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Bunt, blau und zynisch

Sie prägen das Straßenbild während des Wahlkampfs an Rhein und Ruhr: die Wahlplakate. Achim Schaffrinna, Designer und prämierter Blogger, hat sich die Wahlwerbung der Parteien einmal genauer angesehen.

Von Achim Schaffrinna

CDU – „stabil“ nur im Schriftbild

„NRW muss stabil bleiben“, mit dieser Aussage geht die CDU in den Wahlkampf. Wenig stabil ist zumindest die Gestaltung der Wahlplakate, denn auffällig ist die Unterschiedlichkeit von Großplakat und Themenplakat schon. Während Ministerpräsident Rüttgers grobkörnig in schwarzweiß und durchaus fotografisch gekonnt in Szene gesetzt wird, sind die Themenplakate allesamt blau gehalten. Auch zwei unterschiedliche Absender zieren jeweils am unteren rechten Bildrand die Plakate. Man fragt sich, ob die Verantwortlichen tatsächlich aus Gründen der Gestaltung die NRW-Farben Grün-Weiß-Rot auf dem Großplakat gestrichen haben. Oder wollte man gar die Kosten für die dritte Farbe beim Druck einsparen? Kaum vorstellbar. Die Plakate sehen jedenfalls aus, als stammten sie von unterschiedlichen Agenturen. Wieso muss ich bei den blauen CDU-Plakaten eigentlich ständig an Wick denken? Sei‘s drum.
Stabiler ist die Gestaltung in Bezug auf die Typographie, denn hier kommt die Hausschrift „Kievit“ zum Einsatz. Beständig ist die CDU auch in Bezug auf die verwendeten Schlagwörter. „Arbeit. Kinder. Sicherheit.“ Darauf ist Verlass.

SPD – bunt wie nie

Hannelore Kraft ist als Spitzenkandidatin im Einsatz für die SPD, darum sieht man sie auf Plakaten. Bemerkenswert ist bei der Kampagne der SPD der Umgang mit Farben. So bunt sah man die SPD wohl noch nie. Wer gestalterische Vielfalt sucht, kommt hier auf seine Kosten. Wenn die SPD so viele Stimmen erhalten würde, wie sie Farben in ihrer Kampagne verwendet, gewänne sie die absolute Mehrheit. Stimmenjagd mit dem Farbfächer: Wenn‘s so einfach wäre. Die Wirksamkeit von Wahlplakaten ist kaum messbar. Weder lässt sich benennen, ob oder welchen Einfluss sie auf ein Wahlergebnis ausüben, noch lässt sich herausfinden, ob beispielsweise ein gut gestaltetes Plakat mehr Wähler zu mobilisieren im Stande ist, als ein mieses Design.
Zumindest machen die SPD-Plakate die Straßenzüge bunter. Handwerklich kann man den Plakaten nichts ankreiden. Die Hausschrift „Thesis“ macht in kurzen Sätzen ihren Job. War der SPD-Würfel zur Bundestagswahl rechts oben positioniert, sitzt er diesmal einheitlich auf der linken Seite. Ein Schelm, wer darin eine Koalitionsaussage zu erkennen glaubt.
Mit einem schräg gesetzten weißen „Störer“ wird (erstmals?) ein neues Gestaltungselement genutzt. Der jeweils erste Begriff einer Aussage wird mit Hilfe der weißen, schattierten Fläche besonders hervor gehoben. Auf einem der Plakate heißt es: „Sicherheit Für ein NRW ohne Atomkraft“. Wohl ein Flüchtigkeitsfehler, denn ansonsten werden doch alle anderen Sätze klein weiter geschrieben.

FDP – kontinuierlich langweilig

Aufstieg im Aufsteigerland NRW. Geht es nur mir so? Die Verwendung des Begriffs „Aufstieg“ klingt in meinen Ohren wie ein Bekenntnis zur Bewahrung einer Klassengesellschaft. Dort, wo jemand aufsteigt, muss irgendwer anders ab- oder aussteigen. Das ist im Beruf so, und auch in der Fußball-Bundesliga sorgt dieses Prinzip für Bewegung. Wäre ja noch schöner, wenn alle oben mitspielen könnten. Sicherlich bleibe ich an diesem Begriff auch deshalb kleben, weil die Gestaltung recht wenig Angriffsfläche bietet. Zwischen der typisch liberalen gestalterischen Schonkost fällt lediglich eine diffuse Form im Absender auf. Der Umriss von Nordrhein-Westfalen macht stilistisch auf Expo-2000-Logo. Ansonsten gibt es mit blauer Schrift auf gelber Fläche keine Überraschungen. Die FDP steht für Kontinuität, denn die Gestaltung ist kontinuierlich langweilig.

Die Grünen – Zynismus mit Augenzwinkern

Vergleichende Werbung in der Politik ist zumindest unterhaltsam. Zuletzt sorgte die SPD mit ihren Motiven zur Europawahl für Aufregung, mit denen man den politischen Gegner anging. Weniger der brillante Illustrationsstil war es, der bei vielen Menschen für Verstimmung sorgte, sondern vielmehr der politische Stil. Das Unterstellen der Fehler Anderer ist einfach weniger elegant als die Hervorhebung eigener Stärken. Nun schlagen die Grünen in NRW in die gleiche Kerbe. Einige der Themenmotive sind als Vorwurf an die amtierende Landesregierung konzipiert. Mit einer Aussage wie: „A, B, CDU – Und raus bist Du“, gesetzt in Versalien und der Hausschrift „Benton Sans Condensed“, übt man sich in Zynismus, wohl mit einem Augenzwinkern.
„Macht mehr möglich“ ist das Motto der Kampagne, in der Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann ohne eigenes Motiv auskommen muss. Anders als die Plakate zur Bundestagswahl mit ihrem Airbrush-Look, erscheinen die NRW-Motive „cleaner“; zwar nicht langweilig, aber doch gewöhnlicher. Die dargestellte Form der Verquickung der Themen „Arbeit“ und „Natur“, erscheint mir ein cleverer Zug zu sein.
Was sich bei einem Firmenlogo fast schon verbietet – gemeint ist das Ersetzen eines Buchstabens, in diesem Beispiel ein „A“, durch eine Bildmarke –, ist in diesem Fall eine gute Gestaltung, weil es nämlich zwei komplexe Themen leicht verständlich und vor allem schnell zu einem Lösungsansatz verdichtet. Gerade Wahlplakate müssen bedarfsgerecht aufbereitet sein, sprich: Die Botschaft muss in drei Sekunden ihren Rezipienten gefunden haben. Darüber hinaus sind die Plakate der Grünen handwerklich solide.
Auch bei den Grünen kann man „Mein Plakat“ erstellen, ein Trend, mit dem man offensichtlich den Plakatmixern, die zugegebenermaßen eher die Konservativen auf dem Kieker haben, den Wind aus dem Segel nehmen möchte.

Die Linke – ein bisschen Revolution

Wie hält es Die Linke mit der Mobilisierung zur NRW-Wahl? Gestalterisch bleibt man der Linie treu, mit der man schon zur Bundestagswahl 2009 auf Wählerfang ging. Die Plakate sind rein typografisch angelegt, kommen also ohne Motive aus. Dabei nutzt man die Schriftart „Helvetica“, die auch von der CDU verwendet wird. Wohl eine der wenigen Gemeinsamkeiten beider Parteien. Die sehr eng gestellte und fette Form der schwarzen Buchstaben, in Kombination mit der scharf abgesetzten roten und weißen Fläche, lässt die Plakate fast aggressiv erscheinen. Das Ausrufezeichen hinter jeder Überschrift ist eigentlich gar nicht notwendig. Die Gestaltung selbst unterstreicht jede einzelne Forderung. Stilistisch ist das sehr hart, vor allem im Vergleich zu den farbenfrohen SPD-Plakaten. Vielleicht passt dies ja zum politischen Stil, der vom Sozialismus getrieben wird. Ein bisschen Revolution schwingt beim Image der Linken halt immer mit.
Laut wirken die Plakate auch deshalb, weil die Farbkombination Schwarz, Weiß, Rot alles andere als unbelastet ist, prägten sie doch als „Reichsfarben“ eine dunkle Zeit der deutschen Geschichte. Es ist immer eine Gratwanderung, sich im politischen Umfeld dieser Farben zu bedienen. Aufmerksamkeitsstark sind sie die Plakate in jedem Fall. NRW-spezifisch sind die Motive allerdings lediglich in Bezug auf eine Überschrift: „RWE und E.ON entmachten!“ heißt es da. Ob die Bürger in NRW auf die weiteren, eher allgemeingültigen Forderungen wie „Raus aus Afghanistan!“ ansprechen? Wir werden es am 9. Mai erleben.

Achim Schaffrinna

ist Diplom-Designer und als Leiter Design bei den Online-Medien des Madsack-Verlags tätig. In seinem Blog designtagebuch.de berichtet er seit vier Jahren über das Thema Gestaltung und erhielt 2009 den Grimme-Online-Award in der Kategorie „Wissen und Bildung“.