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„Alle Sicherheiten aufgegeben“

Die Internetplattform Wikileaks veröffentlicht streng vertrauliches Material und gerät ­daher ins Visier mächtiger Gegner wie dem US-Militär. Daniel Schmitt ist einer der Köpfe von ­Wikileaks und sprach mit p&k über seine Motive – und die Risiken.

Interview: Sebastian Lange, Johannes Altmeyer

Daniel Schmitt fällt nicht auf inmitten all der Internetgläubigen auf der „Republica“, dem großen Bloggertreffen in Berlin: Er ist ein Mann in den Dreißigern, trägt ein kurzärmliges Hemd, einen Vollbart und eine Brille, durch die er sein Gegenüber aufmerksam anschaut. Sein Notebook hat er natürlich dabei. Wir treffen den Sprecher des Online-Portals „Wikileaks“ am Rande der Tagung. Seit Wikileaks ein Video über US-Soldaten veröffentlicht hat, die unschuldige Iraker von einem Hubschrauber aus erschießen, sind die Bekanntheit und das Spendenaufkommen der Plattform deutlich gestiegen. Wikileaks veröffentlicht brisante Dokumente, um gesellschaftliche Missstände weltweit zu belegen. Schmitt sieht ein bisschen müde aus, weil er viel arbeitet und wenig schläft, doch merkt man, dass der Mann unter Strom steht: denn er hat eine Mission.  

p&k: Wikileaks hat in den vergangenen Monaten einige Scoops, also Exklusivgeschichten, gelandet, mehr als die meisten etablierten Medien. Was können Sie, was die nicht können?
Daniel Schmitt: Die Plattform produziert ja naturgemäß Scoops: Wir veröffentlichen nur Dokumente, die entweder noch nie öffentlich zugänglich waren oder solche, die zensiert wurden. Den klassischen Medien haben wir voraus, dass wir auf den Quellenschutz spezialisiert sind und auf die Verarbeitung von verschlüsseltem Material. Ausschlaggebend dafür, dass Informanten zu uns kommen und nicht mehr so oft zu den klassischen Medien, ist, dass wir ihr Material tatsächlich veröffentlichen. Aus einer Geheimsache machen wir keine weitere Geheimsache. Mancher Journalist lässt brisantes Material im Schreibtisch verschwinden, nachdem er seine Story geschrieben hat.

Wie sehen Sie Ihr Verhältnis zu den etablierten Medien: Ist Wikileaks eine Ergänzung oder Konkurrenz?
Eine Ergänzung. Wir machen es jedem Medium möglich, Material zu bekommen, das es sonst nicht bekommen könnte. Selbst eine Lokalzeitung kann mit unserer Hilfe über Guantánamo Bay berichten oder über Korruption in Kenia, und zwar ohne, dass sie dorthin Kontakte haben muss.

Welchen Anspruch haben Sie an die Zuverlässigkeit des Materials, das Sie auf die Webseite hochladen? Ihr Grundsatz lautet: „Im Zweifel veröffentlichen“.
„Im Zweifel veröffentlichen“ bezieht sich nicht auf die Echtheit des Materials. Wir haben einen hohen Standard, was die Authentizität angeht. Wir unterhalten ein Netzwerk von 800 bis 1000 Spezialisten, darunter IT-Leute, Kalligrafen, die Handschriften prüfen können, und Journalisten. Wir arbeiten auch mit Menschenrechtsexperten und Anwälten zusammen. Das alles lässt eine viel robustere Prüfung zu, als sie den meisten Zeitungen möglich ist.

Also setzen Sie auf die„Weisheit der Vielen“?
Ja, dieses Prinzip spielt da ganz bestimmt mit rein.

Wie schützen Sie sich dagegen, dass Gegner von Wikileaks Sie infiltrieren?
Das ist in der Tat ein Problem. Unser Netzwerk ist in den letzten Jahren nicht sehr stark gewachsen. Es beruht auf Vertrauen. Wir arbeiten im Moment an einer Struktur, die viel mehr Leuten die Mitarbeit ermöglicht. Das funktioniert aber nur, wenn wir den Schutz der Quelle garantieren können. Dann werden wir auch viel mehr Journalisten die Mitarbeit ermöglichen, schaffen mehr Transparenz auch in Bezug auf unsere Arbeit und können die Akzeptanz bei den Medien steigern.

Im April haben Sie viel Aufsehen mit einem Video gesorgt, das zeigt, wie US-Soldaten in Bagdad unschuldige Zivilisten töten. Stimmt es, dass das US-Militär versucht hat, Ihre Server lahmzulegen?
Es gibt jedenfalls ein Strategiepapier des US-Militärs, in dem wir als Bedrohung dargestellt werden. Darin wird erklärt, wie man unsere Arbeit sabotieren kann, etwa, indem man uns falsche Dokumente unterjubelt.

Da haben Sie sich mächtige Gegner ausgesucht. Haben Sie keine Angst?
Nein, Angst ist problematisch. Wenn ich Angst hätte, dann könnte ich ja gar nichts mehr machen. Und wenn alle Angst hätten, würde sich die Gesellschaft gar nicht mehr bewegen. Man muss abschätzen, welche Risiken es gibt. Und für jemanden wie mich, der in einem westlichen Land wohnt, wo niemand bewaffnet durch die Straßen fährt, sind es relativ wenige. Natürlich könnte man versuchen, rechtlich gegen mich vorzugehen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass mich ein schwarzer Helikopter mitnimmt, ist nicht so hoch.

Sie haben angekündigt, 37.000 interne Mails der NPD zu veröffentlichen. Befürchten Sie nicht, dass bei einer Veranstaltung mal Nazis auftauchen?
Das kann passieren. Aber in diese Gefahr begibt sich ja jeder Journalist, der investigativ arbeitet. Und wenn wir nicht mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, dass man so etwas machen kann, ohne in einem Loch wohnen zu müssen und nie wieder ans Tageslicht zu gehen, dann würde ja auch niemand mitmachen. Es ist wichtig, dass wir Gesicht zeigen.

Sie haben allerdings gewisse Vorkehrungen getroffen, denn Daniel Schmitt ist nicht Ihr richtiger Name.
Anfang 2008 hatten wir ein bisschen Ärger mit dem Bankhaus Julius Bär, weil wir Dokumente aus dessen Umfeld publiziert haben. Damals brauchte Wikileaks einen Sprecher, und ich habe diese Aufgabe übernommen. Ich bin unter diesem Namen aufgetreten, weil wir wussten, dass das Bankhaus zu dieser Zeit zumindest gegen andere Leute Privatermittler eingesetzt hat. Denen wollten wir es nicht zu leicht machen. Der Name hat sich dann verselbstständigt.

Leben Sie von der Tätigkeit für Wikileaks?
Nein, denn in den ersten drei Jahren haben wir das Projekt vor allem aus unserem privaten Vermögen finanziert. Wir haben bis Ende des vorigen Jahres zirka 25.000 Euro Spenden bekommen – gemessen an den Kosten ist das sehr wenig, da wir in mehreren Dutzend Ländern Infrastruktur unterhalten. Wir arbeiten alle ehrenamtlich. Ich selbst arbeite seit Januar 2009 in Vollzeit ausschließlich für das Projekt. Seitdem habe ich auch kein Geld verdient; ich lebe von meinen Ersparnissen, wie alle anderen, die im Moment in Vollzeit für die Plattform tätig sind. Das sind insgesamt fünf Personen.

Gab es denn erkennbare Angriffe auf Ihr Netzwerk?
Ja, wir beobachten regelmäßig Dos-Attacken, das heißt: Jemand versucht, über eine Vielzahl von Anfragen unsere Infrastruktur auszuhebeln. Es gibt Privatermittler, die auf uns angesetzt wurden, und auch der Bundesnachrichtendienst hat uns kontaktiert: Wir sollten Dokumente, die wir bekommen, löschen, sonst würden wir rechtlichen Ärger bekommen. Wir erhalten etwa einmal pro Woche Post von irgendwelchen Rechtsanwälten, die uns rechtlich bedrohen.

Warum nehmen Sie in Kauf, Ihre privaten Ersparnisse aufzuzehren? Treibt Sie der reine Idealismus – oder wollen Sie mit der Plattform auch mal Geld verdienen?
Irgendwann natürlich schon, allerdings habe ich mich bewusst gegen meine Karriere entschieden, weil mir das Projekt wichtiger ist. Ich habe all die Sicherheiten, die ich hatte, aufgegeben. Und das ist natürlich schon Idealismus, andererseits aber auch Realismus, weil ich täglich merke, was so ein Projekt bewegen kann. Jede Minute, die wir in Wikileaks stecken, bewirkt etwas Gutes für die Gesellschaft.

Sie haben einmal gesagt, dass Wikileaks den „instabilen Zustand der Medien“ korrigieren will. Was heißt „instabil“?
Überall auf der Welt schwindet die Pressefreiheit – hier in Deutschland vielleicht noch nicht so stark, aber wir müssen nur nach England schauen: Da geraten Journalisten immer mehr unter Druck und werden in ihrer Arbeit behindert, der Quellenschutz wird stark in Frage gestellt. Das setzt die Presse schon in so eine Art instabilen Zustand. Auch funktioniert die Finanzierung der Presse überhaupt nicht mehr so gut wie früher. Viele Verlage nehmen heute viel zu stark Rücksicht auf die Interessen ihrer Anzeigenkunden und arbeiten kaum noch investigativ; auch geht es den Medien heute zu oft nur noch um Quote, um Tittytainment.

Was ist für Sie das entscheidende Kriterium bei einer Veröffentlichung? Dass ein öffentliches Interesse besteht?
Wenn man uns ein öffentliches Dokument zur Verfügung stellt, klären wir vorher einen Katalog von Fragen. So muss es sich unter anderem um Dokumente von politischer, historischer oder moralischer Bedeutung handeln. Wir fragen die Quelle, worin diese Bedeutung besteht und warum sie der Meinung ist, dass das veröffentlicht werden soll. Wir veröffentlichen kein Dokument, zu dem diese Fragen nicht beantwortet sind. Das ist schon einmal eine Hürde für jemanden, der etwas schickt, nur um jemanden zu diffamieren.

Sie haben den Mailverkehr von Sarah Palin veröffentlicht. Nehmen Sie keine Rücksicht auf private Interessen?
Wenn wir anfangen würden, zu zensieren oder Beiträge auszuwählen, wäre unsere Neutralität nicht mehr gewährleistet. Wie sollen wir unseren Quellen glaubwürdig versichern, dass wir nicht nach einer bestimmten Agenda Inhalte herausfiltern? Natürlich sind manche Fällen grenzwertig, was die Privatsphäre angeht. Das ist uns auch bewusst, aber wir haben noch keine bessere Lösung gefunden, das zu handhaben.