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Ambitionen auf Papier

Politiker und Journalisten lassen Bücher wie Pilze sprießen. Jede Neuerscheinung droht die vorangegangene zu entwerten – es kommt zu einer Inflation eigener Art.

Von Markus Decker

In der Berliner Parlamentsbuchhandlung an der Wilhelmstraße springt einem das Übermaß sofort ins Auge. Zwischen Reichstag, Abgeordnetenbüros und dem ARD-Hauptstadtstudio reihen sich die Früchte der jüngsten Polit-Literatur aneinander wie sonnenhungrige Urlauber an der Costa del Sol.
Da fragt Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU): „Braucht unsere Gesellschaft Religion?“. SPD-Staatsminister Gernot Erler lässt titeln: „Mission Weltfrieden – Deutschlands neue Rolle in der Weltpolitik“. Peter Sodann, der linke Aspirant für das Amt des Bundespräsidenten, will „Keine halben Sachen“, während seine sozialdemokratische Konkurrentin Gesine Schwan erklärt, „Woraus wir leben“. Den höchsten Grad an Aufmerksamkeit erfährt derweil das Werk des SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier „Mein Deutschland – Wofür ich stehe“.
SPD-Parteichef Franz Müntefering hatte bereits voriges Jahr pünktlich gefordert „Macht Politik!“. Kurt Becks Auto­biografie „Ein Sozialdemokrat“ kam hingegen zu spät. Denn als die Druckerschwärze trocknete, standen Steinmeier und Müntefering von ihren Schreibtischen auf und setzten ihn ab. Schließlich lässt auch der Ex-Grüne und Neu-CDUler Oswald Metzger aufhorchen mit „Die verlogene Gesellschaft“. Von seiner Partei nicht für die Bundestagswahl nominiert, könnte er ja sonst in Vergessenheit geraten.

Auch die Journalisten tun es

Dem Genre des Politikerbuches gesellt sich das Genre des Journalistenbuches hinzu. Majid Sattar von der „FAZ“ komponiert eine politische Biografie über den FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle: „Und das bin ich“. Der unermüdliche Hugo Müller-Vogg von „Bild“ warnt vor der „Volksrepublik Deutschland“. Ralph Bollmann („taz“) analysiert das Phänomen „Reform – Ein deutscher Mythos“. Freiberufler Volker Resing beschreibt „Angela Merkel – Die Protestantin“. Der US-Korrespondent des „Spiegel“, Gabor Steingart, stellt „Die Machtfrage – Ansichten eines Nichtwählers“. Und Marietta Slomka vom „Heute-Journal“ weiß bestimmt: „Kinder lieben Gummistiefel – So funktioniert Politik“.
Mehrere Dutzend solcher Newcomer liegen in der Buchhandlung auf dem Tisch. Darunter sind auch Norbert Röttgens (CDU) „Die besten Jahre kommen noch“ und Wolfram Weimers („Cicero“) „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Es herrscht ein wahrer Tsunami politischer Titel, der zwei Fragen evoziert: Woher und wozu?
Die Motivation, mit der Politikerbücher geschrieben werden, scheint auf der Hand zu liegen. Sie sollen nicht unbedingt gelesen, sie sollen aber sehr wohl wahrgenommen werden. So ist jedes Politikerbuch unvermeidlich mit einer öffentlichen Vorstellung verbunden. Steinmeier präsentiert die Arbeit über Westerwelle und trommelt damit für eine sozial-liberale Koalition. Schäuble lässt seinen südwestdeutschen Landsmann Metzger nicht im Regen stehen. Der souveräne Röttgen wirbt für sein Produkt allein. Doch die Faustregel lautet: Seinen Rang erhält ein Buch dieser Kategorie nicht durch Sinn und Form, sondern durch den, der die Lobrede hält.
Mit etwas Glück folgt nach dem Auftakt die mediale Zweitverwertung. So saß Außenminister Steinmeier eine halbe Woche nach Erscheinen seines Werkes bei „Beckmann“. Die ganze Operation dient einem höheren Ziel – sich für den Wahlkampf ins rechte Licht zu rücken. Der langmähnige Student Steinmeier in Jeansklamotten schafft jene Nähe im linken Lager, die der Anzug-bewehrte Diplomat Steinmeier nicht herzustellen vermag. Es geht nicht um den Inhalt. Es geht um den Sekundärnutzen. Jedes dieser Bücher ist ein Signal an sich. Es zeigt eine Ambition, einen Aufstiegswillen an. Wer zur Feder greift, der will nicht im Alltagsgrau seiner Partei untergehen. Er möchte in die Republik hinein strahlen. Dabei ist ein Verriss besser als Nichtbeachtung.

Ein Buch stellt Profil her

Letzteres gilt ähnlich für Journalisten. Ein Buch stellt mit Glück jenes Profil her, das eine ganze Jahresproduktion von Artikeln selten zu erzeugen vermag. Auch begibt man sich in den Feuchtgebieten des Regierungsviertels auf Augenhöhe mit den dichtenden Polit-Akteuren. Kein Zweifel: Eine Berufsgruppe, die für andere Aufmerksamkeit schafft, möchte sich wenigstens einmal selbst darin sonnen. Dabei fragte der Berliner Korrespondent einer überregionalen Tageszeitung dieser Tage staunend-ungläubig: „Woher die Kollegen nur die Zeit nehmen?“
Ob das alles den Büchern und der Buchkultur nutzt, steht dahin. Schon heute kann man sagen: Kein einziger der aufgezählten Titel hat es zuletzt vermocht, sich nachhaltige Resonanz zu verschaffen oder irgendeine Art von Kontroverse auszulösen. Was sollten Menschen auch Neues bieten können, die teils seit Jahrzehnten zum politischen Mobiliar des Landes zählen und sich mindestens wöchentlich in der „Tagesschau“ verbreiten? Vielmehr scheint es so, als grübe ein Buch dem anderen das Wasser ab. Es drohen die Mechanismen einer ganz ordinären Inflation. Ist – wie in diesen Tagen – zu viel Geld im Kreislauf, winkt auf breiter Front Entwertung.
Einer, der beruflich mit Politikerbüchern zu tun hat, sagt: „Ich lese das schon seit Jahren nicht mehr.“ Er wisse auch nicht, warum es andere tun sollten. Der Letzte, dem er geglaubt habe, sei ohnehin der Sozialdemokrat Carlo Schmid gewesen. Er starb 1979, vor 30 Jahren also. Und er schrieb Bücher wie verrückt.

Markus Decker

ist Hauptstadt-Korrespondent des „Kölner Stadtanzeiger“ und der „Mitteldeutschen Zeitung“. Der hier gedruckte Text ist zuvor im „Kölner Stadtanzeiger“ erschienen.