplettes TV-Studio mitgeliefert. Damit Livestreams erfolgreich sind, gibt es aber einiges zu beachten. Zehn Tipps.

von Jannis Schakarian

 Was vor einigen Jahren mit gezielten Livestreaming-­Apps (Periscope, Meerkat, You Now) begann, bietet inzwischen fast jede Plattform an. Sowohl auf Instagram als auch bei Twitter, Youtube und Facebook kann man jederzeit einen Livestream starten. Und mit Twitch entwickelt sich gerade eine Plattform mithilfe von Livestreams aus der Gaming-Nische hin zur Entertainment-Plattform.

Doch warum sollte man überhaupt live gehen? Und was macht einen Livestream erfolgreich? Hier sind zehn Tipps, die Livestreams besser machen.

Illustrationen: Marcel Franke

1. Livestreams können die Reichweite erhöhen

Der Aufwand, ein Live-Video zu starten, kann sich schon deshalb lohnen, da viele Plattformen derzeit Livestreams in ihren Algorithmen pushen. Facebook rät immer wieder zu Livestreams, ebenso Instagram. Youtube benachrichtigt die Abonnenten teilweise über den Start eines Livestreams. Es kann also der eigenen Reichweite nützen, auf Livestreams zu setzen. Gleichzeitig gibt es aber auch inhaltliche Gründe dafür: Sie erlauben einen direkten und unmittelbaren Austausch mit den Nutzern und erhöhen somit die Bindung. Diese Inter­aktion sollte man aber gut planen.

2. Wenn live, dann mit ­Mehrwert!

Die Frage "Warum überhaupt live?" lässt sich auch aus Zuschauerperspektive stellen: Warum soll ich überhaupt live zuschauen? Im Fernsehen gibt es nur noch wenige Sendungen, die wirklich live geguckt werden. Abseits von Fußballspielen und großen Events nutzen viele Menschen inzwischen die Mediathek oder andere Video-­on-Demand-Dienste. Daher müssen auch Online-Livestreams einen Mehrwert bieten. In seltenen Fällen kann das ein Breaking-News-Ereignis sein, etwas, das vor den Augen der Zuschauer passiert, während diese live dabei sind. Das lässt sich allerdings selten planen. Meistens und besser planbar ist der Mehrwert "Interaktion". Das Spektrum reicht dabei von einfachen Fragen, die gestellt und direkt beantwortet werden, bis hin zu Settings, in denen die Nutzer das Geschehen bestimmen. Das Start-up "Super Deluxe" aus den USA hatte zum Beispiel einen Facebook-­Livestream, in dem die Zuschauer mit Emojis darüber abstimmen konnten, an welcher Körperstelle jemand mit welchem Motiv live tätowiert werden sollte. Der Fantasie sind also kaum Grenzen gesetzt.

3. Der Einstieg muss einfach sein

Wichtig ist, dass der Zuschauer sofort versteht, worum es geht und wie er inter­agieren kann. Vor allem bei Facebook kann man nicht davon ausgehen, dass alle Zuschauer von Anfang an beim Stream dabei sind. Vielmehr scrollen die Nutzer durch ihre Timeline und stoßen zufällig auf eine Übertragung. Meistens sind sie innerhalb weniger Sekunden auch schon wieder weg, wenn nicht sofort klar wird, worum es geht und wie sie teilhaben können. Deshalb muss man daran denken, das Thema des Livestreams immer wieder klarzumachen und sich nicht in allzu langen Erklärungen zu verheddern. Ein Weg dahin kann beispielsweise sein, in einem eigenen Kommentar zu erklären, was gerade passiert, oder in einer Bauchbinde einzublenden, worum es inhaltlich geht.

4. Die Dramaturgie ist wichtig

Wenn man die Zuschauer einmal gewonnen hat, geht es darum, sie zu halten. Zusätzlich zu der Möglichkeit, jederzeit einzuschalten, braucht es dafür einen guten Erzählbogen, für den es sich lohnt, dran­zubleiben. Das klassische Beispiel hierfür ist wohl das Portal "Buzzfeed", das kurz nach dem Launch der Livefunktion von Facebook einen Stream machte, in dem Gummibänder über eine Wassermelone gespannt wurden. In der Spitze sahen hier mehr als 800.000 Menschen zu, die den Moment nicht verpassen wollten, in dem die Wassermelone explodierte. Das ist ein triviales Beispiel, es verdeutlicht aber sehr gut, welche Gedanken man sich im Vorfeld machen sollte: Wofür lohnt es sich, bis zum Ende dranzubleiben? Welchen Höhepunkt gibt es am Ende, der mich als Zuschauer bei der Stange hält?

5. Studio-Setting häufig ungeeignet

Ein weiteres wichtiges Element, das Spannung erzeugen kann, ist das Setting des Livestreams. Noch viel zu häufig sieht man zwei Personen, die in der Totalen gefilmt in Sesseln im Studio sitzen. Sofort ist einem klar: Hier passiert nichts. Außerdem wird es auf dem Handybildschirm – und darüber schauen die meisten zu – schwierig, Gesichtsregungen zu erkennen. Deshalb ist ein Studio-Setting häufig nicht unbedingt geeignet. Schließlich ist einer der wichtigsten Gründe dafür, dass Menschen etwas live schauen, auch der Hinter­gedanke, dass jederzeit etwas schief­gehen könnte. Auch wenn man sich das als Macher nicht wünscht, lohnt es sich, mit einem anderen Setting auch Unvorhergesehenes zuzulassen. Überhaupt lohnt es sich, rauszugehen, direkt an den Ort des Geschehens. Das bietet meist mehr fürs Auge als ein improvisiertes Studio.

6. Bei der Dauer flexibel sein

Wie lange sollte der optimale Livestream dauern? Nun, es kommt darauf an ... Diese Antwort ist sicher die unpopulärste, aber in diesem konkreten Fall ist sie richtig. Es sollte bei einem Livestream die Möglichkeit geben, dessen Dauer spontan anzupassen. Merkt man zum Beispiel, dass viele neue Zuschauer dazugekommen sind, sollte man noch etwas verlängern. Geht die Kurve dagegen nach unten und ist im Prinzip alles gesagt, kann man auch zügig zum Ende kommen. Der erste Peak an Zuschauern ist häufig erst nach etwa 20 Minuten erreicht. Streams unter 20 Minuten lohnen sich daher selten. Falls der Livestream zusätzlich beworben werden soll: Bei Facebook geht das erst, wenn der Stream bereits live ist, und durch die Werbe­überprüfung dauert es ebenfalls etwa eine halbe Stunde, bis die Anzeige wirklich live ist.

7. Vorsicht bei der Auswertung

Auf welche Zahlen sollte man schauen, um den eigenen Erfolg zu bewerten? Man sollte jedenfalls nicht den Fehler machen, Live-Videos direkt mit anderen Videos-­on-Demand zu vergleichen. Oft wird die Anzahl an Views bei Livestreams durch viele Zuschauer, die nur kurz reinschauen, verzerrt. Betrachtet man hingegen nur die Zahl derjenigen, die gleichzeitig live dabei waren, kann man gerade am Anfang schnell entmutigt werden. Dabei hilft es, sich zu vergegenwärtigen, dass sich diese Zuschauer zeitgleich nur diesem einen Inhalt widmen. Diese Aufmerksamkeit ist sehr wertvoll. Grundsätzlich sollte man eher mit Quotienten arbeiten: Wie viele Zuschauer haben interagiert? Wie viele der eigenen Abonnenten wurden im Verhältnis erreicht? Daraus lassen sich im Zeitverlauf Vergleichsmöglichkeiten aufbauen.

8. Livestreams vorher ankündigen

Um möglichst viele der eigenen Abonnenten erreichen zu können, lohnt es sich, den Livestream einige Tage im Voraus anzulegen. Dann können sich Nutzer sowohl bei Facebook als auch bei Youtube erinnern lassen, sobald es losgeht. Nur so hat man die Möglichkeit, schon zu Beginn ein paar Zuschauer zu haben. Je nach Format lohnt es sich eventuell auch, eine gewisse Regelmäßigkeit zu etablieren, so dass die Abonnenten schon wissen: Da passiert immer etwas.

9. Die Reichweite strategisch planen

Viele der genannten Tipps haben schon den Hintergedanken, die Reichweite zu erhöhen. Dennoch ist es sinnvoll, sich im Voraus noch einmal gezielt darüber Gedanken zu machen: Wen will ich eigentlich ansprechen? Wie kann ich diese Zielgruppe erreichen? Es kann sich zum Beispiel anbieten, Influencer zum Livestream einzu­laden. Außerdem sollte man sich überlegen, was die Zuschauer dazu anregen könnte, den Stream zu teilen. Bei Facebook kann es sich auszahlen, vorher gezielt Seiten anzufragen, ob sie Interesse haben, den eigenen Stream zu teilen. Seit Kurzem lassen sich Livestreams auch cross­posten, so dass man auf mehreren Seiten gleichzeitig live gehen kann.

10. Alles streichen, was nicht funktioniert

Im Nachhinein sollte man die zur Verfügung stehenden Zahlen natürlich auch zur Manöverkritik und Optimierung nutzen. An welchen Stellen sind besonders viele Leute ausgestiegen? Was ist zu diesem Zeitpunkt passiert? Woher kam ein Großteil der Zuschauer? Kann man diese in Zukunft noch gezielter ansprechen? Was hat man sich vorher überlegt, das in der Umsetzung nicht so gut funktioniert hat? Raus damit!

Jannis Schakarian

ist Journalist, Blogger, Youtuber und Herausgeber von "Netzfeuilleton.de". (Foto: Mauro Pinterowitsch)