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Clash der Clans

Die Politiker Schottlands rüsten sich für die finale Schlacht: das Unabhängigkeits­referendum im Jahr 2014. Gegner und Befürworter stehen sich wie verfeindete Stämme gegenüber.

Von David Torrance

Das Oxford-Wörterbuch beschreibt Stammessysteme als „geprägt von starker Loyalität innerhalb der Gruppe.“ Gerne würde man den Autoren des Wörterbuchs eine gesonderte Definition für das schottische politische Stammessystem vorschlagen. Sie könnte lauten: „Siehe oben, nur sehr viel emotionaler.“ Ob Nationalist, Labour oder Konservativer – wenn man in Schottland zu einer dieser Gruppen gehört, gleicht das der Zugehörigkeit zu einem der alten Clans. Schottland steht vor einem Referendum über seine Unabhängigkeit im Jahr 2014, und das könnte die Intensität der Stammesbindungen in der nächsten Zeit noch deutlich steigern.
Der ehemalige Spitzenkandidat der schottischen Konservativen Murdo Fraser erklärt, was die Politik in seinem Land so besonders macht: „Die Eigenheit Schottlands liegt in seiner eng vernetzten Gesellschaft. Man ist extrem loyal gegenüber dem Regional-Parlament, und man wird sehr laut, sehr persönlich und abwertend gegenüber denen, die nicht die eigene Sichtweise teilen. Die Schotten nutzen jede Gelegenheit, um ein Problem zu personalisieren. Und es wird schlimmer: Für viele Mitglieder des schottischen Parlaments kommt nun eine einmalige Chance, für die Unabhängigkeit zu kämpfen, eine Chance, die sie nur einmal im Leben haben. Die Debatte ist daher im Laufe der Jahre immer hitziger geworden.“
Ein Streit Anfang dieses Jahres gab einen Einblick in die Stammeskämpfe schottischer Politiker: Verärgert über Premierminister David Camerons Einflussnahme auf die schottische Politik twitterte die schottische Parlamentarierin Joan McAlpine von der linksliberalen Scottish National Party (SNP), dass es bedeute, „gegen Schottland“ zu sein, wenn Politiker aus London sich in das Unabhängigkeits-Referendum des schottischen Parlaments „einmischen“ würden. Das gelte auch für die „Ablehnung der britischen Regierung, den Schotten mehr Rechte zu übertragen.“

Spaßbefreit

Auch wenn der Tweet wieder entfernt wurde, so zeigte McAlpine doch keine Reue, als der konservative Politiker Jackson Carlaw ihr „eine Form des politischen Rassismus“ vorwarf. Wie man vermuten könnte, hatte es dabei nicht sein Bewenden: Tom Harris, der Social-Media-Guru der schottischen Arbeiterpartei, unterlegte eine Szene des Films „Der Untergang“ mit erfundenen Dialogen, wie es derzeit ziemlich viele Spaßvögel tun, und veröffentlichte das Video auf Youtube. Es zeigte Hitler, der sich als schottischer Regierungschef über McAlpines „anti-schottische Äußerungen“ echauffierte. Obwohl Ex-Premier Gordon Brown wie Sir Alex Ferguson (beide Schotten) gleichermaßen veralbert wurden, bombardierten aufgebrachte Nationalisten Harris mit Vorwürfen. McAlpine spottete, Harris habe die Szene wohl mit seinem „Schlafzimmer-Computer“ bearbeitet. Sie wetterte, dass das Video zu einem nicht witzig sei (Stammesvertreter verstehen selten Spaß), und zum anderen impliziere es, dass das schottische Parlament aus Nazis bestünde und ihr Anführer Alex Salmond „der Führer“ sei. Es ist bezeichnend, dass es im schottischen Parlament immer wieder Anspielungen auf den Nationalsozialismus gibt. Erst kürzlich bezeichnete Ian Davidson, ein Abgeordneter der Labourpartei, die politischen Gegner als „engstirnige, neo-faschistische Nationalisten“.
Politik in Schottland ist immer persönlich und vielschichtig. Es gibt ein altes Sprichwort, das besagt, dass es neben der britischen und schottischen Politik noch die Glasgower Politik gäbe. Die schottische Politik ist eine kleine Welt, in der jede Partei eine relativ schmale Mitgliederbasis hat. Die größte, das ist die SNP, hat über 21.000 Mitglieder.
Die meisten der älteren Aktivisten und Volksvertreter sind schon eine ganze Weile im Amt. Während Ed Miliband und David Cameron vielleicht eine Handvoll ihrer Gegner persönlich kennen, bekriegen sich in Schottland der Nationalist Alex Salmond und Johann Lamont (Labour) schon seit Jahrzehnten. Die politische Kultur in London ist ganz anders: Im Westminster-Palast, dem Parlamentsgebäude an der Themse, treffen sich Konservative, Mitglieder der Labourpartei und Liberale als Gleichgestellte. Auch wenn sie politisch auf keinen gemeinsamen Nenner kommen, halten sie sich an die Regeln eines ehrwürdigen alten Spiels. Ihre Parteichefs entstammen immer demselben sozialen Milieu, der städtischen Elite. Auch wenn sie sich womöglich ebenso „stammesbewusst“ verhalten wie die schottischen Regionalpolitiker, so begegnen sie sich doch stets mit einem Lächeln im Gesicht.

Neue Konkurrenten

In Schottland hingegen besteht die Parteispitze aus äußerst verschiedenen Charakteren, die oftmals aus weniger privilegierten Verhältnissen stammen und viel schneller emotional reagieren. Ein weiterer entscheidender Faktor ist ideologisch bedingt: Üblicherweise wetteifert die Arbeiterpartei nicht mit den Konservativen um die gleichen Stimmen. In Schottland jedoch kämpft die SNP mit der Labour-Partei um identische Wählerschichten. Als die Nationalisten in den 60ern und 70ern populär wurden, konnten die Mitlieder der Labour-Partei sie noch als „Schottenrock tragende Konservative“ belächeln. In den 80ern jedoch, als die Partei unter der Führung von Salmond eine sozialdemokratische Philosophie entwickelte, wurde der Labour-Partei bewusst, dass sie Konkurrenz bekommen hatte. Und wenn ein Stamm unter Beschuss gerät, neigt er dazu, zurückzufeuern.
Einen großen Unterschied macht in Schottland jedoch die „nationale Frage“. Seit die Frage der Unabhängigkeit den politischen Diskurs um 1970 erstmals bestimmte, hat die oft prosaische Debatte über Schottlands konstitutionelle Zukunft neuen Aufwind erfahren. In den 80ern entwickelte sich die landläufige Meinung, Margaret Thatcher sei anti-schottisch. Der heutige britische Bildungsminister Michael Gove sagte einmal über diese Zeit: „Du konntest nur dann ein wahrer Schotte sein, wenn du für das schottische Parlament und gegen Thatcher warst.“
Anfangs schienen die schottischen Nationalisten allenfalls für die Konservativen ein Thema zu sein, die sie belächelten, doch wurden nun sie nun zur Herausforderung für alle Gegner. In diesem Zusammenhang ist auch der Tweet von McAlpine zu sehen, die sich derselben Sprache bediente, die mitunter auch die Labour-Partei verwendet.
Auch wenn im Stammeswesen Überläufe von einem Stamm zum anderen durchaus vorkommen, zieht dies oftmals ein jahrelang anhaltendes Misstrauen nach sich. Dass der frühere Labour-Ministerpräsident Jim Sillars und sein Protegé Alex Neil sich dazu entschlossen, der SNP beizutreten, liegt Jahrzehnte zurück. Und dennoch werden sie von einigen Nationalisten noch heute verdächtigt, sich als Gewerkschafts-U-Boote in die Partei geschummelt zu haben, um diese von innen heraus zu zerstören.

Exzessiver Zoff

Ironischerweise hat die schottische Politik den Ruf, konsensorientiert zu sein. So saßen sich in den 80ern und 90ern bürgerliche Schotten, die Labour-Partei, die Liberalen und die Scottish Constitutional Convention (SCC) gegenüber, um die Blaupause für das, was einmal das schottische Parlament werden sollte, zu zeichnen. Obwohl die Parteien sich auf manches einigen konnten – etwa darauf, die Wahlkampfkosten niedrig zu halten – zeigte sich doch, dass sie inhaltlich letztlich ziemlich weit auseinander lagen. Manch einer hatte sich das Schottische Parlament als ein Ort voller Denker und würdiger Figuren vorgestellt, das beweisen würde, wie wundervoll egalitär das „neue Schottland“ sei. Die ersten regionalen Wahlen im Jahr 1999 zeigten jedoch dann, wie abenteuerlich diese Vorstellung gewesen war: Die Stämme zofften sich exzessiv. Das bürgerliche Schottland hatte die Hartnäckigkeit des Stammesbewusstseins unterschätzt. Sogar jetzt, da Schottlands drei Stämme sich darauf vorbereiten, den Nationalisten beim Referendum entgegenzutreten, weigert sich Jim Murphy von der Labour-Partei, das politische Parkett mit jemandem im „Schottenrock“ zu teilen. Leider habe ich aus erster Hand erfahren, wie kompromisslos schottische Politiker sein können: Im Jahr 2005 habe ich eine Auszeit vom Journalismus genommen, um als Wahlkamphelfer für David Munchell zu arbeiten, der zum damaligen Zeitpunkt der konservative Ministerpräsident Schottlands war. Ich hatte simple Aufgaben: Ich kümmerte mich um den Wahlkreis, schrieb Pressemitteilungen und erledigte, was sonst so anfiel. Ich trat den Konservativen aber nicht bei, und es bat mich auch niemand, es zu tun. Der Reaktion meiner ehemaligen schottischen Pressekollegen nach zu urteilen, hätte man allerdings meinen können, ich wäre der rechtsextremen National Front beigetreten.

„Verräter“ und „Lügner“

Alf Young, der damals Wahlkampfleiter der schottischen Labour-Partei gewesen war, hatte in den frühen Achtzigern eine ähnliche Erfahrung gemacht. Angewidert von den Ränkespielen innerhalb der Labour-Partei beendete er seine Karriere, um beim „Glasgow Herald“ anzuheuern. Dies ist lange her, und dennoch: „Auch heute noch werde ich als Labour-Mann gesehen“, sagt er. „Meine Unabhängigkeit, die ich bereits vor 30 Jahren unter Beweis gestellt habe, wird immer noch in Frage gestellt“, sagt er. „Obwohl ich die Strategien der Labour-Partei in der Zeitung schon oft kritisiert und andere Parteien gelobt habe, ordnen mich die Leute einem bestimmten Stamm zu.“ Der nationalistische Stamm attackiert Alf meistens online, über die Kommentarfunktion der Homepage der Zeitung „The Scotsman“, für die er inzwischen schreibt.
Tatsächlich hat das Aufkommen der Sozialen Medien dafür gesorgt, dass der Stammeskampf nun verstärkt online ausgetragen wird. Der ehemalige Politik-Journalist Douglas Fraser, heute Wirtschafsredakteur von BBC Schottland, beschrieb dieses Phänomen als „Zusammenspiel von Anonymität, Gruppen-Psychologie und Mobbing“. In der schottischen Politik ist dies aber ohnehin Alltag. Der Chef der schottischen Arbeiterpartei Iain Gray stimmte seine Parteifreunde denn kürzlich in einer Rede auf die große Schlacht um das Referendum ein und warnte davor, dass „Heimblogger“ sie als „Verräter“, „Betrüger“, „Schoßhündchen“, „Lügner“ und Schlimmeres bezeichnen würden.
Das für Herbst 2014 anstehende Unabhängigkeits-Referendum wird die Konflikte weiter intensivieren. Die Stämme genießen die Aussicht auf einen Kampf, bei dem es um alles oder nichts geht. Das politische Stammessystem Schottlands rüstet sich für den finalen Krieg, der möglicherweise für ein Ende aller Kämpfe sorgen wird.

Dieser Artikel erschien zuerst in englischer Sprache in „Total Politics“, dem britischen Partner-Magazin von p&k.