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Politik

Britische Konservative: ein Untergang auf Raten

Die Tories haben bei der Abstimmung über den Brexit ihren letzten und vielleicht größten Sieg gefeiert. Doch dieser kommt nun wie ein Bumerang zurück, indem junge und liberale Mitglieder die Partei in Scharen verlassen und so deren Kampagnenfähigkeit bedrohen.

von Aljoscha Kertesz

Der konservative Thinktank Bow Group schlägt Alarm. Durch massenhafte Parteiaustritte, Überalterung der Mitglieder und mangelnde Partizipation bei Aufstellungsverfahren seien die Tories akut gefährdet, dauerhaft den Anschluss an Labour zu verlieren. Diese Erkenntnisse basieren auf den Recherchen des ältesten konservativen Thinktanks in Großbritannien, in dem europaskeptische Abgeordnete und ehemalige Minister wie John Redwood, Norman Tebbit, Peter Lilley und Bill Cash den Ton angeben. In einer Pressemitteilung mahnten sie eindringlich zu Parteireformen und einem Schwenk nach rechts. Unbestritten ist, dass sich die Konservativen gerade auf dem absteigenden Ast befinden. Es ist jedoch fraglich, ob ein Rechtsruck die erhoffte Trendwende bringen wird.

Austrittswelle bei den Konservativen

In den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatten die Tories noch 2,8 Millionen Mitglieder, so viele wie keine andere Partei in Europa. Es waren die goldenen Jahre der erfolgreichen Premierminister Winston Churchill (1951-1955) und Harold Macmillan (1957-63). Als Margaret Thatcher, die Ikone der Konservativen, das Land regierte, waren es noch mehr als eine Millionen Mitglieder. Unter David Cameron und Theresa May haben die Konservativen seit 2005 zwei Drittel ihrer Mitglieder verloren.

Die Masse an Austritten ist so besorgniserregend, dass die Tories seit mehr alles vier Jahren keine Mitgliederzahlen mehr veröffentlichen beziehungsweise Presseanfragen dazu beantworten. Die letzten bestätigten Quellen stammen aus Dezember 2013. Damals verfügte die Partei von David Cameron über 150.000 Mitglieder. Die Bow Group geht nun von einem Verlust von 50.000 Mitgliedern in den vergangenen vier Jahren aus.

Damit wäre die alte Dame auf Platz vier zurückgefallen. Denn bei  fast allen im Parlament vertretenen Parteien, lassen sich entgegengesetzte Entwicklungen feststellen. Mit einer stark gegen den Brexit ausgerichteten Mitgliederkampagne wuchsen die Liberalen in den vergangenen zwei Jahren um mehr als 20.000 Mitglieder, sodass sie wieder knapp sechsstellig sind. Ein noch stärkeres Wachstum verzeichneten Labour und schottische Nationalisten. Beflügelt vom schottischen Unabhängigkeitsreferendum verbuchte die Scottish National Party einen Zuwachs auf 118.000, siebenmal mehr als noch 2010.

Dank dem Altlinken Jeremy Corbyn, der es, getragen von der linken Graswurzelbewegung Momentum, an die Spitze von Labour schaffte, verzeichnete die Partei einen regelrechten Boom. Seit Ende 2015 sind mehr als 380.000 neue, zumeist junge Aktivisten zur Partei gestoßen. Die Entwicklung hat eine Eigendynamik angenommen, insgesamt verfügt Labour derzeit über mehr als eine halbe Millionen Mitglieder.

Die Brexit-Gegner verlassen die Partei

Der starke Rückgang ist das eine Problem der Konservativen, doch es gesellt sich ein zweites hinzu. Der Politologe Tim Bale von der Queen Mary University of London hat insbesondere eine Austrittswelle von Parteimitgliedern festgestellt, die gegen den Brexit sind. Moderate, liberale Konservative, die mit der starren Fokussierung auf den EU-Austritt, wie sie von der aktuellen Parteiführung betrieben wird, nichts anfangen können.

Vom modernen Anstrich, den David Cameron Anfang des Jahrtausends mit seiner liberalen Clique seiner Partei verabreichte, ist wenig übrig geblieben. Es war der Versuch einer urbanen Elite, die Traditionspartei fit für das 21. Jahrhundert zu machen. Doch für liberale Kräfte wie die ehemalige Bildungsministerin Nicky Morgan ist derzeit kein Platz im Kabinett. George Osborne, der einflussreiche ehemalige Finanzminister und Vordenker der Gruppe, verließ die Politik und setzt als Herausgeber des "London Evening Standard" der konservativen Regierung mit seiner harschen Kritik zu.

So könnte sich der vermeintliche Sieg bei der Abstimmung über den Brexit im Nachhinein als der Anfang vom Ende der Partei erweisen.

Überalterung führt zu Problemen bei der Mobilisierung

Die massenhaften Austritte treffen die Konservativen im Mark. So ist der Altersdurchschnitt in den letzten Jahren um rund zehn auf nunmehr 72 Jahre angewachsen. Zum Vergleich: Statista errechnete Ende 2016 das Durchschnittsalter der Mitglieder der beiden Volksparteien CDU und SPD auf 60 Jahre.

Dass es anders gehen kann, beweist ein Blick auf Labour. Die Parteieintritte junger und hochpolitisierter Momentum-Mitglieder haben dazu geführt, dass sich der Altersdurchschnitt bei Labour seit 2015 um elf Jahre verringert hat.

Tim Montgomerie, Journalist und Gründer der einflussreichen Webseite "Conservative Home", sieht dringenden Handlungsbedarf. In Abgrenzung zu den roten Aktivisten von Labour und in Anspielung an die Parteifarbe Blau fordert Montgomerie zur Wiederbelebung der Tories die Gründung einer "Blue Army", einer blauen Armee von aktiven Parteimitgliedern.

Labour liegt seit einem halben Jahr konstant in allen Umfragen vor den Tories. In der gegenwärtigen Konstitution werden es die Konservativen ohne eine erfolgreiche Mitgliederkampagne bei zukünftigen Wahlkämpfen schwer haben. Denn während der Häuserwahlkampf in Deutschland erst seit einigen Jahren wieder modern wird, ist er in Großbritannien ununterbrochen das gängigste Mittel der Mobilisierung im Wahlkampf. Ein Heer an Rentnern über 70 Jahren mag motiviert sein, das Land aus der EU zu führen. Es wird in zukünftigen Wahlkämpfen jedoch zunehmend an seine physischen Grenzen stoßen.

Aljoscha Kertesz

ist Berater für Public Relations und Public Affairs. (Foto: Claus Morgenstern)