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„Berlusconi verkörpert ein Ideal“

Die Deutschen lieben Italien, doch seine politische Klasse ist ihnen oft ein Rätsel. Mit dem Politologen Paolo Mancini sprach p&k über Theatralik in der Politik, das Phänomen Berlusconi und was die Italiener von Angela Merkel halten.

Interview: Nicole Tepasse

p&k: Herr Mancini, erst ist Silvio Berlusconi wegen Steuerbetrugs verurteilt worden, dann hat er versucht, den italienischen Ministerpräsidenten Enrico Letta zu erpressen, scheiterte aber letztlich daran, dass seine eigenen Parteikollegen ihm die Gefolgschaft verweigerten. Jetzt versucht er seine Partei zu spalten – kann Berlusconi noch einmal angreifen oder ist er politisch am Ende?

Paolo Mancini: Schwer zu sagen. Viele Leute sehen Berlusconi vor dem politischen Aus. Ich bin nicht so sicher. Auf die eine oder andere Weise wird er sicher weiter eine Rolle spielen. Denken Sie etwa an seine Fernsehsender, die ihm die Möglichkeit geben, auch künftig mitzumischen. Und Sie dürfen nicht vergessen: Rund 20 Prozent der Italiener werden auch in Zukunft jemanden wie ihn suchen. Denn er verkörpert ein Ideal.

Da müssen Sie mir helfen – welches Ideal verkörpert Berlusconi?

Verstehen Sie mich nicht falsch – es ist ein Ideal, das ich für falsch halte, aber dennoch: Er steht für einen ganz bestimmten Lifestyle. Denken Sie an seine Villa, seine Partys, sein ausschweifendes Leben. Das mag Sie abschrecken, aber er signalisiert damit: „Ich bin ein Gewinner.“ Das bewundern viele Italiener. An Berlusconi zeigt sich, dass die Zeit der etablierten Parteien in Italien vorbei ist.

Wie meinen Sie das?

Die Parteien hatten lange die Prärogative, wenn es darum ging, Interessen zu organisieren und zu repräsentieren, politisch zu sozialisieren oder die politische Elite auszuwählen. Heute ist das nicht mehr so – zumindest in Italien. Die Entwicklung der Massenmedien und besonders des Internets haben dazu geführt, dass die politischen Eliten eher vom Publikum ausgewählt werden. Ihm müssen sie gefallen. Politiker müssen heute in der Lage sein, die Sprache der Menschen zu sprechen, mit ihnen zu reden und sie zu unterhalten – und das alles beherrscht Berlusconi. Ich nenne das die „audience democracy“, in der das Image entscheidend ist.

Image ist sicher wichtig, aber Italien hat doch große Probleme, es gilt als eines der Sorgenkinder Europas. Verlangen die Menschen da nicht nach überzeugenden Ideen, nach Lösungen?

Lassen Sie es mich etwas provokant sagen: Die Italiener sind intelligent. Sie wissen: Welche Regierung auch immer sich dieser Krise und ihren Auswirkungen wie der Jugendarbeitslosigkeit stellen muss – sie kann nur sehr wenig tun. Die Menschen entscheiden deshalb nach Themen, von denen sie denken, dass die Politiker sie wirklich angehen können. Ein solches Thema ist beispielsweise die Korruption. Das erklärt auch den Erfolg des Komikers Beppe Grillo mit seiner Fünf-Sterne-Bewegung. Er hat der Korruption den Kampf angesagt – das war einer seiner politischen Inhalte. Und die Leute haben ihm das abgenommen – das verdankt er seinem Image …

… das ebenfalls sehr polarisiert hat.

Ja, der Mehrheit der Italiener gefällt dieses Image nicht. Und natürlich war auch seinen Wählern klar, dass Grillo nicht die Lösung aller Probleme sein kann. Letztlich hat sein Erfolg dazu geführt, dass es in Italien zu einer Koalition von Parteien gekommen ist, die gegensätzliche Ziele verfolgen, obwohl sie viele Probleme lösen müssten. Die dramatische  wirtschaftliche Lage ist nur ein Beispiel.

Welche anderen Probleme sind denn ähnlich drängend?

Dringend nötig wäre eine Änderung des Wahlrechts. Die Pattsituation zwischen Mitte-Links und Mitte-Rechts nach der letzten Wahl hat gezeigt, wie ungeeignet das derzeitige Wahlrecht ist – es erschwert klare Mehrheiten. Im Abgeordnetenhaus hat Mitte-Links eine Mehrheit, im Senat nicht – deshalb ja auch die Koalition mit der ungeliebten Berlusconi-Partei. Aber eine Regierung braucht zum Regieren nun mal die beiden, gleichberechtigten Kammern.

Wie auch immer ein neues Wahlgesetz aussehen könnte – letztlich hätte es Nachteile für eines der an der Regierung beteiligten Bündnisse.

Ja, das macht eine Reform des Wahlrechts auch so schwierig. In Italien ist es anders als in Deutschland: Das Gemeinwohl zählt nicht so viel wie die Einzelinteressen der Parteien. Das ist das größte Problem der italienischen Gesellschaft …

… für das es dann aber offenbar keine Lösung gibt.

Nun, wir müssen darauf setzen [er schaut nach oben, hebt die Hände und lacht], dass Gott den italienischen Politikern den Weg weisen wird.

Italienische Politik wirkt oft dramatisch, theatralisch – der jetzige Ministerpräsident Letta scheint da nicht recht hineinzupassen. Was kann er für die etablierten Parteien bewegen, die, wie Sie sagen, weiter an Kredit verloren haben?

Nicht viel. Das hat mit der politischen Kultur in Italien zu tun. Die italienische Gesellschaft ist schon immer eine sehr polarisierte Gesellschaft gewesen. Sie haben recht: Die Italiener – wie viele Menschen in den südlichen EU-Staaten – mögen das Drama, das Spektakel. Sie lieben es, über Politik zu reden und mit aller Vehemenz für ihren Standpunkt einzutreten. Letta ist anders, eher wie ein Nordeuropäer. Ich bin deshalb sicher, dass nicht er bei der nächsten Wahl für seine Partei „Partito Democratico“ antreten wird, sondern sein Parteifreund Matteo Renzi …

… – derzeit Bürgermeister von Florenz – …,  

der eine Mischung aus Drama und politischen Inhalten verkörpert. Mit wem auch immer er sich wird messen müssen, ob mit Berlusconi oder Grillo – er ist gewappnet. 

Sie glauben also an ein Comeback Berlusconis auf der politischen Bühne?

Wie gesagt: Bei Berlusconi kann man nie wissen.

Ins EU-Parlament will er vermutlich nicht. Welche Rolle spielt die Europawahl im Mai 2014 in Italien?

Keine große – wie in vielen Ländern der Europäischen Union. Eines ist klar: Es ist noch nicht so lange her, da haben die Italiener Europa ohne Wenn und Aber geliebt – weil Europa etwas Besseres war als Italien. Wir wollten alle lieber Europäer als Italiener sein.

Und heute?

Heute haben viele Italiener das Gefühl, dass die Deutschen, und allen voran Angela Merkel, Italien schaden wollen. Bis vor einigen Jahren war Deutschland einfach ein europäisches Land. Jetzt wird es als der Mitgliedsstaat wahrgenommen, der für die Politik verantwortlich ist, die für Italien und andere Länder vor allem Nachteile hat. Angela Merkel ist für viele der Sündenbock. Aber trotzdem: Europa ist den Italienern nach wie vor sehr wichtig.

Paolo Mancini

ist Professor für Politikwissenschaften an der Universität Perugia und forscht vor allem zu Themen der politischen Kommunikation. Sein 2011 erschienenes Buch „Comparing Media“ hat mehrere Preise gewonnen.