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International

Das europäische Missverständnis

Die europäische Kommunikation befindet sich in einem Teufelskreis. Auf die raren Vorschläge Griechenlands für effizientere Strukturen reagieren die Euro-Gläubiger mit teils formelhaften Vorgaben, die wiederum den Oxi-Widerspruchsgeist der Griechen befeuern. Eine Analyse der Griechenland-Debatte aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht.

von Caroline Rudolph

"Syriza" und "Oxi" sind zwei der am einfachsten auszusprechenden Worte der griechischen Sprache. Die akustischen Fehltritte, die dazu im deutschen Fernsehen zu hören sind – selbst von länger in Athen lebenden Korrespondenten – stehen exemplarisch für einen vernachlässigten Aspekt der Eurokrise: Sie ist eine Fallstudie für gescheiterte politische Kommunikation.

Das Problem einer fehlenden europäischen Debattenkultur – in der politischen Öffentlichkeit, den Medien, mit den Bürgern – in der Griechenland-Krise ist hier kürzlich bereits beleuchtet worden. Dies ist nicht die einzige kommunikative Herausforderung: Die enorme Komplexität des Themas, die nicht nur vertiefte Kenntnisse der Finanzökonomie voraussetzt, sondern zu dem die wenigsten Diskutanten einen echten persönlichen Bezug herstellen können, ist für einen öffentlichen Diskurs wenig geeignet. Exemplarisch sei der Wettbewerb um die exorbitante Summe in Euro-Krisen-Debatten genannt: Nicht nur ist jede real nachvollziehbare Größenordnung verloren gegangen. Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten medial genannten Zahlen irgendeinen Fehler aufweisen – sei es in der Höhe, dem Bezugs- oder Zeitpunkt, der Vergleichbarkeit bis hin zu komplett erfunden.

322.000.000.000 Euro: der Krieg der galaktischen Zahlen

Zwei Zahlen fehlen aber im öffentlichen Diskurs: Griechenlands Bruttoinlandsprodukt 2014 betrug 180 Milliarden Euro (Quelle: Eurostat) – 2015 muss das Land insgesamt Schulden in Höhe von 16 Milliarden Euro an EZB und IWF zurückzahlen; hinzu kommt die Refinanzierung von rund 15 Milliarden in sogenannte T-Bills, kurzfristigen Anleihen (Quelle: WSJ).

Zum Vergleich: Deutschland hatte 2014 ein BIP von 2.900 Milliarden Euro (Quelle: Eurostat) – überträgt man die griechische Situation auf Deutschland, so müsste es 2015 demnach 326 Milliarden Schulden zurückzahlen und fast noch einmal so viel refinanzieren. Bei aller wirtschaftlichen Stärke und soliden Haushaltslage – diese Forderungen zu erfüllen, wäre selbst für die Hüter der Schwarzen Null eine sehr große Herausforderung.

Lost in Translation

Wenig beachtet wurde bisher die Sprache, bekanntlich das zentrale Element jeder menschlichen Kommunikation: Von beiden Seiten wurde seit Beginn der Krise 2010 versäumt, eine gemeinsame Ebene sowohl linguistisch als auch politisch zu etablieren.

"Lost in Translation" zu sein, liegt teilweise in der Natur von Verhandlungen in der Europäischen Union, wenn nur einzelne die Arbeitssprache als Muttersprache haben. Dolmetscher und Übersetzer können nicht alles ausgleichen. Aktuell sickern Beschwerden aus den Kreisen der Troika durch, wonach sie rein sprachlich den politischen Geschehnissen in Athen kaum folgen sowie die korrekte Umsetzung der Reformen nur schwer kontrollieren könnten. Kaum jemand könne griechische Medien oder Gesetzesvorlagen lesen. Sollte dies stimmen, so erstaunt eine solche mangelnde kommunikative Professionalität extrem. Unter den EU-Beamten gibt es überproportional viele Griechen gemessen an der Einwohnerzahl; die griechische Diaspora ist akademisch international sehr gut vertreten. Ihre geringe Einbindung ist eine der vielen nicht genutzten Optionen für ein besseres inhaltliches und kommunikatives Management der Krise.

Sprache prägt wie nichts anderes das Bewusstsein. In ihren Konzepten drückt sich die Denkweise einer bestimmten Gruppe oder Gesellschaft aus; sie liefert das Gerüst für die Wahrnehmung und Konstruktion der Wirklichkeit. 

Beide Seiten betonen gerne, dass die Demokratie in Griechenland erfunden wurde. Abgesehen vom Begriff und Wahlverfahren sind die Sprache – und mit ihr die Denkweisen, Strukturen und das Recht des politischen Europas – von den Römern geprägt, in der Neuzeit von England und Frankreich. Griechenland war von diesem langen Entwicklungsprozess, den weite Teile der EU gemeinsam durchlebten, über Jahrhunderte abgeschnitten: Zuerst durch den Isolationismus beziehungsweise endlosen Existenzkampf von Byzanz, dann durch 400 Jahre Fremdherrschaft des Osmanischen Reichs.

Ideologische Differenzen

Der Syriza-Wahlsieg im Januar 2015 erhellte, dass Eurogruppen-Europäer und Griechen nicht dieselbe politische Sprache sprechen. In erster Linie führte man dies auf ideologische Differenzen zurück, da Tsipras die griechisch-nationalen Sprachbilder um den bekannten alt-linken Wortschatz anreicherte. Übersehen wurde jedoch, dass auch mit den im Auftritt ruhigeren Vorgängerregierungen in Athen ebenfalls keine wirkliche Verständnisebene vorhanden war.

Als Sprache der Levante ist Griechisch generell etwas pathetischer, blumiger, wortgewaltiger und manchmal brutaler als das technische Deutsch, analytische Englisch oder diplomatische Französisch. Hinter abweichenden Wortstämmen oder fehlenden Begrifflichkeiten verbirgt sich aber ein anderes Konstrukt der Wirklichkeit von Staat, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, als es die übrigen 90 Prozent der Eurozonen-Bürger im Grundsatz ähnlich verstehen, die aus der lateinisch geprägten Sprachwelt kommen.

Nationale Aufwallungen gibt es überall während Wahlkampagnen. Begriffe wie "Würde", "Stolz" oder "Demütigung" sind im Rest Europas, nicht nur bei den national zurückgenommenen Deutschen, jedoch keine Kategorien im politisch-parlamentarischen Diskurs – besonders wenn es um Finanzfragen geht. In Griechenland hingegen liegt der Kern des Selbstverständnisses darin.

Das Trauma der Fremdherrschaft sowie der im modernen Nationalstaat seit 1821 immer wieder stattgefundenen Eingriffe größerer Mächte – je nach Periode Großbritannien, Russland, Deutschland oder die USA – in die griechische Innenpolitik wirken nach. Das Gefühl des Ausgeliefertseins, das eigene Land nicht wirklich selbst gestalten zu können und die als Gegenreflex auftretende starke Betonung des Nationalen gewinnt gerade in Krisenzeiten schnell die Oberhand.

Oxi – das Nein als politisches Fundament

Spätestens mit dem Ergebnis des Referendums ist deutlich geworden, wie stark sich Griechenland und seine Politik über das Nein definiert. Die Nation im "Nein" gegen etwas von außen zu vereinen, damit nutzte Tsipras geschickt die vertrauteste, positiv besetzte Strategie aus der eigenen Geschichte.

Das moderne Griechenland hat seine Identität entwickelt aus dem Kampf gegen etwas: die Türkenherrschaft, die deutsche Besatzung, die Monarchisten, die Kommunisten, die Junta der Obristen, die Troika. Hingegen ist es kaum gelungen, die griechische Politik und Gesellschaft im Einsatz für etwas zu gewinnen und im Aufbau zu einen. Sei es in den Befreiungskriegen 1821 bis 1831, wo militärische Erfolge gegen die Türken im Kampf rivalisierender Fraktionen über die Ausgestaltung des neuen Nationalstaats direkt wieder verspielt wurden. Oder 1944, wo der Kampf gegen die deutsche Besatzung direkt in den Bürgerkrieg bis 1949 zwischen Monarchisten und der linken Volksfront mündete.

Das Nein zum Programm der Europäer war jetzt sehr deutlich; wofür hingegen die Regierung Tsipras inhaltlich jenseits der Forderung nach einem Schuldenschnitt stand und was das "demokratische und solidarische Europa" konkret bedeuten soll, blieb unscharf. Hört man die ersten Statements des aktuellen Wahlkampfs für die erneuten Parlamentswahlen am 20. September sind diese wiederum vom "Nein" geprägt – dem Versprechen an die Wähler, die für das dritte Rettungspaket vereinbarten Reformen möglichst nicht eins zu eins umzusetzen. 

Ein kommunikativer Teufelskreis

Das Griechische verzichtet auf den in westeuropäischen Sprachen omnipräsenten Begriff Struktur – darin spiegelt sich, dass das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche System auf einer anderen Grundannahme basiert. Es ist sehr viel kleinteiliger, individualistischer, klientelistischer organisiert – dadurch weniger nachhaltig und effizient, dafür an unerwarteten Punkten flexibler.

Auf Druck der Euro-Gläubiger wurde in Griechenland seit 2010 eine Reihe von Reformen umgesetzt, die Strukturen verändert oder geschaffen haben. So sind beispielsweise auf Empfehlung der OECD die rund 130 verschiedenen Rentenkassen zu sechs größeren Rentenmodellen zusammengefasst worden. Andere, von außen betrachtet eher einfache Maßnahmen – der Aufbau eines Katasters oder einer unabhängigen Statistikbehörde – unterblieben. Aus dem griechischen System heraus kamen kaum Anstöße zu strukturellen Veränderungen, teils aus politischer Opportunität, aber vor allem weil dies kein geläufiges Sprach- und Denkmodell ist. Bezeichnend ist, dass in Fällen, wo eine möglichst exakte Erfüllung von EU-Erwartungen gefordert war – beim Euro-Beitritt 2000, jetzt die Details des dritten Rettungspakets – Experten aus den USA und Frankreich hinzugezogen wurden, um diese zu formulieren. Deutlich wird dies auch an den de facto nicht stattfindenden Diskussionen in der politischen Arena in Griechenland über die Notwendigkeit und Ausgestaltung des Aufbaus tragfähiger wirtschaftlicher Strukturen, die der eigentlich entscheidende Faktor zur Überwindung der Krise wären. 

Die letzten beiden Faktoren haben zu einem veritablen Teufelskreis geführt: Von griechischer Seite kommen wenige eigene Vorschläge für neue, effizientere Strukturen, die Euro-Gläubiger reagieren mit teils formelhaften Vorgaben, die wiederum den Oxi-Widerspruchsgeist der Griechen befeuern.

Nach fünf Jahren Rettungsprogrammen ist nicht nur die politische und finanzielle Lage zwischen der Eurogruppe und Griechenland desolat – auch die Kommunikation ist tiefgreifend gestört, oft fällt das Adjektiv "vergiftet". Differenzen auf der Inhaltsebene sind der politische Normalfall – in der Euro-Krise kommt eine massive Störung der Beziehungsebene dazu. Eine funktionierende politische Kommunikation herzustellen, in der Botschaften ankommen und verstanden werden, ist eine weitere Baustelle, die bei der Sanierung des Hauses Europa eingerichtet werden muss.

Caroline Rudolph

entwickelt als gelernte Kommunikationswissenschaftlerin Programme und Maßnahmen in der politischen Bildung, vor allem zu Themen im Kontext der Europäischen Union und der transatlantischem Beziehungen. Seit ihrer Kindheit hat sie immer wieder in Griechenland gelebt und kennt das Land nicht nur aus historischen Studien, sondern aus der realen Entwicklung in der griechischen Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. (Foto: Privat)