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„Auerhahn-Effekt“

Erich Böhme war „Spiegel“-Chef, als dieser 1987 die Barschel-Affäre aufdeckte. Im Interview mit Olivia Konieczny und Mirko Marquardt spricht er über die Wirkung von Skandalen, die Rolle der Medien im Wahlkampf und realitätsferne Politiker.

Herr Böhme, unter Ihrer Leitung enthüllte der „Spiegel“ die Barschel-Affäre. Einzige Basis der Geschichte waren die eidesstattlichen Versicherungen von Barschels Medienreferent Reiner Pfeiffer. Haben Sie Vermutungen darüber angestellt, warum Pfeiffer sich Ihnen so kurz vor dem Wahltag offenbarte?
Erich Böhme: Fragen Sie mal einen Pyromanen, warum der ein Haus anzündet! Ich konnte in den Pfeiffer nicht hineinschauen und erkennen, ob er sich rächen wollte oder ob ihn das Gewissen drückte. Ich selbst habe übrigens nie mit ihm gesprochen. Uns allen war aber klar, dass man bei einem Menschen, der seinen Lebensunterhalt eine Zeit lang mit Grabreden bestritten hatte und vom Axel-Springer-Verlag als „Mann fürs Grobe“ an Barschel ausgeliehen worden war, sehr vorsichtig sein musste.

Hatten Sie nie die Sorge, jemand könnte Sie und den „Spiegel“ im Wahlkampf instrumentalisieren?
Mit dieser Gefahr musste ich immer rechnen, konnte darauf aber keine Rücksicht nehmen, denn man kann nicht alles prüfen. Soll ich eine Nachricht verschweigen, aus Furcht, damit selbst Politik zu machen? Ich muss doch berichten, was ist. Manche haben uns damals vorgeworfen, wir hätten die Barschel-Geschichte schon lange in der Schublade gehabt und sie dann gezielt zur richtigen Zeit hervorgeholt. Wir hatten aber nichts in der Schublade, unsere Recherchen fanden unter großem Zeitdruck statt.

Weil Sie die Titelgeschichte „Barschels schmutzige Tricks“ auf jeden Fall noch vor der Landtagswahl veröffentlichen wollten.
Es war allerhöchste Zeit. Die Sache kochte bereits und drohte überzukochen. Wir wollten die Geschichte unbedingt vor dem Wahlsonntag veröffentlichen. Also haben wir die Nacht durchgearbeitet, wobei das beim „Spiegel“ nichts Ungewöhnliches ist. Redaktionsschluss war, wie auch heute noch, Freitagnacht; bis dahin musste die Story unter Dach und Fach sein. In dieser Nacht haben wir sehr geschwitzt.

Hatten Sie damals Jagdfieber?
Ich kann nicht leugnen, dass es journalistisches Jagdfieber gibt, wenn man hinter den Nachrichten her ist. Aber im Fall Barschel war es nicht so, dass wir es gezielt auf ihn abgesehen hätten; wir waren sicher, einer unglaublichen Story auf die Spur gekommen zu sein, das war es. Und als sie, wie bei exklusiven „Spiegel“-Storys üblich, am Sonnabendnachmittag über die Nachrichtenagenturen bekannt gemacht wurde, gab es kein Halten mehr.

Barschel verlor bei der Wahl die Mehrheit. Waren Sie durch die gezielte Vorabveröffentlichung zu diesem Zeitpunkt nicht vielmehr politischer Akteur als Journalist?
Nein. Ein Journalist schreibt, was er weiß. Aber er betreibt keine Politik. In diesem Fall standen wir unter großem Zeitdruck und mussten entscheiden, ob wir die Geschichte vor oder nach der Wahl veröffentlichen. Die Antwort war klar: natürlich vor der Wahl.

Sie haben den Ausgang einer Landtagswahl beeinflusst und die Karriere eines Politikers beendet. Das nennen Sie „keine Politik betreiben“?
Für mich ist die Aufgabe des Journalisten eher eine pädagogische als eine politische. Er sucht die Wahrheit, verbreitet sie und öffnet den Leuten so die Augen. Das allerdings kann auch – wie im Fall Barschel – politische Konsequenzen haben.

Barschel stritt die Vorwürfe zunächst nicht nur ab, sondern gab während einer Pressekonferenz sogar sein Ehrenwort, dass die Anschuldigungen falsch seien. Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?
Donnerwetter, dachte ich. Sie können sich denken, dass ich kalte Füße und feuchte Hände bekam; schließlich habe ich meinen Kopf für die Geschichte hingehalten. Hätte ich in der Barschel-Affäre falsch gelegen, könnten Sie mich heute vermutlich unter einer Brücke besuchen. Und wenn jemand sagt, er gebe dem deutschen Volk sein Ehrenwort – und diese Behauptung sogar noch mal wiederholt –, dann fragt man sich schon: Haben wir nicht doch irgendwo einen Fehler gemacht?
Kurze Zeit später bekam ich aber den Anruf eines hohen deutschen Strafrichters, der mir aus seiner Erfahrung heraus sagte: „Machen Sie sich keine Sorgen – der lügt!“ Das hat mir sehr gut getan. Später rief mich außerdem unser Kieler Korrespondent an und erzählte, dass Barschels Pressereferent – von dem es offiziell hieß, er sei im Urlaub – in Wirklichkeit in seinem Büro saß und den strikten Befehl hatte, es nicht zu verlassen, weil er Mitwisser der Affäre war. Das machte mich noch sicherer, dass Barschel log.

Offenbar war ihm die Wahrnehmung für die Realität völlig abhanden gekommen.
Es gibt sogar einen prägnanten Begriff, man nennt das den Auerhahn-Effekt. Auf der Balz verschließt der Auerhahn die Ohren, er nimmt nichts mehr wahr und wirbt nur noch. Genauso geht es Politikern auf dem Höhepunkt des Wahlkampfs – es sei denn, es handelt sich um ganz erhabene Auerhähne. Barschel aber stand mit dem Rücken zur Wand und konnte gar nicht mehr anders, als weiter zu lügen. Mir fiel damals seine ungeheure Selbstgefälligkeit auf. Er war ein sehr eitler, selbstbezogener Mensch, der wahrscheinlich nie an sich gezweifelt hatte. Einser-Examen, jüngster Minister, jüngster Ministerpräsident, Erfolg bei den Frauen – Barschel glaubte, immer im Recht zu sein. Letztlich hat ihn das zu Fall gebracht.

In die Geschichte eingegangen ist das Foto des toten Uwe Barschel in der Badewanne. Hätte der Reporter Sebastian Knauer, der das Bild schoss, damals schon für den „Spiegel“ gearbeitet und nicht für den „Stern“: Hätten Sie es veröffentlicht?
Nein. Damals habe ich spontan gesagt: Das Bild eines Menschen, der sich gerade getötet hat, in Millionenauflage zu publizieren – das darf man nicht machen. Das ist geschmacklos. Mittlerweile sehe ich die Sache anders: Heute würde ich es drucken.

Mit welcher Begründung?
Weil es ein Dokument der Zeitgeschichte geworden ist. Außerdem muss man die Umstände berücksichtigen: Knauer war mit Barschel verabredet und ging dann, als der nicht kam, zu dessen Hotelzimmer, klopfte und drückte die Türklinke herunter. Und dann geht die Tür auf, und er findet den toten Barschel. Natürlich hat Knauer das fotografiert, und natürlich hat der „Stern“ es abgedruckt. Es war die richtige Entscheidung.

Könnte sich ein Skandal wie der um Barschel und Engholm heute wieder ereignen?
Ich denke nein. Zwar ist es heute selbstverständlich, schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit zu waschen – kriminelle Machenschaften aber sind seltener geworden. Die Republik hat aus ihren großen Skandalen – neben Barschel zählen dazu auch die Flick-Parteispendenaffäre oder die Machenschaften im gewerkschaftseigenen Wohnungsunternehmen Neue Heimat – gelernt. Eine andere Erklärung wäre, dass Dunkelmänner heute raffinierter zu Werke gehen, aber daran glaube ich nicht.

Dann hatten die Skandale also eine reinigende Wirkung?
Ja, sie trugen zur Reife unserer ja noch jungen Republik bei und sind so nicht mehr vorstellbar. Stattdessen werden heute Kleinigkeiten aufgeblasen: Wenn ein Politiker mit dem Flugzeug fliegt und das nicht ordentlich abrechnet, gilt das als Skandal. Das finde ich höchst albern.

Der Steuerzahler sicherlich nicht.    
Aber nur, wenn er der „Bild“-Zeitung glaubt. Das unrechtmäßige Nutzen der Flugbereitschaft der Bundeswehr ist nicht korrekt und ein Stilfehler. Der verzweifelte Versuch, solche Nichtigkeiten zu skandalisieren, ist der beste Beweis dafür, dass es heute keine echten Skandale mehr gibt.