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Foto: Marco Urban

Bremer Patriot

Lange nichts gehört! Als „Oma-Knutscher“ wurde Henning Scherf (SPD) bundesweit bekannt. Doch der frühere Bremer Bürgermeister ist viel mehr: ein Politiker von Format und mit Überzeugungen.

von Christian Lipicki

Geduldig antwortet Henning Scherf auf die Fragen. Doch plötzlich wird der frühere Bremer Bürgermeister energisch: „Denken Sie nicht, ich war von Anfang an populär“, sagt der heute 75-Jährige. „Ich musste mir das erarbeiten.“ Das stimmt zwar und ist doch eine Untertreibung.

Scherf ist den Menschen immer nahe gewesen. Noch heute erzählt man sich in Bremen, wie er ohne Personenschützer und Limousine seine Termine absolvierte – einfach per Fahrrad. Und wie er für Dienstreisen selbstverständlich den Zug nutzte. Oder wie er auf dem Marktplatz Passanten ansprach. Sein Biograf Volker Mauersberger schreibt, dass Scherf noch wisse, wo die Leute der Schuh drückt.

Mit dieser Einstellung macht Scherf 34 Jahre hauptberuflich Politik in seiner Heimatstadt, davon 27 Jahre in der Landesregierung und zehn Jahre als Bürgermeister. Bremen ist das einzige Bundesland, in dem die SPD seit Kriegsende durchgehend regiert. Er hat seinen Anteil daran.

Als Kind erlebt Scherf bewegte Zeiten. Am 31. Oktober 1938 in Bremen geboren, bekommen er und seine fünf Geschwister bald den Krieg zu spüren. Das Haus der Eltern wird ausgebombt, der streng protestantische Vater mit Kontakten zu Widerstandskreisen mehrfach verhaftet. Das prägt ihn.

Wie auch später die Zeit in Villigst bei Schwerte, wo er mit 20 Jahren als Stipendiat des Evangelischen Studienwerkes sein Studium beginnt. „Wir lebten zu viert auf einer Bude und im ersten Halbjahr mussten wir in der Ruhrindustrie arbeiten“, sagt er. In einer Kettenfabrik erlebt er, wie hart das Arbeiterleben ist, aber auch, „dass sich dort jeder auf jeden verlassen konnte“.

Mit 22 Jahren heiratet er seine Jugendliebe Luise. Ein Jahr später wird das erste ihrer drei Kinder geboren. Zeit seines Lebens bleibt sie „mein Korrektiv“, wie er sagt. „Ich neige zu Begeisterungsausbrüchen, meine Frau ist analytischer.“ Zügig studiert Scherf Jura und Sozialwissenschaften in Freiburg, Berlin und Hamburg. 1968, fünf Jahre nach Abschluss des Studiums, promoviert er und wird Justiziar beim Bremer Innensenator. Da ist er 30.

1971 zieht er für die SPD, der er 1963 beigetreten ist, in die Bürgerschaft ein. Spätestens ab 1972, als er Landeschef der SPD wird, ist Scherf aus der Bremer Politik nicht mehr wegzudenken. „Das war für mich eine große Überraschung“, sagt er. Denn der große Mann der Bremer SPD, Hans Koschnick, hatte nichts mit ihm abgesprochen. 1978 tritt Scherf als Senator in die Landesregierung ein.

Der linke SPD-Politiker bleibt streitbar. Mal warnt er, dass die SPD zu einem Kanzlerwahlverein werde. Dann wieder bricht er nach Nicaragua auf, um seine Solidarität mit der linksgerichteten Revolution zu zeigen. Und doch ist es Scherf, der nach der SPD-Wahlschlappe bei der Bürgerschaftswahl 1995 als Bürgermeister ein schweres Erbe antritt und mit der CDU eine Koalition schmiedet, die seine Amtszeit überdauert.

Eine politische Ehe, die ihm „anfangs nicht leichtgefallen ist“, aber die sich durch pragmatische Arbeit – beispielsweise in der Wirtschaftsförderung – bewährt. „Wir haben Bremen aus einer fast perspektivlosen Lage geführt, die auch aus der Situation des Stadtstaates resultiert.“

Viele Jahre ist Scherf im Präsidium der Bundes-SPD, strebt aber kein Ministeramt auf Bundesebene an. Er wirkt glaubhaft, wenn er sagt: „Ich hatte das Glück, mein Leben in Bremen leben zu können. Das war mir genug.“

67-jährig tritt Scherf freiwillig als Bürgermeister ab, um „noch ein Leben nach der Politik zu haben“. Unpolitisch ist er aber nicht geworden. Das Altern wird sein Thema. 2006 kommt sein Buch „Grau ist bunt“ auf den Markt. Er schreibt an gegen die Angstmacher und erzählt von den schönen Seiten des Alterns. „Die Alten können viel selbst. Sie brauchen nur Hilfestellungen, die zuverlässig sind“, sagt er, der gemeinsam mit seiner Frau heute mit Freunden in einer Hausgemeinschaft in der Bremer Rembertistraße lebt. Dann blitzt Leidenschaft bei ihm auf: „Dem Thema muss sich die Politik mehr stellen.“ Ob sie will oder nicht.

Christian Lipicki

arbeitet heute in einem Bundesministerium. Er war zuvor Pressesprecher und ­viele Jahre lang Journalist. Für p&k schreibt er privat.