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Alte Liebe neu entdeckt

Die britische Presse bezieht vor Wahlen traditionell klar ­Position für eine Partei: Lange hielten die großen Zeitungen der Labour-Partei die Treue – doch nun wendet sich das Blatt.

Von Aljoscha Kertesz

Eine Grundsatzrede auf dem Labour-Parteitag sollte das Comeback des angeschlagenen britischen Premierministers Gordon Brown einläuten. Am 29. September ahnt er noch nicht, dass auch dieser Versuch scheitern wird: Denn den zweiten Tag der Parteikonferenz bestimmt nicht seine Ansprache, sondern die Ankündigung der größten Tageszeitung, bei der nächsten Wahl die oppositionellen Tories unterstützen zu wollen. Auf ihrer Titelseite teilte die „Sun“ ihren knapp zehn Millionen Lesern mit, dass Labour ihre Unterstützung endgültig verloren hat – vielleicht der entscheidende Schlag ins Gesicht des Premierministers.
Während sich Zeitungen in Deutschland mit Wahlempfehlungen bislang weitgehend zurückhalten, haben diese im anglo-amerikanischen Raum eine lange Tradition. Bereits weit vor den nächsten Wahlen klappern die Medienstrategen der Parteien die einzelnen Redaktionen ab und werben um ein „Endorsement“, eine offizielle Unterstützung. So dürfte es insbesondere ein Verdienst von Andy Coulson, Kommunikationschef von Oppositionsführer David Cameron, sein, dass sich die „Sun“ im beginnenden Wahlkampf wieder auf die Seite seiner Partei stellt. Als ehemaliger Redakteur der Boulevardzeitung und Chefredakteur des Schwesterblatts „News of the World“ verfügt Coulson über sehr gute Kontakte zum Medienimperium von Rupert Murdoch.
Doch das Geschäft mit offiziellen Wahlempfehlungen ist schwieriger geworden. In den 80er Jahren konnte sich die damalige Premierministerin Margaret Thatcher auf die breite Unterstützung der überregionalen Tageszeitungen verlassen: Von „Daily Telegraph“ über „Times“, „Sun“, „Daily Express“, „Daily Mail“ bis zum „Daily Star“ stand die so genannte „Tory Press“ geschlossen hinter der „Eisernen Lady“. Auch John Major erhielt 1992 Wahlkampfunterstützung von der Mehrheit der überregionalen Zeitungen.
Doch  nachdem Tony Blair die ehemals sozialistische Labour Party sozialdemokratisiert hatte, bekam das Bündnis zwischen der Mehrheit der Printmedien und den Konservativen bei den Wahlen 1997 erste Risse. Die Anziehungskraft, die „New Labour“ auf die britischen Medien hatte, war so stark, dass sich 2001 nur die erzkonservativen Zeitungen „Daily Mail“ und das inoffizielle Parteiorgan „Daily Telegraph“, auf der Insel auch gerne als „Daily Torygraph“ bezeichnet, hinter die Opposition stellten. Die „Tory Press“ hatte sich in eine „Tony Press“ verwandelt.
Nach zwölf Jahren an der Regierung ist die Unterstützung für Labour kühler geworden, was die Redakteure in ihren teilweise bissigen Kommentaren und Leitartikeln zum Ausdruck bringen.  
Langsam wenden sich die traditionell konservativen Medien wieder den Tories zu, wenn auch mit weniger Enthusiasmus als in den 80er Jahren. Das liegt nicht nur an der Entpolitisierung von weiten Teilen der britischen Bevölkerung. Die Koordinaten des politischen Systems haben sich insgesamt verschoben. Ähnlich wie die Christdemokraten unter Angela Merkel führt David Cameron eine modernisierte konservative Partei, die weiter links steht als noch vor 20 Jahren. Diese politische Neuausrichtung hat in beiden Ländern zu einer Abkehr traditioneller Wählerschichten geführt.
Auch in Teilen der konservativen Medien sitzt der Frust tief. Einflussreiche Journalisten wie Simon Heffer vom „Daily Telegraph“ und Peter Hitchens von der „Mail on Sunday“ agitieren offen gegen die Parteiführung der Tories. Erst Anfang November gab Hitchens seine Freude über jede Stimme zum Ausdruck, die bei der kommenden Wahl nicht an die Konservativen geht – uneingeschränkte Unterstützung durch die konservativen Medien sieht anders aus.
Bewegung gibt es auch bei den Zeitungen, die traditionell links der Mitte stehen. Auch wenn der „Guardian“ und der „Independent“ offiziell noch keine Wahlempfehlung ausgesprochen haben, lassen sie in Leitartikeln immer öfter eine Präferenz für die Liberaldemokraten erkennen.
Labours PR-Strategen müssen befürchten, bei den Unterhauswahlen im kommenden Jahr nur noch vom „Daily Mirror“ Schützenhilfe zu erhalten. Das Blatt hält der ehemaligen Arbeiterpartei seit seiner Gründung stoisch die Treue.
Zumindest nach außen nimmt Premierminister Brown die Abkehr der Medien gelassen. Dabei sollte ihm zumindest der Richtungswechsel der „Sun“ Kopfschmerzen bereiten. Die Zeitung mit der höchsten Auflage hält einen einmaligen Rekord: Kein anderes Medium in Großbritannien hat so oft den späteren Wahlsieger unterstützt. Seit 1979 setzte sie konstant auf den späteren Gewinner.

Aljoscha Kertesz

ist Berater für Public Relations mit Master in International Relations.