D
Politik

Alte, hört den Jungen zu!

Der demografische Wandel trägt den Generationenkonflikt auch in die Politik. Oft nehmen die Älteren die Jungen nicht ernst genug, dabei könnten sie viel von ihnen lernen. Aber es gibt auch machtpolitische Gründe, junge Menschen stärker partizipieren zu lassen. Ein Zwischenruf

von Wolfgang Gründinger

Ohne die Alten ist in Deutschland kein Staat mehr zu machen. Jeder zweite Wahl­berechtigte ist älter als 52 Jahre. Bald wird die Mehrheit der Wähler über 60 sein. Die Parteien reagieren darauf und machen ihre politischen Prioritäten seniorentauglich. Harald Schmidt brachte das in seinen "Handreichungen für die Politkarriere" schon 2013 auf den Punkt: "Rentner, Rentner, Rentner. Größte Wählergruppe, finanzstark, staatstreu. Vergessen Sie moderne junge Frauen in Großstädten. Überschaubare Anzahl, wählen sowieso Grün."

Das Engagement von Politik und Parteien für Kinder und Jugendliche hat meist nur symbolischen Charakter – so wie sich alternde Vorstands­chefs gern mit hippen Hoodie-Trägern an Kickertischen fotografieren lassen, um den Aufbruch zu beschwören. Und dann bleibt doch alles wie gehabt. Selbst wer nicht mehr 14, sondern 28 und Mitglied im SPD-Parteivorstand ist, wird nicht ernst genommen. Juso-Chef Kevin Kühnert wurde Anfang des Jahres bei Maybrit Illner zweimal mit "Herr Kleinert" angesprochen und von seinen Gesprächspartnern geduzt. In Interviews wurde er gefragt, ob er noch in einer WG lebe. Ältere glauben, sie hätten dank ihrer Lebenserfahrung die Altersweisheit gepachtet. Aber unsere Welt verändert sich schnell, und die Jugend stellt sich besonders schnell auf diese Veränderungen ein. Denn für sie ist das Neue das Normale. Daher können heute nicht nur Junge von Alten lernen, sondern auch die Alten von den Jungen. Das ist einer der Gründe, junge Menschen stärker zu beteiligen.

Zum anderen gibt es knallharte machtpolitische Gründe, junge Menschen stärker partizipieren zu lassen. Denn sie sind die Wähler von morgen – und wer in jungen Jahren eine bestimmte Partei wählt, wird sie mit höherer Wahrscheinlichkeit wieder wählen. Wer weitsichtig ist, sollte deshalb die junge Generation zu seiner wichtigsten Zielgruppe machen.

Die Öffnung des Wahlrechts wäre das wichtigste Instrument demokratischer Beteiligung, denn es sind die Wählerstimmen, die Parteien und Politik prägen. Es ist aber nicht das einzige Instrument: Jugendliche müssen überall dort beteiligt werden, wo es um ihre Interessen und ihre Zukunft geht, in Parteien, Gewerkschaften, Vereinen, Kommissionen, Fernsehbeiräten, kurz: An jedem Verhandlungstisch müssen auch junge Menschen dabei sein.

Politische Akteure sollten die Lebenswelt junger Menschen verstehen lernen – ihre Inhalte, ihren Kommunikationsstil, ihre Kanäle. Nur so lässt sich eine gemeinsame Gesprächsgrundlage finden. Bestenfalls sollten sie den Stil der Jungen nicht nur verstehen, sondern ihn auch beherrschen und nutzen, zum Beispiel indem sie bei Youtube über ihre Arbeit berichten und auch in der Kommentarspalte ansprechbar sind. Der Generationendialog kann auch durch Bündnisse vorangetrieben werden. Wenn kommunale Kinder- und Jugendparlamente eingerichtet werden, müssen sie entlang der Lebenswelt der Jugendlichen organisiert sein – also nicht in vierjährigen Legislaturperioden mit Leitz-Ordner-Beschlussvorlagen. Am Ende müssen die Alten ein Stück ihrer Macht abgeben. Damit die Zukunft eine Stimme hat.

 

Wolfgang Gründinger (c) David Ausserhofer
Wolfgang Gründinger

ist Botschafter der Stiftung Generationen­gerechtigkeit. 2013 focht er die Bundestagswahl aufgrund des Mindestwahlalters an. 2016 erschien sein Buch "Alte-­Säcke-Politik. Wie wir unsere Zukunft verspielen". (Foto: David Ausserhofer)