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Angst vor dem Altenteil

Sie stellen einen Großteil der Wähler, doch haben sie wenig Einfluss in den Parteien: die Senioren. Ältere, noch aktive Politiker treten nur ungern ihren Vereinigungen bei – die Angst, man könnte sie zum alten Eisen zählen, ist zu groß.

Von Aljoscha Kertesz

Anfang August warf Erwin Teufel der CDU Profil- und Ideenlosigkeit vor und zettelte damit einen Richtungsstreit innerhalb der Christdemokraten an, der Angela Merkel den Sommerurlaub vermiesen sollte. Seine „Berliner Rede“ hielt der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg vor der Kreisvorsitzendenkonferenz der Senioren-Union, womit er der CDU-Vereinigung etwas bescherte, das sie nicht oft hat: eine hohe mediale Aufmerksamkeit. Denn auch, wenn die Senioren-Union im Vergleich zu den Seniorenvereinigungen der anderen Parteien noch recht gut aufgestellt ist, kämpfen die Vereinigungen doch alle mit den gleichen Problemen: geringer medialer Aufmerksamkeit und bescheidenen Ressourcen.
Senioren sind bei allen Wahlen die stärkste Wählergruppe der Unionsparteien, entsprechend gut ist die Bundesgeschäftsstelle ausgestattet. Fünf Hauptamtliche arbeiten im Adenauer-Haus für die Senioren-Union. Das sind Welten im Vergleich zur „Arbeitsgemeinschaft 60 plus“ der Sozialdemokraten. Gerade anderthalb Planstellen stehen im Willy-Brandt-Haus zur Verfügung, die Mitarbeiter bearbeiten zudem für die Partei das Thema Seniorenpolitik.
Als einzige der Seniorengruppierungen findet die Senioren-Union häufiger in den überregionalen Medien statt, und um das zu fördern, wenden ihre Repräsentanten gerne die Holzhammer-Methode an: So forderte der Vizebundesvorsitzende Leonhard Kuckart Anfang des Jahres, dass Kitas wegen der Lärmbelästigung aus Wohngebieten verbannt werden sollten. Bundesweite Aufmerksamkeit war dem ehemaligen NRW-Landtagsabgeordneten sicher.
Die Führung der 57.000 Unions-Senioren fällt innerhalb der CDU häufiger auf. Mit ihrer auf konservative Werte ausgerichteten Politik stellt sie sich gegen den aktuellen Modernisierungskurs der Partei. Den Schulterschluss hingegen suchen sie mit dem Nachwuchs, mit der Jungen Union. Allein im Bundestagswahlkampf 2009 absolvierten die beiden Bundesvorsitzenden Otto Wulf und Philipp Mißfelder mehr als 80 gemeinsame Auftritte. Die beiden Politiker propagieren eine „Union der Generationen“.
Die Senioren-Union scheint in gewissem Sinne jedoch ein Ehemaligen-Verein zu sein, denn nur 15 von 239 Bundestagsabgeordneten sind Mitglied der Senioren-Union. Ehemalige Parteigrößen sucht man in den Vorständen in Bund und Ländern ebenfalls vergebens.

Alte als Berater

Was Akzeptanz und Organisation angeht, stecken die „Grünen Alten“ noch in den Kinderschuhen: Der Verband kommt bundesweit nur auf etwas mehr als 100 Mitglieder. Mangels Größe und Einfluss ist der eingetragene Verein bis heute keine offizielle Organisation der Bündnisgrünen, obwohl dies ein wichtiges Ziel der Grünen Alten ist. Die Bundespartei gewährt Unterstützung in Form von finanziellen Zuwendungen und Tagungsmöglichkeiten in der Bundesgeschäftsstelle, das Tagesgeschäft läuft ehrenamtlich.
Doch die Zusammenarbeit könnte besser sein. Nach vielen Auseinandersetzungen mit der Mutterpartei etabliert sich derzeit in Hamburg – nach Bremen – erst der zweite Landesverband. Von Sichtbarkeit in den Parlamenten sind die Grünen Alten weit entfernt. Ältere Abgeordnete der Grünen scheuen offenbar den Beitritt zu einer Senioren-Organisation. Sie befürchten, dass die Mitgliedschaft so interpretiert werden könnte, als zögen sie sich aufs Altenteil zurück. Und das könnte bei der nächsten Listenaufstellung wichtige Stimmen kosten. Doch die Bundesvorsitzende Ingrid Borretty ist zuversichtlich und setzt auf den Faktor Zeit: „Das Thema wird sich durch die demographische Entwicklung bei den Grünen automatisch richten.“ Lobende Worte findet die ehemalige Bürgermeisterin von Offenbach für die Arbeit der Bundestagsfraktion. Hier hätten sich die Grünen Alten mittlerweile Beraterstatus erarbeitet. „Dort werden unsere Anliegen ernst genommen“, sagt Borretty. Einladungen zu Klausurtagungen und Mitarbeit an Positionspapieren sind nur einige Beispiele für den guten Draht.
Zwar hat die Seniorenarbeitsgemeinschaft der Linken einige Landtagsabgeordnete in ihren Reihen, Bundestagsabgeordnete sucht man aber auch hier vergeblich.
Solche in die Reihen der Arbeitsgemeinschaft zu holen, sieht Helmut Schieferdecker aber auch nicht als vordringliches Anliegen an. Er ist im fünfköpfigen Sprecherrat unter anderem für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Erfreut ist Schieferdecker darüber, dass die Arbeitsgemeinschaft mittlerweile über zwölf Landesorganisationen verfügt. Die 927 Mitglieder gehören größtenteils auch der Mutterpartei an.
Mit der Präsenz im Bundesvorstand der Linken ist er zufrieden. Immerhin sind vier Mitglieder der Seniorenorganisation im Parteitag, dem höchsten Organ der Linken vertreten. Für unbefriedigend hält er jedoch die Akzeptanz in den Landesverbänden: „Hier ist die Seniorenarbeitsgemeinschaft noch nicht in allen Vorständen vertreten.“ Und das, obwohl dies in den vom Parteivorstand gebilligten seniorenpolitischen Standpunkten gefordert wird. Die Linke stellt Räumlichkeiten und eine Teilzeitkraft zur Verfügung, damit ein Mindestmaß an Organisation und Kommunikation mit den Landesverbänden gesichert ist.
Auch bei der vor zehn Jahren gegründeten Vorfeldorganisation der FDP läuft Politik im Minimalbetrieb. Der Verband finanziert sich ausschließlich aus den Beiträgen der knapp 1000 Mitglieder, von denen zirka 85 Prozent auch der FDP angehören. Immerhin gibt es in allen Bundesländern regionale Organisationen.
Unter den Mitgliedern finden sich neben zahlreichen Bundestagsabgeordneten auch ehemalige und aktive Parteigrößen wie Hans-Dietrich Genscher oder Rainer Brüderle. Doch im Vorstand sucht man nach den älteren Liberalen meist vergebens. „Wir arbeiten daran“, zeigt sich der stellvertretende Bundesvorsitzende Eckart George zuversichtlich.
Mit der Repräsentation der aktiven Seniorenpolitiker in den Parlamenten sieht es schlecht aus. „Dies ist ein heißes Thema, das sich durch alle Parteien zieht“, bringt es George auf den Punkt. Er wünscht sich in der Bundespolitik ein ausgewogenes Verhältnis und einen „gesunden Mix“ zwischen Jungen und Alten. Leider gehe jedoch das Karrieredenken der jüngeren Generation vor Fachkompetenz.

Verdrängungswettbewerb

Die Senioren der SPD können mit Hans-Ulrich Klose immerhin eine echte ehemalige Parteigröße in führender Funktion vorweisen. Der frühere Erste Bürgermeister von Hamburg und SPD-Fraktionsvorsitzende war der Gründungsvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft 60 plus. „Rückblickend war dies jedoch eine löbliche Ausnahme“, sagt die amtierende Vorsitzende, die Bundestagsabgeordnete Angelika Graf. Immerhin engagieren sich zunehmend ehemalige und amtierende Bundestagsmitglieder in der Arbeitsgemeinschaft, die vor 17 Jahren gegründet wurde. Allerdings werden alle SPD-Mitglieder über 60 Jahre automatisch als Mitglieder geführt – das sind mittlerweile 250.000. Kein Wunder, dass Klaus Wowereit diese als das „Rückgrat der Partei“ bezeichnet. Doch bei der Vorbereitung von Bundestagswahlen zählen die warmen Worte nicht viel: Viele der über 40 Mitglieder der SPD-Bundestagsfraktion, die zur Generation 60 plus gehören, sehen sich bei der Listenaufstellung im Verdrängungswettbewerb mit den Jüngeren. Von der Quote für Ältere hält Graf dennoch nichts. Es gelte vielmehr zu verdeutlichen, dass man mit 60 noch nicht aufs Abstellgleis gehört. Also heißt es: kämpfen.
Auch wenn politisch Welten zwischen den Seniorenpolitikern liegen, die Herausforderungen in ihren Parteien sind identisch. Und so können sich alle engagierten Senioren auf den Minimalkonsens einigen: Politik für eine älter werdende Gesellschaft kann nicht ohne Ältere gemacht werden.

Aljoscha Kertesz

ist Berater für Public Relations & Public Affairs.