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Atomkraft: yes, please!

Nach der Atomkatastrophe von Fukushima hat auch in Großbritannien eine neue Atomdebatte begonnen – allerdings verläuft diese nicht annähernd so aufgeregt wie in Deutschland.

Von Florian Wastl

Die Briten sind bekannt für ihre Zurückhaltung und Gelassenheit. Sie echauffieren sich nicht so schnell und leben nach dem Prinzip des Pop-Sängers Sting: „A gentleman walks but never runs.“ Diese Mentalität zeigte sich auch in der Zeit unmittelbar nach dem Atomunfall in Fukushima. Während die deutschen Medien die nukleare Apokalypse förmlich herbeischrieben, berichteten britische Medien in erster Linie über das Erdbeben und den verheerenden Tsunami; auch die ernste Lage im Atomkraftwerk von Fukushima war ein Thema. Doch passierte all das ohne denselben Alarmismus, den die Sondersendungen in Deutschland verbreiteten. So titelte die „Sun“ am 15. März, dem Tag nach den Explosionen in Reaktor Drei des Atomkraftwerks von Fukushima: „450 Briten in Erdbebengebiet vermisst.“ Zum Vergleich die „Süddeutsche Zeitung“ am selben Tag: „Atommeiler außer Kontrolle – Tokio in Angst“. Am Tag zuvor, nachdem in Reaktor Drei bereits eine Kernschmelze befürchtet und der Reaktor notdürftig mit Meerwasser gekühlt worden war, hatte der „Guardian“ noch getitelt: „Nach der Welle kommt die Trauer.“ Auch kam es in Großbritannien – im Gegensatz zu Deutschland – nicht zu Hamsterkäufen bei Geigerzählern oder einem erhöhten Absatz bei Jodtabletten.
Als die deutsche Bundesregierung vier Tage nach den dramatischen Ereignissen in Fukushima erklärte, die sieben ältesten Meiler in Deutschland sofort abzuschalten und Hunderttausende gegen Atomkraft auf die Straße gingen, nahmen die Engländer das mit Verwunderung zur Kenntnis. Die Nachrichtenagentur Reuters beschrieb die deutsche Reaktion auf die Situation in Japan als „einzigartig drastisch“. Dass sich am Thema Atomkraft in Deutschland sogar ganze Wahlen entscheiden könnten, überstieg die Vorstellungskraft der Engländer vollends.

Britischer Pragmatismus

Zum Vergleich: In England genügte eine Stellungnahme des Ministers für Energie und Klimawandel, Chris Huhne, um die Gemüter zu beruhigen. Er versicherte am 16. März, dass sein Ministerium die Sicherheit der Kühl- und Notsysteme in britischen Atommeilern überprüfen werde. Zwar bestehe weder die Gefahr von Erdbeben, noch drohten dem Land Tsunamis, doch müsse England aus den Ereignissen in Japan lernen und die Sicherheit der Meiler weiter erhöhen. Generell gebe es für die britische Regierung jedoch keinen Grund, weitere Maßnahmen zu ergreifen oder gar aus der Kernkraft auszusteigen. Widerspruch dazu gab es nur vereinzelt; die mediale Berichterstattung hielt sich in Grenzen.
Für die Diskussion in Deutschland sind zwei Faktoren entscheidend: Tschernobyl und die atomare Bedrohung des Kalten Kriegs. Zum einen wurde Großbritannien im Jahr 1986 nicht so stark von der radioaktiven Wolke aus Tschernobyl getroffen wie Deutschland. Während Tschernobyl für die Briten eher eine Randnotiz der Geschichte bleibt, war es in Deutschland für eine ganze Generation ein prägendes Ereignis, das bis heute tief im kollektiven Gedächtnis verankert ist. Zum zweiten verlief die Front des Kalten Kriegs aus Sicht der Briten in relativ sicherer Entfernung. In Deutschland verlief sie mitten durch das Land. Jeder – ob in Ost oder West – wusste, dass im Fall einer atomaren Auseinandersetzung Deutschland zuerst betroffen wäre. Zwar hätten sowjetische Raketen mühelos auch London oder Manchester erreicht, die nukleare Bedrohung in England war jedoch längst nicht so unmittelbar.
Die Erfahrung mit Tschernobyl und die Angst, dass Deutschland in Folge eines Atomkriegs auf Jahrhunderte unbewohnbar werden könnte, haben zu einer grundlegend anderen Risikobewertung der friedlichen Nutzung der Kernenergie geführt. Für viele in Deutschland geht von der Atomkraft eine nicht zu kontrollierende Gefahr aus. Natürlich wissen auch die Briten um das Restrisiko der nuklearen Energiegewinnung. Doch verbinden sie aufgrund der fehlenden Tschernobyl-Erfahrung und jahrelangen nuklearen Bedrohung nicht dieselbe Existenzangst damit wie die Deutschen.
Kernkraft wird so zur pragmatischen Alternative – und Pragmatismus ist in Großbritannien gefragt angesichts der Herausforderungen, vor denen sich das Land energiepolitisch befindet. Noch decken 19 alte Kernkraftwerke an neun Standorten etwa 18 Prozent des britischen Energiebedarfs. Bis zum Jahr 2015 müssen alle bis auf einen dieser altersschwachen Meiler stillgelegt werden. Zusätzlich gehen noch einige alte Kohlekraftwerke vom Netz. Bis zum Jahr 2025 fällt so rund ein Drittel der Energiegewinnung in Großbritannien weg. Gleichzeitig gehen die Erdöl- und Gaslieferungen aus den eigenen Nordseevorräten zurück. Hinzu kommt, dass sich England ambitionierte Klimaziele gesteckt hat: Mit dem Climate Change Act beschloss Großbritannien vor drei Jahren als erstes Land weltweit rechtlich bindende Emissionsziele. Bis zum Jahr 2020 muss der Ausstoß von Treibhausgasen demnach um 34 Prozent zurückgefahren werden – bis 2050 sogar um 80 Prozent.
Will Großbritannien nicht noch abhängiger von Energieimporten werden, und will es die hochgesteckten Klimaziele erreichen, bleiben nach Meinung der alten wie auch der neuen britischen Regierung nur zwei Möglichkeiten: der Ausbau erneuerbarer Energien – vor allem Windkraft – und der Bau neuer Atomkraftwerke. Großbritannien setzt auf beides. Seit einigen Jahren investiert die Regierung massiv in Windenergie. So sollen beispielsweise bis zum Jahr 2020 neun neue Windparks entstehen. Anfang 2008 hat die damalige Labour-Regierung zudem beschlossen, an acht Standorten neue Atommeiler zu errichten. Gebaut werden sollen sie unter anderem von einem Konsortium aus Eon und RWE. Bis spätestens zum Jahr 2020 soll das erste Kraftwerk der neuen Generation ans Netz gehen.

Chance für neuen Aufbruch

Ob es soweit kommt, ist offen. Da die Regierung den Bau der neuen Atommeiler nicht mit Subventionen unterstützen möchte, verzögern sich aufgrund der enormen Kosten die Planungen der Unternehmen. Dazu kommt: Auch in England regt sich Widerstand gegen den Bau neuer Kernkraftwerke – nicht wegen des unkalkulierbaren Risikos wie in Deutschland, sondern wegen der ungelösten Frage der Endlagerung.
Der Blick über den Kanal zeigt die Unterschiede in der öffentlichen Debatte zu dem Thema – ob in England neue Atommeiler gebaut werden oder nicht. Großbritannien begründet die weitere Nutzung der Kernkraft mit dem Klimaschutz und der drohenden Abhängigkeit von Energieimporten. Solche oder ähnliche Begründungen sind in Deutschland aufgrund der historisch bedingten Angst der Bevölkerung vor dem nuklearen Gau nicht mehr möglich. Die Castor-Proteste im November vergangenen Jahres haben das gezeigt. Die Katastrophe von Fukushima bietet nun die Chance für den Aufbruch in ein neues Energiezeitalter: Denn die Energiewende hat ihren Preis – die Kosten werden steigen, neue Kohle- und Gaskraftwerke sowie neue Stromtrassen müssen gebaut werden. Unter dem unmittelbaren Eindruck von Fukushima werden die Menschen am ehesten bereit sein, diesen Preis zu zahlen. Dafür müssen jetzt zügig Konzepte auf den Tisch. Wenn das gelingt, besteht nicht nur die Chance, die Energiewende in Deutschland zu schaffen, sondern sie auch erfolgreich zu vermitteln.

Florian Wastl

ist Public-Affairs-Berater bei MSL Germany. Er war von Ende 2005 bis Anfang 2009 im Cabinet Office der britischen Regierung tätig.