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Politik

Am Rande des Spielfelds

Die Werdegänge politischer Entscheider gleichen oft einem Gipfelsturm. Wie aber fühlt es sich an, wenn man nach kontinuierlichem Aufstieg von heute auf morgen Verantwortung verliert? Wir haben politische Köpfe nach Momenten gefragt, in denen sie Macht abgeben wollten – oder mussten.

Redaktion

Otto Fricke (FDP), 2002 bis 2013 Mitglied des Deutschen Bundestags, 2009 bis 2013 Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion, seit 2014 Partner von CNC – Communications & Network Consulting

Foto: Soeren Stache/dpa

"Als das Wahlergebnis feststand, habe ich zuerst an meine Kinder gedacht, dann an meine Ehefrau, an mein Team und an die Mitarbeiter der Fraktion. Hier hatte ich aus meiner Führungsfunktion als Parlamentarischer Geschäftsführer Verantwortung. Schließlich musste ich mich um einen neuen Job kümmern. Für elf Jahre im Bundestag hätte ich Anspruch auf elf Monate Übergangsgeld gehabt, aber der Haushälter in mir wollte das nicht. Elf Monate raus zu sein ist Mist. Der erste Headhunter rief zwei Tage nach der Wahl an, ab der dritten Woche kamen konkretere Angebote. Da waren auch ‚Edeka-Jobs’ dabei – Ende der Karriere – gut bezahlt, aber problematisch, weil man wenig akzeptierte Interessen vertritt und danach schwer Neues findet. Das Angebot von CNC gefiel mir, weil ich wusste, dass es abwechslungsreich und international werden würde, so wie zuvor im Parlament. Nach sechs Monaten durfte ich zudem die Leitung des Berliner Büros übernehmen. Ich habe also großes Glück gehabt.

Mir war es wichtig, wieder eine Führungsrolle in einem Team zu übernehmen, weil ich davon überzeugt bin, dass man intellektuell komplexe Vorgänge nicht allein lösen kann und sollte. Ich glaube nicht an den einen klugen Menschen, der alles überblickt und richtig macht. Nach meinem Ausscheiden aus dem Bundestag habe ich es vermisst, Jüngeren Wissen und Erfahrung anbieten zu können; aber auch den Austausch mit hochintelligenten Menschen aus allen Bereichen. Nirgendwo kann man seinen Intellekt und sein Wissen so schärfen wie im Bundestag – wenn man offen durch die Gegend geht. Ein Buch zum Thema Führung, das für mich maßgeblich ist: 'Make it so – leadership lessons from Star Trek'. Darin wird erklärt, warum der sensible feingeistige Jean Luc Picard in ‚Next Generation’ ab der ersten Sekunde als Führungsperson akzeptiert wird – weil er als Kapitän erst die maßgeblichen Positionen des Teams einholt und dann aber auch entscheidet und die Entscheidung klar kommuniziert: Make it so!"

 

Kristina Schröder (CDU), 2009 bis 2013 Bundesfamilienministerin, seit 2002 Mitglied des Deutschen Bundestags

Foto: Marco Urban

"Als ich mich 2013 entschieden habe, nicht für das nächste Bundeskabinett zur Verfügung zu stehen, war eindeutig meine damals zweijährige Tochter der Grund dafür. Denn es gab in meiner Amtszeit als Bundesfamilienministerin manche Situationen, in denen ich wegen der hohen zeitlichen Belastung wichtige Momente im Leben meiner Tochter verpasst habe. Ich wusste genau: Wenn ich meine gesamte intensive Familienphase so verbringe – die zweite Tochter war damals ja bereits unterwegs–, würde ich das auf meinem Sterbebett bereuen. Für mich war es insofern ein befreiender Schritt, nach den vier Jahren meine ganz persönlichen Prioritäten in Richtung Familie zu verschieben. Natürlich hatte ich als Ministerin mehr Führungsverantwortung. Als 'freie Abgeordnete auf freier Scholle' hat man aber andere Freiheiten, die auch ihren Reiz haben. Die Entscheidung, 2017 nicht erneut für den Bundestag zu kandidieren, ist jetzt für mich nichts anderes als eine berufliche Umorientierung. Ich habe für mich die Tätigkeit als Abgeordnete immer als ein Mandat auf Zeit betrachtet und wollte nie mein Leben lang Abgeordnete bleiben. Nach 15 Jahren im Bundestag ist es für mich dann jetzt Zeit, beruflich etwas Neues zu beginnen."

 

Gregor Gysi (Linke), 2005 bis 2015 Vorsitzender der Linken-Bundestagsfraktion und 2013 bis 2015 Oppositions­führer, seit 2005 Mitglied des Deutschen Bundestags

Foto: Hannibal/dpa

"Wenn man eine Verantwortung, ein Amt abgibt, fühlt man sich in der ersten Zeit erleichtert, teilweise befreit. Man merkt, dass man sich für bestimmte Angelegenheiten nicht mehr engagieren muss, was die innere Belas­tung deutlich reduziert. Auf der anderen Seite kann irgendwann eine Leere eintreten, unter der man leidet. Bei mir war das bisher aber nicht der Fall, weil ich eine solche Vielzahl von Einladungen bekomme, die mich in jeder Hinsicht auslastet. Insgesamt fühle ich mich wohl, ich glaube, den richtigen Zeitpunkt gefunden zu haben. Anders war es, als ich als Bürgermeister und Senator in Berlin aufhörte. Da musste ich mich wieder in den Beruf des Rechtsanwalts zurückbegeben, was eine beachtliche Umstellung war. Das hat mich aber wiederum so beschäftigt, dass ich nicht dazu kam, wirklich zu leiden."

 

Andreas Breitner (SPD, im Foto links), 2012 bis 2014 Innenminister des Landes Schleswig-Holstein, seit 2015 Verbandsdirektor des VNW, Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen

Foto: Maja Hitij/dpa

"Führungsverantwortung abzugeben, fühlt sich sehr gut an. Ab dem Tag, an dem ich mir sicher war, einen Berufswechsel zu vollziehen, hatte ich das Gefühl, über mein Wissen zu platzen. Als ich es dann meinem Chef, dem schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten, offenbarte, fühlte ich mich von einer gewaltigen Last befreit. Ich habe es auch als unschön empfunden, Führungsverantwortung in dem Wissen auszuüben, bald nicht mehr selbst dabei zu sein. Verlust habe ich nicht empfunden. Vielleicht, weil ich nach einem selbstbestimmten und ohne äußeren Druck vollzogenen Rücktritt wusste, dass ich sieben Monate später in einem neuen Beruf wieder Führungsverantwortung tragen werde. Es war ein gutes Gefühl, letztmalig der Öffentlichkeit, meiner Partei und Fraktion, Abgeordneten und Kabinettskollegen, den Bürgerinnen und Bürgern, Rechenschaft über mein Handeln ablegen zu müssen.

Ich muss mich heute nicht mehr in jeder Lebenssituation jedem gleichermaßen zugewandt widmen, sondern spüre die Freiheit, es mir aussuchen zu können. Ich empfinde das Mehr an Selbstbestimmung und das Weniger an Medienpräsenz und künstlicher Aufregung als positiv. Negative Veränderungen hatte der Schritt nicht für mich. Meine Eitelkeit ist in zwölf Jahren öffentlicher Ämter ausreichend bedient worden. Ich habe jetzt wieder eine Aufgabe mit Führungsverantwortung und arbeite für ein Produkt mit hoher gesellschaftlicher Relevanz, dem bezahlbaren Wohnraum. Das befriedigt mich sehr."

 

Christine Lieberknecht, 2009 bis 2014 Ministerpräsidentin des Freistaats Thüringen, seit 1991 Mitglied des Thüringer Landtags

Foto: Martin Schutt/dpa

"Der neue Ministerpräsident ist gewählt, das Amt übergeben. Die Erfurter Staatskanzlei habe ich verlassen. Es ist Freitag gegen 17 Uhr. Was tun? Ich gehe in Erfurts bekanntestes Kaufhaus 'Anger 1' und kaufe nach einem gefühlten Vierteljahrhundert erstmals für das familiä­­re Abendessen ein. Zum Schluss noch eine Flasche Champagner. Zu Hause erwartet mich eine Mischung aus herzlicher Willkommensfreude (endlich wieder da) und leichter Irritation (jetzt schon, um 18 Uhr, Einkauf fürs Abendbrot, wie wird das weiter gehen?).

Die neue, wiedergewonnene Freiheit scheint unendlich. Zum letzten und bis dahin einzigen Mal in meinem Leben hatte ich dieses Gefühl nach erreichter Volljährigkeit mit meinem 18. Geburtstag nebst bestandenem Abitur und Studienbeginn. Damals lag die Welt – wenn auch nur in den Grenzen der DDR und etwas Ostblock – offen vor mir. Jetzt, vierzig Jahre später, kann es heute nach New York, morgen nach Kapstadt und nächste Woche nach Hongkong gehen. Und niemandem bin ich mehr rechenschaftspflichtig. Auf der anderen Seite ist das 'Spiel' vorbei. Rausgeflogen, wie früher bei 'Mensch ärgere dich nicht'. Das aber hat weniger mit dem politischen Gegner zu tun. Die Steigerung 'Freund, Feind, Parteifreund' verschlägt mir auch heute noch gelegentlich die Sprache. Was bleibt, das ist für mich der Dreiklang: Zuerst bin ich Christin, als Christin bin ich Demokratin und als Demokratin bin ich Christdemokratin. Unabhängig von Ämtern und Hierarchien."