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„Begabt, aber auch nur ein Mann“

Die Geschichte des Kennenlernens von Barack und Michelle Obama ist romantisch. Doch wurde sie offenbar zu Wahlkampfzwecken ein wenig „überarbeitet“, wie Christoph von Marschall in seinem neuen Buch nachweist.

Von Christoph von Marschall

Der Sommer 1989 sollte Michelle Obamas Leben völlig verändern. Ihr wurde ein Sommerpraktikant zugeteilt, von dem Michelle mit Blick auf das Bewerbungsfoto meinte, dass er eine zu große Nase habe. Über diese Wochen sowie die folgenden Monate und Jahre bis zur Hochzeit am 3. Oktober 1992 haben Michelle und Barack sich ziemlich ausführlich geäußert – aber im Verlauf mehrerer Jahre auch ein bisschen widersprüchlich. Mittlerweile haben Zeitzeugen manche Details korrigiert. Michelle erzählt gern, sie sei dem Ruf, der Barack vorauseilte, mit Misstrauen begegnet. Mehrere Sekretärinnen und Kollegen hätten von dem blitzgescheiten, ansehnlichen Jurastudenten aus Harvard geschwärmt. „Ich dachte mir, auf die macht wohl jeder Schwarze Eindruck, der einen Anzug trägt und eine gute Ausbildung hat“, spottete sie im März 2008 gegenüber „The New Yorker“. Als sie seinen komischen Namen hörte und erfuhr, dass er auf Hawaii aufgewachsen sei, habe sie einen „unbeholfenen, sonderlichen und abstoßenden“ Praktikanten erwartet, sagte sie im Herbst 2007 der „Chicago Sun-Times“. Dem lokalen Konkurrenzblatt „Chicago Tribune“ hatte sie im Januar 2004 anvertraut: „Es klang zu gut, um wahr zu sein. Ich war schon mit einigen Typen ausgegangen, die mit einer ähnlichen Reputation zu uns gekommen waren. Ich dachte, er sei auch so ein geschmeidiger Typ, der die Leute mit seinen schönen Reden beeindruckt. Ich lud ihn zum Mittagessen ein, er hatte ein komisches Sportjackett an, eine Zigarette hing in seinem Mundwinkel, und ich dachte mir: Da sitzt mal wieder so ein gutaussehender, glattzüngiger Mensch. Das hast du schon ein paar Mal erlebt.“ Solche rückblickenden Erzählungen muss man nicht für bare Münze nehmen. Sie sind Teil einer Wahlkampfinszenierung, erst für die Senatswahl 2004 in Illinois, dann die Präsidentschaftskampagne 2008 mit einem klaren dramaturgischen Ziel. Die Ehefrau prognostiziert den Bürgern: Egal, was ihr bisher über Barack Obama gehört habt, er wird euch positiv überraschen. Ihr sei es schließlich genauso gegangen. Damit aber niemand überzogene Erwartungen entwickelt, flicht sie in ihre Standard-Wahlkampfrede gern den Satz ein: „Er ist ein begabter Mann. Aber am Ende ist auch er nur ein Mann.“
Der tatsächliche Ablauf ihres Kennenlernens wird etwas anders gewesen sein. Sie war seine Praktikumsbetreuerin, und sie hat ihn, wie Barack in seinem Buch „The Audacity of Hope“ schreibt, am Vormittag seines ersten Praktikumstags kennengelernt, vor fast allen anderen in der Kanzlei und nicht erst durch deren Erzählungen. Es klingt auch nicht gerade logisch, dass sie eine abstoßende Person erwartet habe, wenn andere ihn ihr als gutaussehenden Menschen mit einnehmendem Wesen beschrieben hatten.


Michelle behauptet, er habe sehr rasch mit ihr geflirtet. Sie sei aber nicht darauf eingegangen, weil sie das angesichts ihrer Arbeitsbeziehungen für unpassend hielt. Die Exkollegen bei Sidley Austin erinnern sich etwas anders. Sie habe sich ebenso sehr um ihn bemüht wie er sich um sie. In der Zeit kurz vor Feierabend, um 17.30 Uhr, habe Barack im Sommer 1989 oft auf einer Ecke von Michelles Schreibtisch gesessen, und beider Körpersprache habe das Werben umeinander verraten.


Einer der Chefs der Kanzlei und seine Frau liefen den beiden dann auch noch im Kino über den Weg. Michelles offizielle Version lautet, das Praktikum sei schon halb vorbei gewesen, ehe die Zurückhaltung fiel und sie zu einem richtigen „Date“ ausgingen. Ihrer Mutter habe sie zu Beginn des Sommers gesagt, sie brauche Zeit für sich und wolle mit Männern nichts zu tun haben. Bei dem Date hätten Barack und sie erst das Kunstmuseum besucht, dann einen Drink an der Spitze des John-Hancock-Centers, eines der höchsten Wolkenkratzer in Chicago, genommen und sich schließlich den Film „Do the Right Thing“ von Spike Lee angeschaut. Dort habe sie es zugelassen, dass er ihr Knie berührte. Als die Obamas 2004 in Martha‘s Vineyard an der nördlichen Atlantikküste Urlaub machten und Spike Lee trafen, habe Barack sich bei ihm bedankt; sein Film habe diese erste Annäherung ermöglicht. So beschreibt es „The New Yorker“ im März 2008 unter Berufung auf Michelle. Der „Chicago Sun-Times“ hatte sie einige Monate zuvor gesagt, Barack habe an dem Tag „seinen ganzen Charme eingesetzt. Und es hat gewirkt. Er hat mich einfach umgehauen.“ In Baracks Erzählungen war es noch mal anders. In dem Abschnitt in „The Audacity of Hope“ unterlaufen ihm freilich faktische Irrtümer: Er verlegt sein Praktikum in den Sommer 1988 statt 1989. Und er schwindelt über Details, entweder in dieser Passage oder in seinem ersten Buch „Dreams from My Father“. In „Audacity“ schreibt er, er habe sich für das Praktikum drei Anzüge gekauft, die ersten überhaupt in seinem Leben. In „Dreams“ verrät er dagegen, er habe sich bereits während seiner Arbeit für eine Handelsberatungsfirma 1983 in New York im Spiegel des Aufzugs in Anzug und Krawatte betrachtet. Laut Barack sahen Michelle und er sich seit dem Lunch am ersten Praktikumstag täglich im Büro, in der Bibliothek der Kanzlei und in der Cafeteria sowie bei verschiedenen Freizeitaktivitäten, die Sidley Austin organisierte. Michelle habe ihn auch zu „ein oder zwei Partys mitgenommen, wobei sie meine bescheidene Garderobe taktvoll übersah und sogar versuchte, mich mit einigen ihrer Freundinnen zu verkuppeln“. Ein offizielles Date habe sie jedoch abgelehnt. Nach einem Sommerpicknick der Firma habe sie ihn in ihrem Auto zu dem Apartment gefahren, das er für das Praktikum gemietet hatte. Zum Dank habe er für sie beide Eiscreme beim Baskin-Robbins-Stand auf der anderen Straßenseite gekauft. „Wir saßen auf der Kante des Bürgersteigs und aßen unsere Eistüten in der stickigen Nachmittagshitze, und ich erzählte ihr von meinen Aushilfsjobs als Teenager bei Baskin-Robbins und wie schwer es mir gefallen sei, cool auszusehen in der braunen Schürze und Mütze. Sie erzählte mir, dass sie sich als Kind zwei oder drei Jahre lang geweigert habe, irgendetwas anderes als Erdnussbutter und Götterspeise zu essen. Ich sagte, ich würde gern ihre Familie kennenlernen. Sie sagte, das würde ihr gefallen. Ich fragte, ob ich sie küssen dürfe. Es schmeckte nach Schokolade.“


Beider Darstellungen, wann und wo es zur ersten körperlichen Annäherung kam, im Kino oder beim Eis am Bordstein, klingen poetisch. Nur würde man gern wissen, wie es wirklich war. Bei der Aufklärung sind die Obamas keine große Hilfe. Das Weiße Haus beantwortet Anfragen dazu ebensowenig, wie das Wahlkampfteam zuvor Auskunft zu Wissenslücken oder fragwürdigen Momenten in Baracks Lebensweg gab. Amerikanische Journalisten kolportieren die gefühlsseligen Schilderungen gern, streichen aber selten heraus, dass die hübschen Details sich nun einmal schwer miteinander vereinbaren lassen.

Christoph von Marschall

berichtet seit 2005 für den „Tagesspiegel“ aus den USA. Zuvor arbeitete er für die „Süddeutsche Zeitung“ und den Deutschlandfunk. Der Beitrag ist ein Auszug aus seinem neuen Buch „Michelle Obama – ein amerikanischer Traum“, erschienen 2009 im Orell Füssli Verlag, Zürich. Von Marschall verfasste auch das Buch „Barack Obama – der schwarze Kennedy“.