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Politik

Das Getriebe der Hauptstadt

Es kommt selten vor, dass sich Kenner des politischen Berlins literarisch mit der Szene auseinandersetzen. Florian Lanz hat es getan. Eine Rezension seines Buches "Bundeskanzler".

von Robert Paquet

Die erste Nachricht ist, dass ein Mann aus der gesundheitspolitischen Szene einen Roman geschrieben hat, in dem es auch um Gesundheitspolitik geht. Florian Lanz, der Autor, ist Pressesprecher des GKV-Spitzenverbandes. Die zweite Nachricht: Herausgekommen ist ein unterhaltsamer und gut lesbarer Roman, der viele Einsichten über den Politikbetrieb und die Handlungsmuster seiner Protagonisten vermittelt.

Eine Leseprobe: Als der siegreiche Kanzlerkandidat vor der Parteizentrale am Wahlabend eintrifft, "richtet er seine Krawatte und krempelt die Ärmel seines Hemdes bis kurz unter die Ellenbogen hoch. Mit seiner Anzughose, den polierten schwarzen Schuhen, dem weißen Hemd und der dunkelblauen Krawatte wollte er seiner neuen Rolle als designierter Regierungschef gerecht werden. Dass er ohne Jackett und mit aufgekrempelten Ärmeln aus dem Auto steigen würde, sollte signalisieren, dass er zum Anpacken bereit war. Hansen der Macher. Hansen, das ist einer, der gleich loslegt. Das war die Botschaft, die er heute Abend aussenden wollte." Sein Pressesprecher hatte derweil dafür gesorgt, dass die Kamerateams für diese Bilder richtig aufgestellt waren.

Der Roman schildert den zielstrebigen Aufstieg des fiktiven Leon Hansen vom Hamburger Kommunalpolitiker bis zum Bundeskanzler. Hansen gehört zur „Christlich-konservativen Partei (CKP)“. Er erobert – relativ jung - für sie das einzige Bundestagsdirektmandat in seiner von der „Gerechten Partei Deutschlands (GPD)“ dominierten Heimatstadt. Nach einigen Jahren in der Fraktion setzt er an zur Kanzlerkandidatur. Der Parteivorsitz ist nur ein notwendiger Zwischenschritt. Er wird tatsächlich Kandidat und gewinnt, mit einer Mischung aus Populismus und Allgemeinplätzen.

Kein Politiker kommt im Alleingang an die Spitze. So werden auch Hansens Helfer und sein Verhältnis zu ihnen beschrieben. Vorgestellt werden der Parlamentarische Geschäftsführer und spätere Kanzleramtsminister Hermann Triller, der Partei- und spätere Regierungssprecher Ullmann, der Bundesgeschäftsführer der CKP und die immerwährende Büroleiterin Hansens vom Parteivorsitz bis ins Kanzleramt. Das Bild von Hansen und seinem Team setzt sich aus verschiedenen Episoden und Rückblicken zusammen.

Politik im Privaten

Daneben gibt es – nur locker verwoben mit der Hansen-Karriere – eine Parallelgeschichte: Der Politikstudent Klaus Heinrich engagiert sich im Wahlkampfteam und fällt durch Fleiß und politische Formbarkeit auf. Später wird er Referent im Gesundheitsministerium und schließlich sogar ins Kanzleramt abgeordnet.

In der Berliner Lobbyszene lernt er die Journalistin Lara Schneider kennen. Die beiden werden ein Paar. Lara berichtet jedoch für die "Berliner Rundschau" ausgerechnet über Gesundheitspolitik. Daher muss Klaus bestimmte Informationen vor ihr geheim halten. Lara hat allerdings Zugang zu seinen Chefs bei Pressegesprächen und Interviews. Die beiden kommentieren die Berliner Szene, also die Lobbyisten und den Betrieb in Ministerien und im Kanzleramt. Zum Streit kommt es, weil sich Klaus schließlich mit den Kernpunkten der Gesundheitsreform identifiziert, während Lara kritische Kommentare darüber schreibt.

Klaus und Lara werden in ihrem Rollenverständnis auf beiden Seiten etwas naiv gezeichnet. Hintergrund ist jedoch das Anliegen des Autors, die Verhältnisse auf der sozial niedrigeren Hierarchieebene explizit und etwas robuster zu beschreiben.

Umfeld des Protagonisten erinnert an Gerhard Schröder

Hansens CKP ist zwar klar als CDU erkennbar, die Themen von SPD und CDU/CSU und Versatzstücke aus der jüngeren Parteigeschichte werden jedoch bunt gemischt und camoufliert. Man fühlt sich in dieser Parteienlandschaft sofort heimisch, muss aber nicht ständig ans Dechiffrieren denken. Obwohl das Umfeld Hansens sehr an Gerhard Schröder erinnert und sein Vorgänger im Parteivorsitz, Martin Wilhelm, als Kurt Beck erkennbar ist.

"Der erste Parteivorsitzende nach einem Regierungswechsel wurde niemals selbst Bundeskanzler. Er wurde zerrieben im innerparteilichen Machtkampf und zwischen den verschiedenen Parteiflügeln." So lautet Hansens historische Analyse, weshalb er auch erst nach dem Scheitern dieser Zwischenlösung ernsthaft für die Wahl zum Parteivorsitzenden antritt.

Lanz erfindet für sein Personal herrliche Namen. Dann stellt er klar, dass ein Politikerbesuch im Emsland ohne eine Visite bei der "Müllerwerft in Puppenburg" undenkbar ist. In seinem politischen Berlin wird geraucht und viel getrunken. Ein bisschen Sex kommt auch vor. Es ist wie im wirklichen Leben. Dabei wird der Politikbetrieb allerdings nicht moralisch denunziert, er wird nur dargestellt.

Obwohl man sich immer wieder wünscht, dass das Getriebe in Wirklichkeit nicht ganz so opportunistisch und inhaltsleer sein möge, wie es hier gezeigt wird. Eine zentrale These ist etwas zynisch, aber wahrscheinlich zutreffend: "Überzeugungstäter" und Fachpolitiker dringen nicht in Spitzenämter vor und werden schon gar nicht Kanzler. Dabei wirkt die Hauptfigur Leon Hansen nicht unsympathisch, obwohl er als berechnender und mit allen Wassern gewaschener Karriere-Typ gezeichnet wird.

Fiktion versus Wirklichkeit

Für Kenner der Berliner Szene irritieren dann allerdings doch einige Punkte. Die Zeitfristen für die Planung von Grundsatzreden werden zu kurz dargestellt. Die Opposition bleibt ziemlich blass. Hansens Kalküle gehen fast immer auf. Ein Beispiel: Im Gegensatz zu Hansen, der ein Tempolimit als politisches Projekt präsentieren will, würde ein realer Kanzler das niemals ohne machtpolitische Vorbereitung mit seinen Regierungsfraktionen tun. Und so weiter.

Der Autor konstruiert damit "Schulbeispiele" für die Mechanismen des politischen Apparats und lobbyistischer Einflussnahme. Für ein breiteres Publikum bedarf es dabei sicher der Verdichtung und Vereinfachung. Aber auch der erfahrene Beobachter weiß, dass Politik manchmal genau so funktioniert, wie es sich das kleine Fritzchen vorstellt - und oft auch wieder ganz anders.

Wer sich also mit der Politik und dem Getriebe der Hauptstadt amüsieren will, dem sei das Buch empfohlen. Der Roman sei insbesondere Gesundheitslobbyisten ans Herz gelegt, die sich selbst ja oft so wichtig nehmen: Lanz zeigt ihnen auf vergnügliche Art, wie die Gesundheitspolitik aus der Kanzlerperspektive wahrgenommen wird und welchen gesamtpolitischen Stellenwert sie wirklich hat.

 

Florian Lanz: Bundeskanzler, Helios Verlag Berlin, 2014, 390 Seiten, 17,90 Euro.

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Robert Paquet

ist Branchenkenner, Berater im Gesundheitswesen und Mitglied der Redaktion des gesundheitspolitischen Informationsdienstes "gid". Viele Jahre leitete er das Lobbybüro eines großen Krankenkassenverbandes. (Foto: privat)