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Politik

Das Geheimnis von Humor in der Politik

Der Politikbetrieb lässt rhetorischen Witz oft vermissen. Derweil breitet sich ein populistischer Stil aus, der häufig mit aggressivem Humor zu punkten versucht. Aber nicht jeder politische Humor ist gleich Populismus. 

von Lukas Daubner

Rhetorisch begabte Lichtblicke des Typs Gregor Gysi sind in Deutschland rar gesät und schnoddrige und polarisierende Redner wie Franz Joseph Strauss haben heute einen schweren Stand. Spontaner Witz, verständliche Zuspitzungen komplexer Sachverhalte und eine ordentliche Portion Ironie sucht man beim politischen Personal oftmals vergeblich.

Ein Grund ist die Professionalisierung von politischer Kommunikation. Geprägt von Medientrainings und Strategieberatungen muss in Zeiten von Sound- und Videobits sowie immer kürzer werdenden Medienzyklen jeder Satz sitzen. Selbst Nachwuchspolitiker klingen, als hätten sie Jahrzehnte nichts anderes gemacht. Spontanität und Grenzüberschreitungen – zwei Zutaten für einen gelungenen Witz – wirken daher oft als Teil einer inszenierten Darstellung und verlieren dadurch ihre Durchschlagskraft und Glaubwürdigkeit.

Ein zweiter Grund für vielfach blasse und witzlose politische Sprache liegt in der Angst vor einer drohenden Skandalisierung. Mit der Schnelllebigkeit und Omnipräsenz der sozialen Medien kann jeder zweifelhafte Vergleich und jede Überspitzung zum Skandal mutieren.

Daher ist es nicht ganz verwunderlich, dass Personen wie der Ex-Komiker Beppe Grillo, der isländische Stand-up Comedian und Punker Jón Gnarr oder der ehemalige Reality-Star Donald Trump mit ihren extravaganten und häufig humorigen Auftreten herausstechen und politische Erfolge feiern.

In Deutschland ging die Satirepartei Die Partei bei den vergangenen Bundestagswahlen mit einem halb ernsten – und damit nur halb satirischen – Kurs unter. Solange sie sich auf das Rumblödeln konzentrierte, konnte sie mit Slogans wie "Das Bier entscheidet" sogar einen Sitz im Europaparlament ergattern. Was ist also das besondere am Einsatz von Humor in der politischen Kommunikation?

Humor in der Politik ist ein modernes Phänomen

Mit der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung und den Umbrüchen zur rationalen und als unpersönlich wahrgenommenen Moderne gingen der Philosoph Voltaire und andere Beobachter der Gesellschaft davon aus, dass Humor diese Phase nicht überstehen würde. Glücklicherweise stellte sich diese Beobachtung als falsch heraus. Ganz im Gegenteil: Es ist gerade ein Merkmal der Moderne, dass über (fast) alles und jeden Späße gemacht werden kann. Institutionalisiert ist das in der Meinungs- und Kunstfreiheit.

Dass Politiker im Amt Humor zeigen können, hängt mit einer bestimmten Konstruktion des politischen Systems zusammen. Ingenieurinnen oder Richter werden beispielsweise an der Verlässlichkeit ihrer Aussagen gemessen. Politiker dagegen können auch daran erkannt werden, dass sie die Freiheit haben vieles zu sagen oder nicht zu sagen und trotzdem – oder gerade deshalb – als Politiker wahr- und ernstgenommen zu werden.

Donald Trump ist dafür ein gutes Beispiel. Trotz allen Wetterns gegen die etablierte Politik und trotz aller gebrochenen Versprechen: Am Ende des Tages bleibt er – wenn vielleicht auch zur eigenen Überraschung – Politiker. Die politische Kommunikation der Moderne ist laut dem Soziologen Niklas Luhmann neben dem kollektiv verbindlichen Entscheiden der Staatsorgane durch die Freiheit gekennzeichnet, widersprüchlich zu sein. Neben dem bürokratischen Gesetzgebungsprozess, kann im Wahlkampf oder im alltäglichen politischen Geplänkel alles behauptet werden, was der eigenen Sache dient.

Diese Freiheiten werden genüsslich ausgenutzt. Denn Politiker haben ein Problem: Sie benötigen Aufmerksamkeit und müssen die Bevölkerung davon überzeugen, dass ihre Ideen gut und wahlweise traditionswahrend oder zukunftsweisend sind. Dabei konkurrieren sie in den Massenmedien mit Sportergebnissen, den Machenschaften des Adels, Börsendaten und vielen anderen Ereignissen um Aufmerksamkeit. Eine Strategie um auf sich aufmerksam zu machen, ist eine pointierte Anekdote zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Zugespitzte und lustige Äußerungen haben gute Chancen von den politischen Korrespondenten aufgegriffen zu werden. Alles was vom Ton der üblichen Pressemitteilungen und halbherzigen Reden abweicht, birgt einen Nachrichtenwert. 

Die Gefahr, lustig sein zu wollen

Aber es geht nicht nur um das Erzeugen von Aufmerksamkeit. Mit Humor können klare Grenzen zu Personen und Themen gezogen werden. Sozialpsychologische Untersuchungen zeigen, dass wir solchen Humor bevorzugen, der sich gegen Kandidaten des jeweiligen gegnerischen Lagers richtet. Witze über Angela Merkel funktionieren daher besonders gut, wenn man nicht gerade CDU-Anhängerin ist. Viele von uns neigen dazu, besonders über derben Humor zu lachen.

Die Reden zum politischen Aschermittwoch scheinen dies zu bestätigen. Allerdings gibt es – durch Kultur und Sozialisation geprägte – Grenzen, an denen die Wahrnehmung von lustig in geschmacklos umschlägt. Überraschen oder verletzten Politiker die Erwartungen des Publikums zu sehr, kann eine humoristische Aussage schnell zu Stoff für einen Skandal werden. Andrea Nahles' "In-die-Fresse"-Kommentar und die darauffolgende Empörung zeigen das, ebenso wie die Reaktionen auf Günther Oettingers "Schlitzohren und Schlitzaugen"-Rede.

Oft ist der Grat zwischen Lachern und Empörung bei politischen Witzen also schmal. Wird ein Witz nicht als solcher oder als unpassend wahrgenommen, können die Kosten für Politiker hoch sein oder gar das Ende der Karriere bedeuten. Davon zeugen die Diskussionen um "Altherrenwitze" von Rainer Brüderle und viele Beispiele aus der aktuellen #metoo-Debatte. Qualität und Anlass von Humor bedingen, wie das Publikum darauf reagiert. Humor ist also zweischneidig: Neben seinen verschiedenen positiven Effekten auf die politische Kommunikation kann dessen Einsatz auch problematisch sein.

Gerade im Internet verbreiten sich Beiträge sehr schnell. Ein lustiger Youtube-Clip einer Kandidatin kann etwa mehr Sympathien und Reichweite erzeugen, als eine ausgeklügelte Kampagne. Man denke nur an die "Ice Bucket Challenge"-Videos von Cem Özdemir über Dagmar Wöhrl bis Christian Lindner vor einigen Jahren. Das Risiko, mit der Selbstdarstellung zu scheitern, ist aber gerade online groß. Wird ein lustig gemeinter Beitrag als nicht authentisch wahrgenommen, ist die politische Glaubwürdigkeit schnell in Gefahr.

Humoristische Kommunikation erlaubt es nicht zuletzt auch, immer vage bleiben zu können. Bei einem Witz oder Scherz besteht für den Sprecher immer die Möglichkeit, sich auf den spaßhaften Charakter der Aussage zu berufen. Ob es aber gelingt, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, bleibt dem Publikum überlassen.

Sind lustige Politiker die besseren Politiker?

Politischer Humor hat noch einen weiteren Vorteil: Politiker können sich durch Selbstironie als Mann oder Frau des Volkes darstellen. Im alltäglichen Kampf um politische Macht müssen sie laufend Themen präsentieren, Gegner – innerhalb und außerhalb der eigenen Partei – abwerten oder deren Regierungsfähigkeit in Frage stellen. Ein Witz über das eigene Aussehen hier, eine kecke Bemerkung über das Wahlprogramm dort, hilft dabei das Publikum an sich zu binden. Durch Scherze und lustige Erzählungen signalisieren Politiker, dass sie keine Technokraten sind, sondern die Nähe zur Bevölkerung im harten und herzlosen Politikbetrieb bewahrt haben. In guter Erinnerung sind hier die Witze Gysis über seine eigene Körpergröße oder Peter Altmaiers über seine Körperfülle.

Studien zeigen, dass lustig präsentierte Inhalte auch Menschen ansprechen, die wenig Interesse an Politik haben. Politischer Humor kann also auch eine inklusive Wirkung haben. Er ist aber keine Wunderwaffe. Zwar ist es Martin Sonneborn mit überdrehtem Humor gelungen, ins Europaparlament einzuziehen und junge Wähler für die Themen des Brüssler Politikbetriebs zu interessieren. Doch müssen Politiker in der Regel noch andere Qualitäten mitbringen, als ihr Publikum zum Lachen zu bringen.

Dass Comedians wie Grillo oder Gnarr ohnepolitische Vorkenntnisse und Klamaukwahlkämpfen erfolgreich waren, zeigt eine weitere Dimension von politischem Humor: Wenn die etablierte Politik mit ihren Entscheidungen sich in vielen Fällen (vermeintlich) von der Bevölkerung entfernt und mit technokratischer Härte sowie Alternativlosigkeitssemantik operiert, sind "Politclowns" (Peer Steinbrück über Grillo) verbal im Vorteil. Dass diese oft populistisch und wenig verantwortungsvoll sind, scheint für die Wahlentscheidung häufig zweitrangig zu sein.

Dass des Weiteren Satiresendungen, die sich über Politik lustig machen, im Begriff sind mehr Publikum zu finden, als Politik selbst, sollte politischen Akteuren zu denken geben. Selbst mehr Humor an den Tag zu legen, kann zwar erfrischend für die politische Debatte, aber nicht die einzige Lösung sein.

Lukas Daubner

promoviert in Organisationssoziologie an der Universität Bielefeld und lehrt am Lehrstuhl für politische Soziologie. (Foto: privat)